AMERIKA 30. Okt 2026

Jüdische Gemeinschaft zwischen den Stühlen

Israel spielt bei den Zwischenwahlen in den USA eine Rolle, selbst dort, wo kaum Jüdinnen und Juden leben.

Egal, wer gewinnt - In der jüdischen Wählerschaft Amerikas geht vor den Zwischenwahlen am kommenden Dienstag ein Gefühl der Heimatlosigkeit um

Wer kurz vor den US-Zwischenwahlen am Dienstag in Iowa ein Football-Spiel anschaut, kann derzeit Vorteile der amerikanisch-israelischen Freundschaft kennenlernen. Je eine halbe Minute lang argumentieren zwei Werbeclips mit der gemeinsamen Bedrohung durch Iran, aber auch der vielfältigen Zusammenarbeit beider Länder bei Cyber-Sicherheit, Medizin und Landwirtschaft. Schliesslich hängt Iowa von Ackerbau und Viehzucht ab. