briefe von der front 24. Jul 2026

Ein Gesicht der Vertreibung

Kusai Abu al-Khabash wurde von maskierten Siedlern gedemütigt und beraubt – seine Aussagen gehen um die Welt.

Im aktuellen Artikel «Briefe von der Front» schildert Ari Folman, wie der Übergriff auf den palästinensischen Hirten Kusai Abu al-Khabash ein System der Gewalt und Vertreibung offenlegt.

Der Mann auf dem Foto heisst Kusai Abu al-Khabash. Er ist verheiratet und hat drei kleine Töchter. Er ist ein palästinensischer Hirte, der mit seiner Familie in einem Zelt im nördlichen Jordantal lebt – im Westjordanland. Ihr Lager liegt 20 Kilometer vom Grenzübergang zwischen Israel und Jordanien entfernt.

In der kleinen Zeltgruppe leben ausserdem Kusais Vater, der dort geboren wurde, dort aufwuchs und dort seine eigenen Söhne grossgezogen hat. Auch seine beiden Brüder leben mit ihren Familien dort. Insgesamt gibt es drei Zelte, einen Wassertank und mehrere Solarmodule, die die Familien mit Strom versorgen. Bis vor Kurzem gab es noch einen weiteren Pferch, in dem 200 Schafe und Ziegen untergebracht waren.

Dieser Ort, tief im Herzen des Jordantals, heisst Homsa. Die Familie Abu al-Khabash lebt seit mehr als 60 Jahren auf diesem Land. Sie verfügt über offizielle Unterlagen der Zivilverwaltung, die ihre Rechte an dem Land bestätigen. Das Familienlager liegt relativ abgelegen, etwa acht Kilometer von der nächsten Strasse entfernt, und ist nur über einen holprigen Pfad erreichbar, der ein Fahrzeug mit Allradantrieb erfordert. Wegen seiner Abgeschiedenheit bezeichne ich Homsa als «Todesfalle».

Der Angriff auf Homsa
Vor vier Monaten, in der Nacht des 13. März, trafen 30 maskierte Siedler im Lager von Homsa ein. Sie trieben die drei Familien, darunter die kleinen Kinder und den betagten Grossvater, gewaltsam zusammen, drängten sie in ein einziges Zelt und fesselten ihnen Hände und Füsse mit brutal festgezogenen Plastik-Kabelbindern. Vor den Augen der Kinder und Frauen zogen sie Kusai vollständig nackt aus, legten ihm einen Plastik-Kabelbinder um den Penis und trieben ihn vor den Augen seiner drei Töchter, seiner Nichten, seiner Frau, seines Vaters und seiner Brüder durch das Lager. Nachdem sie ihn nackt auf einem nahegelegenen Feld zurückgelassen hatten, öffneten sie den Viehstall und stahlen die gesamte Herde der Familie – 200 Schafe und Ziegen im Wert von etwa einer Million Schekel.

Zum Unglück der Siedler befanden sich unter denjenigen, die sie in dieser Nacht fesselten, zwei amerikanische Freiwillige, die das aufrechterhalten, was im Westjordanland als «schützende Präsenz» bekannt ist. Sie gehören einer aussergewöhnlichen Organisation namens Jordan Valley Activists an, einer Gruppe von rund 200 Freiwilligen, deren überwiegende Mehrheit Israelis sind, die sich Tag und Nacht dem Schutz palästinensischer Gemeinden vor Angriffen durch Siedler und auch vor der Armee widmen.

Eine der amerikanischen Freiwilligen erreichte am frühen Morgen des folgenden Tages die nächste Polizeistation und gab eine ausführliche Aussage ab. Sie verliess Israel unmittelbar danach, weil sie befürchtete, festgenommen zu werden, und kehrte in die Vereinigten Staaten zurück. Hätte sie nicht ausgesagt, hätte fast niemand Kusai und seiner Familie geglaubt, als sie schilderten, was in der Nacht des 13. März geschehen war.

Warum dieser Fall anders ist
Diesmal endete die Geschichte jedoch nicht mit der Aussage einer anonymen amerikanischen Freiwilligen. Kusai selbst traf die aussergewöhnliche Entscheidung, eines der tiefsten Tabus in der palästinensischen Gesellschaft zu brechen. Schon am nächsten Tag beschloss er, seine Geschichte überall dort zu erzählen, wo jemand bereit war, ihm zuzuhören.

Es begann mit einem Team von CNN, das 24 Stunden nach dem Angriff in Homsa eintraf, angeregt durch die Aussage der Freiwilligen. Es ging weiter in der «New York Times», dann im «New Yorker», im «Guardian» und in Medien weltweit. Kusai beschrieb in schmerzhaften Details die sexuellen Übergriffe und Demütigungen, die ihm von Siedlern vor den Augen seiner kleinen Töchter zugefügt worden waren.

