Die Behörden verweigerten der in Basel aufgewachsenen jüdischen Sängerin Hella Olstein die Einbürgerung – nun soll ein Stolperstein an das Schicksal erinnern
Es ist eine Geschichte, die auf den Bühnen Basels beginnt, in den Cabarets von Paris und Südfrankreich ihren Höhepunkt erreicht und in Auschwitz ein gewaltsames Ende findet. Die Protagonistin ist eine junge Frau aus einfachen Verhältnissen, die ihren Traum von einer Karriere als Sängerin verfolgt und gesellschaftliche Konventionen hinter sich lässt. Doch Hella Olsteins Leben erzählt auch von Ausgrenzung, verweigertem Schutz und einer Familiengeschichte, die erst Jahrzehnte später wieder ans Licht kommt.
Der Traum von der Bühne
Als Hinda Brucha Olstein wird Hella am 5. März 1905 im polnischen Lodz geboren. Über Frankreich gelangt ihre Familie 1915 nach Basel. Die Verhältnisse sind bescheiden, das Umfeld konservativ. Hella aber will Sängerin werden. Sie tritt im Küchlin-Theater auf und erhält Engagements in Luzern und am Zürcher Corso-Theater. Dann stoppt die Weltwirtschaftskrise ihre Karriere. Auftritte werden seltener, das Geld knapp. Zurück in Basel arbeitet sie zeitweise als Verkäuferin im Warenhaus Rheinbrücke. Ihren Traum gibt sie allerdings nicht auf.
Ende 1932 beantragt Hella die Schweizer Staatsbürgerschaft. Die Behörden lehnen ab: Die Familie sei arm, ihre Existenz als Artistin unsicher. Hella legt Rekurs ein. Ihr Vermieter, der zunächst «weder Gutes noch Böses» über sie zu sagen wusste, ändert seine Meinung. Auch eine Nachbarin wird befragt. In den Polizeiberichten ist von einer «schrecklich frechen Hexe» die Rede, die nachts singe. Offener Antisemitismus zeigt sich in der Behauptung, ihr Gesuch sei eine «regelrechte kaufmännische Berechnung dieser Ostjüdin». Der Rekurs scheitert. Im Sommer 1933 reist Hella mit 20 Francs in der Tasche nach Paris.
Eine aussergewöhnliche Liebe
Paris zieht in den dreissiger Jahren Künstler, Intellektuelle und Menschen mit unkonventionellen Lebensentwürfen an. Am 1. Juli 1933 begegnet Hella dort Eve Adams. Die als Chawa Zloczover in Polen geborene Frau war 1912 in die USA ausgewandert und hat sich dort in den künstlerischen und anarchistischen Kreisen von Greenwich Village bewegt. Mit ihrem 1925 veröffentlichten Buch «Lesbian Love» gerät sie ins Visier der Behörden; 1927 wird sie ausgewiesen. Hella und Eve werden ein Paar. Während Eve in intellektuellen Kreisen verkehrt, tritt Hella unter dem Künstlerinnennamen Norah Waren in Cabarets auf. Zehn Jahre lang teilen sie ihr Leben.
Karriere im Schatten des Krieges
Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1940 Paris besetzt, fliehen Hella und Eve nach Nizza. Trotz der zunehmenden Bedrohung findet Hella auch weiterhin Engagements, unter anderem in Monaco, Grenoble und Marseille. Noch im August 1943 wird sie in einer Konzertkritik mit Édith Piaf verglichen. Zu diesem Zeitpunkt lebt sie längst in grosser Unsicherheit. Im Sommer 1940 heiratet sie einen Franzosen namens Soldner, über den nichts bekannt ist. Durch die Ehe erhält sie die französische Staatsbürgerschaft. Ihre Beziehung zu Eve besteht weiter. Ob die Heirat vor allem der rechtlichen Absicherung diente, bleibt ungeklärt.
Den Kontakt mit ihrer Heimat Basel hält Hella aufrecht. 1941 beantragt sie für einen Besuch die Einreise in die Schweiz – vergeblich. Als deutsche Truppen im September 1943 Nizza besetzen, verschärft sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Im Dezember verhaftet die Gestapo das Paar. Über das Sammellager Drancy bei Paris werden Hella und Eve am 17. Dezember 1943 mit Transport 63 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Lederetui voller Erinnerungen
Schon vor und während des Krieges sammelt Hellas Bruder André ihre Briefe, Postkarten, Fotografien und amtliche Dokumente und versucht ihr Schicksal aufzuklären. Nach Andrés Tod entdeckt sein Sohn Daniel die Sammlung in einem Lederetui. Im April 2020 erreicht ihn eine E-Mail aus Israel: Eran Zahavy, ein Grossneffe von Eve Adams, sucht nach Spuren jener Frau, mit der Daniels Grosstante zehn Jahre zusammengelebt hatte.
So finden zwei durch Krieg und Verfolgung getrennte Familiengeschichten erneut zusammen. Die Dokumente fliessen in die Recherchen des Historikers Jonathan Ned Katz ein. Seine Biografie «The Daring Life and Dangerous Times of Eve Adams» erscheint im Jahr 2021. In Paris erinnern heute eine nach Eve benannte Strasse und eine Gedenktafel an die beiden Frauen. Nun bekommt auch Hella Olstein in Basel einen Erinnerungsort.
