1945 entstand in Fano an der Adria eine jüdische Fischerei- und Marineschule, in der Schoah-Überlebende auf ein Leben im künftigen Staat Israel vorbereitet wurden.
Das American Jewish Joint Distribution Committee («Joint»), eine jüdisch-amerikanische Wohlfahrtsorganisation, berichtete in ihrer Presseerklärung im November 1946: «Fano – in dieser kleinen Stadt an der Adriaküste vergessen Männer und Frauen, allesamt Überlebende von Konzentrationslagern in Polen, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien und Litauen, langsam die Vergangenheit. (…) Sie bereiten sich auf die Zukunft vor, indem sie ein Handwerk erlernen, das ihnen von den Seefahrern aus Fano beigebracht wird.»
Die ersten kamen schon im November und Dezember 1945 in der italienischen Hafenstadt Fano an, unter ihnen die 18-jährige Sarah. Sie wurde in Łódź geboren und von der US-Armee Anfang Mai 1945 aus dem Konzentrationslager Mauthausen in Österreich befreit. Mithilfe von Soldaten der jüdischen Brigade, einer jüdischen Einheit in der britischen Armee, gelangte sie nach Italien. Von dort aus wollte Sarah nach Palästina einwandern.
Auf dem Weg erfuhr sie von der Fischereischule in Fano. «Hier konnte ich etwas lernen und mich auf die Reise nach Palästina vorbereiten», erinnerte sie sich in einem Interview mit der italienischen Historikerin Stefania Pirani. Zu den ersten etwa 20 Ankömmlingen in Fano gehörte auch Sarahs späterer Ehemann Asher Laor. Er hatte Auschwitz und einen Todesmarsch überlebt. Die Gruppe wurde zunächst in einer ehemaligen Fischkonservenfabrik untergebracht. «Wir waren 20 Jahre alt und hatten viele Ideale, wir wollten nach Palästina gehen und einen Kibbuz gründen», berichtete Asher.
Vorbereitung auf die Zukunft
Die Grundidee und das Ziel waren, eine Fischereischule aufzubauen und rund 100 Schoah-Überlebende, die nach dem Krieg in Italien gestrandet waren, als professionelle Fischer und Seefahrer auszubilden. Das Projekt wurde vom Joint initiiert und finanziert. Die Marine-Schule erhielt zudem Unterstützung von der Internationalen Flüchtlingsorganisation United Nations Relief and Rehabilitation Organisation (UNRRA).
Ende 1946 hielten sich ca. 20 000 osteuropäische Juden in den zahlreichen italienischen Auffanglagern, sogenannten Displaced Persons (DP) Camps, auf. Sie wollten nach Palästina, um dort eine jüdische Heimatstadt aufzubauen – in einem noch zu schaffenden eigenen Staat Israel erhofften sie sich Sicherheit und Frieden. Doch Palästina war noch britisches Mandatsgebiet und die Regierung in London verweigerte Juden freie Einreise. So nutzte man die Zeit in der Diaspora, um sich auf die Zukunft vorzubereiten. Dies geschah insbesondere auf den vielen «Hachscharot» («Bauernschulen»), in denen die jungen Juden in Ackerbau und Viehzucht unterrichtet wurden. Diese als Kibbuz geführten Ausbildungsstätten befanden sich zumeist im besetzten Deutschland, aber auch in Österreich und Italien. Eine Besonderheit waren die wenigen Marine- oder Fischerei-Kibbuzim. In Deutschland existierten eine am Elbufer in Hamburg und eine weitere an der Donau unweit von Deggendorf. In Italien gab es die Marine-Kibbuzim in Fano an der Adria und eines in Ostia am Tyrrhenischen Meer.
Ausbildung im Marine-Kibbuz
Nachdem die ersten Anfangsschwierigkeiten in Fano überwunden waren (die Unterkünfte mussten renoviert werden, und das Projekt auch den Segen der italienischen Behörden erhalten), konnte mit der Ausbildung der Schoah-Überlebenden begonnen werden. Dazu war es nötig, die italienische Sprache zu erlernen. «Es war ein sehr sympathischer Lehrer aus Fano, der uns Italienisch beibrachte, indem er uns aus dem Leben von Jesus erzählte», gab Sarah Laor zu Protokoll. «Wir hatten aber auch Unterricht in Hebräisch und in jüdischer Geschichte, der von uns selbst organisiert war», ergänzte sie. Zudem besuchten Abgesandte aus Palästina, die über das Leben in Erez Israel informierten und für den Aufbau des jüdischen Staates warben, die Kibbuzniks.
Im Frühjahr 1947 lebten, arbeiteten und lernten 77 junge Juden im Alter von 18 bis 27 Jahren im Marine-Kibbuz Fano, darunter 25 Frauen und 52 Männer. 75 Prozent stammten aus Polen, der Rest etwa zu gleichen Teilen aus Ungarn und Rumänien. Die berufliche Ausbildung umfasste Lehrgänge für Zimmerleute, Schiffsmotorenmechaniker und Steuermänner, Matrosen und Fischer. Neben den fünf von der italienischen Regierung gestellten Lehrern unterrichteten auch einheimische Fischer über Fangmethoden und Netzherstellung. Praktische technische Fertigkeiten erlernten die Auszubildenden in verschiedenen örtlichen Handwerksbetrieben der Holz- und Metallverarbeitung. Es gelang ihnen sogar, einen eigenen Kutter zu bauen. Die nötigen Gelder stellten UNRRA und Joint zur Verfügung, wobei die jüdisch-amerikanische Hilfsorganisation den grössten Teil übernahm. Allerdings beteiligen sich auch die Marine-Schüler tatkräftig an der Finanzierung. «Sie haben häufig auf einen vollen Magen verzichtet, indem Sie ihr Taschengeld für den Kauf von Ausrüstung und Materialien verwendeten», notierte ein Joint-Mitarbeiter. Weiterhin spendeten die Umschüler ihre Erlöse aus dem Verkauf von Zigaretten- und Schokoladenzuteilungen für den Schiffsbau.
Im November 1947 wurde das Fischerboot mit dem Namen «Harischona» («das Erste») bei einem grossen Fest zu Wasser gelassen. Nachdem das italienische Marine-Ministerium die Nutzungserlaubnis erteilt hatte und das Schiff ordentlich registriert worden war, «kauften wir einen Motor und fuhren aufs Meer hinaus», zitiert Historikerin Pirani den Mauthausen-Überlebenden Leon Jeruchim. «Wir fischten zwei Jahre in Fano, verkauften unseren Fang auf dem Markt und arbeiteten wie die anderen italienischen Fischer», fügte er hinzu. Da einige Seeleute zwar über eine Kapitänausbildung verfügten, jedoch noch nicht über die nötige Berufspraxis, musste ein italienischer Schiffsführer an Bord sein.
Von Fano nach Israel
Noch vor der Gründung des Staates Israel versuchten einzelne Gruppen aus Fano, nach Palästina überzusiedeln. Oft vergeblich, wie etwa Sarah und Ascher, die im März 1947 in Metaponto mit rund 1500 Überlebenden den Dampfer «Moledet» bestiegen. Im Hafen von Haifa wurden alle Passagiere zwangsweise auf zwei britische Militärschiffe umgeladen und in mit Stacheldraht umzäunte Camps auf der Insel Zypern deportiert. Erst nach der Proklamation des jüdischen Staates erreichte das junge Paar seine neue Heimat Israel, wie auch die Mehrheit der Fischer und Seeleute aus Fano. Viele blieben dem Meer verbunden und dienten in der israelischen Marine, einige gründeten die Fischergenossenschaft Migdalor («Leuchtturm»), andere arbeiteten als Fischer oder schlossen sich einem Kibbuz an.
Die Fischereischule in Fano war eine der vielen selbstverwalteten, kollektiven DP-Gemeinschaften in der Nachkriegszeit. Sie bot über 100 Schoah-Überlebenden «eine hervorragende Berufsausbildung in einem Bereich, der den jüdischen Entwurzelten, dem jüdischen Volk und Palästina zur Ehre gereichte», resümierte man beim Joint. Die konkrete Arbeit im Fischerei-Kibbuz diente aber auch der Rehabilitation und Traumabewältigung, der Vorbereitung auf die Alija und dem zukünftigen Leben in einem eigenen jüdischen Gemeinwesen. Es war ein Zuhause auf Zeit und ermöglichte die Rückkehr ins Leben.