Am Tag nach der Ausstrahlung seines CNN-Interviews in den Vereinigten Staaten wurde das amerikanische Fernsehteam, das ihn gefilmt hatte, selbst von israelischen Soldaten des Netzah-Yehuda-Bataillons angegriffen – ein fast unerträglich ironischer Name. Der Kameramann wurde gewaltsam zu Boden geworfen, gefolgt von seiner Kamera.

Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit
Nachdem Kusais Aussage in der internationalen Presse erschienen war, wurde über den Angriff auch in Israel berichtet, allerdings nur von «Haaretz». Alle anderen grossen israelischen Nachrichtenorganisationen entschieden sich dafür, ihn vollständig zu ignorieren.

Dennoch geschah etwas für die Verhältnisse im Westjordanland Bemerkenswertes. Delegationen trafen im Lager Homsa ein, um Kusais Aussage selbst zu hören. Unter ihnen befanden sich pensionierte israelische Generäle, darunter Moshe Yaalon, ein ehemaliger Generalstabschef der israelischen Streitkräfte, der nach seinem Ausscheiden aus dem Militärdienst enge Verbindungen zur politischen Rechten Israels knüpfte, bevor er seine Ansichten nach den Ereignissen vom 7. Oktober radikal überdachte und seitdem zu einem der schärfsten öffentlichen Kritiker der Regierung Netanyahu geworden ist.

Nach den pensionierten Generälen folgten Delegationen ehemaliger Polizeikommissare, Künstler – einige im Ruhestand, viele noch im aktiven Dienst – sowie zahlreiche weitere Besucher. Bis heute hat Kusai nicht aufgehört, seine Aussagen über die Nacht des 13. März zu wiederholen.

Kein Einzelfall
Seit sieben Monaten dokumentiere ich für den deutschen Fernsehsender Arte das, was ich als die ethnische Säuberung von zehn palästinensischen Hirtengemeinden bezeichne. Nur sechs dieser Gemeinden befinden sich noch auf dem Land, das ihnen rechtlich gehört und offiziell auf ihren Namen eingetragen ist.

Während all dieser Monate wurde ich Zeuge unzähliger Akte der Einschüchterung, Gewalt und Enteignung. Keiner davon löste auch nur annähernd eine solche Reaktion aus wie der sexuelle Übergriff auf Kusai. Um es so deutlich wie möglich zu sagen: Hätte einer der Siedler Kusai in jener Nacht erschossen, hätte dies vermutlich kaum jemand ausserhalb einer kleinen Gruppe ausserordentlich mutiger Aktivisten im nördlichen Jordantal zur Kenntnis genommen.

Was die Welt schockierte, war nicht die Möglichkeit eines Mordes, sondern Kusais anschauliche Schilderung sexueller Gewalt. Wie konnte das sein, fragten sich plötzlich viele Menschen, wie konnten Juden einem palästinensischen Hirten so etwas antun? Irgendeinem Menschen so etwas antun? Wäre er einfach nur getötet worden, hätten viele wahrscheinlich die bekannte Erklärung akzeptiert, dass es aus Notwehr geschehen sei. Das ist die Geschichte, die uns so oft erzählt wird. Aber einen Mann nackt auszuziehen, ihm Plastikfesseln um die Genitalien zu legen und ihn zu zwingen, vor seinen eigenen Töchtern herzulaufen – welche denkbare Notwehrbehauptung könnte das rechtfertigen? Welche Erklärung könnte man dafür überhaupt anführen? Neben Homsa dokumentiere ich die Gemeinden Hadidiya, Farasia, Ein al-Hilwe, Hamra und Samra. Jeder einzelne Tag ist für diese Gemeinden entscheidend. Jede dieser Gemeinden hat ihren eigenen «Sheriff», einen hochrangigen Siedler, der auf einem Hügel oder Berg lebt, von dem aus er die palästinensischen Lager unter sich überblickt. Der Staat hat ihm riesige Flächen öffentlichen Landes zugeteilt, manchmal Hunderte von Hektar, zusammen mit Wasserinfrastruktur, Gebäuden und landwirtschaftlichen Erschliessungen – Anwesen, die an die Grösse einer mittelgrossen israelischen Stadt wie Givatajim heranreichen.

Ein System mit Methode
Jeder dieser Siedler-«Sheriffs» baut ein Netzwerk kleinerer Satellitenaussenposten auf, kleine Lager, die von Teenagern besetzt sind. Genau diese Jugendlichen hat Binyamin Netanyahu letzte Woche in einem Interview mit Fox News als «jugendliche Straftäter» abgetan und als Hooligans bezeichnet, als wären sie ein unbedeutendes und isoliertes Ärgernis und nicht Teil von etwas weitaus Systematischerem. Doch diese jungen Männer werden durch Smotrichs Ministerium mit Geländewagen ausgestattet, die es ihnen ermöglichen, palästinensische Hirten und ihre Herden zu vertreiben, einzuschüchtern und zu schikanieren.