Am 9. November werden drei Stolpersteine verlegt, darunter an der Hegenheimerstrasse 22, wo Hella Olstein einst wohnte. www.stolpersteine.ch
Der Traum von der Bühne
Als Hinda Brucha Olstein wird Hella am 5. März 1905 im polnischen Lodz geboren. Über Frankreich gelangt ihre Familie 1915 nach Basel. Die Verhältnisse sind bescheiden, das Umfeld konservativ. Hella aber will Sängerin werden. Sie tritt im Küchlin-Theater auf und erhält Engagements in Luzern und am Zürcher Corso-Theater. Dann stoppt die Weltwirtschaftskrise ihre Karriere. Auftritte werden seltener, das Geld knapp. Zurück in Basel arbeitet sie zeitweise als Verkäuferin im Warenhaus Rheinbrücke. Ihren Traum gibt sie allerdings nicht auf.
Ende 1932 beantragt Hella die Schweizer Staatsbürgerschaft. Die Behörden lehnen ab: Die Familie sei arm, ihre Existenz als Artistin unsicher. Hella legt Rekurs ein. Ihr Vermieter, der zunächst «weder Gutes noch Böses» über sie zu sagen wusste, ändert seine Meinung. Auch eine Nachbarin wird befragt. In den Polizeiberichten ist von einer «schrecklich frechen Hexe» die Rede, die nachts singe. Offener Antisemitismus zeigt sich in der Behauptung, ihr Gesuch sei eine «regelrechte kaufmännische Berechnung dieser Ostjüdin». Der Rekurs scheitert. Im Sommer 1933 reist Hella mit 20 Francs in der Tasche nach Paris.
Eine aussergewöhnliche Liebe
Paris zieht in den dreissiger Jahren Künstler, Intellektuelle und Menschen mit unkonventionellen Lebensentwürfen an. Am 1. Juli 1933 begegnet Hella dort Eve Adams. Die als Chawa Zloczover in Polen geborene Frau war 1912 in die USA ausgewandert und hat sich dort in den künstlerischen und anarchistischen Kreisen von Greenwich Village bewegt. Mit ihrem 1925 veröffentlichten Buch «Lesbian Love» gerät sie ins Visier der Behörden; 1927 wird sie ausgewiesen. Hella und Eve werden ein Paar. Während Eve in intellektuellen Kreisen verkehrt, tritt Hella unter dem Künstlerinnennamen Norah Waren in Cabarets auf. Zehn Jahre lang teilen sie ihr Leben.
Karriere im Schatten des Krieges
Als die deutsche Wehrmacht im Juni 1940 Paris besetzt, fliehen Hella und Eve nach Nizza. Trotz der zunehmenden Bedrohung findet Hella auch weiterhin Engagements, unter anderem in Monaco, Grenoble und Marseille. Noch im August 1943 wird sie in einer Konzertkritik mit Édith Piaf verglichen. Zu diesem Zeitpunkt lebt sie längst in grosser Unsicherheit. Im Sommer 1940 heiratet sie einen Franzosen namens Soldner, über den nichts bekannt ist. Durch die Ehe erhält sie die französische Staatsbürgerschaft. Ihre Beziehung zu Eve besteht weiter. Ob die Heirat vor allem der rechtlichen Absicherung diente, bleibt ungeklärt.
Den Kontakt mit ihrer Heimat Basel hält Hella aufrecht. 1941 beantragt sie für einen Besuch die Einreise in die Schweiz – vergeblich. Als deutsche Truppen im September 1943 Nizza besetzen, verschärft sich die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung. Im Dezember verhaftet die Gestapo das Paar. Über das Sammellager Drancy bei Paris werden Hella und Eve am 17. Dezember 1943 mit Transport 63 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Lederetui voller Erinnerungen
Schon vor und während des Krieges sammelt Hellas Bruder André ihre Briefe, Postkarten, Fotografien und amtliche Dokumente und versucht ihr Schicksal aufzuklären. Nach Andrés Tod entdeckt sein Sohn Daniel die Sammlung in einem Lederetui. Im April 2020 erreicht ihn eine E-Mail aus Israel: Eran Zahavy, ein Grossneffe von Eve Adams, sucht nach Spuren jener Frau, mit der Daniels Grosstante zehn Jahre zusammengelebt hatte.
So finden zwei durch Krieg und Verfolgung getrennte Familiengeschichten erneut zusammen. Die Dokumente fliessen in die Recherchen des Historikers Jonathan Ned Katz ein. Seine Biografie «The Daring Life and Dangerous Times of Eve Adams» erscheint im Jahr 2021. In Paris erinnern heute eine nach Eve benannte Strasse und eine Gedenktafel an die beiden Frauen. Nun bekommt auch Hella Olstein in Basel einen Erinnerungsort.
Am 9. November werden drei Stolpersteine verlegt, darunter an der Hegenheimerstrasse 22, wo Hella Olstein einst wohnte. www.stolpersteine.ch
Gabriel Heim