Das ist keine willkürliche Gewalt. Es ist ein sorgfältig konzipiertes und akribisch organisiertes System, dessen einziger Zweck darin besteht, palästinensische Hirten von ihrem Land zu vertreiben. Und es funktioniert. Die Hirten, ihre Familien und ihre kleinen Kinder kennen diese «Sheriffs» nur allzu gut. Sie kennen jeden von ihnen beim Namen. Für die Hirten und für ihre Kinder sind dies die Götter der Angst, die über ihre jeweiligen Gebiete herrschen.

Ohne Lebensgrundlage
Seit März haben die Angriffe auf Homsa aufgehört, vielleicht aufgrund der internationalen Aufmerksamkeit. Doch abgesehen von der Vernehmung einer Handvoll Verdächtiger gab es keine nennenswerten Fortschritte bei der Identifizierung oder strafrechtlichen Verfolgung der Verantwortlichen.

Die Gemeinschaft wurde ohne jegliche Einkommensquelle zurückgelassen. Die gestohlene Herde war individuell gekennzeichnet, was es der Polizei relativ einfach gemacht hätte, die Tiere aufzuspüren und der Familie Abu al-Khabash zurückzugeben. Dennoch wurden keine nennenswerten Anstrengungen unternommen, sie wiederzufinden. Die Familie ist nun zusammen mit all ihren Kindern völlig ohne Lebensgrundlage. Erst vor einer Woche erhielten sie zudem einen Abrissbefehl für ihr Lager. Obwohl sie seit Jahrzehnten auf diesem Land leben, kann jeden Moment ein Bulldozer in Begleitung maskierter Soldaten eintreffen, um alles zu zerstören.

Vertreibung vor dem Urnengang
Im vergangenen Jahr trugen fast alle im Jordantal stationierten Soldaten, darunter viele junge Frauen, eine Gesichtsmaske. Die Erklärung dafür ist einfach: Sie wollen nicht identifiziert werden, weil sie befürchten, dass ihnen eines Tages die Einreise nach London, Berlin oder in andere europäische Hauptstädte verweigert werden könnte. Genau aus diesem Grund verbergen sie ihre Gesichter, so wie es auch die Siedler taten, die Homsa angegriffen haben.

Letzte Woche traf in Ein al-Hilwe ein maskierter Siedler mit einem Bulldozer in Begleitung von acht Soldaten – Männern und Frauen – ein und riss jedes Zelt der Gemeinschaft ab, einer Gemeinschaft, die ebenfalls seit Jahrzehnten dort gelebt hatte. In Farasia wurden bereits Abrissverfügungen gegen die verbleibenden Gebäude erlassen. Der Wettlauf gegen die Zeit ist verzweifelt geworden.

Die Uhr tickt bis zu den Wahlen am 27. Oktober. Aus Angst vor einer Wahlniederlage scheint die Regierung entschlossen, die ethnische Säuberung dieser palästinensischen Hirtengemeinschaften abzuschliessen, bevor die Wähler an die Urnen gehen. Diese Kampagne umfasst Abrissverfügungen, rechtswidrige Verhaftungen von Hirten, wiederholte Überfälle durch Siedler und ständige Einschüchterungen – alles mit einem einzigen Ziel: Vertreibung.

Das bevorzugte Ziel ist die nahegelegene Stadt Tubas. In den Städten lässt sich die palästinensische Bevölkerung kontrollieren. Es gibt Absperrungen, nächtliche Ausgangssperren, Kontrollpunkte und Bewegungsbeschränkungen. Die Menschen können dort eingesperrt werden, und – was vielleicht am wichtigsten ist – sie verschwinden aus dem Blickfeld.

Ein palästinensischer Hirte, der sich frei auf Land bewegt, das ihm rechtmässig gehört, passt nicht in das Bild, das die derzeitige israelische Regierung vermitteln möchte. Ein Hirte, der mit seiner Herde über offene Hügel zieht, steht für Freiheit. Und genau diese Freiheit muss beseitigt werden.

Die Wahl am 27. Oktober rückt rasch näher, und die Aussicht auf eine Wahlniederlage scheint näher denn je. Dieser Artikel ist ein Hilferuf, denn die jüngsten Ereignisse haben gezeigt: Nur internationaler Druck kann die totale Zerstörung stoppen, die die derzeitige Regierung betreibt.

Ari Folman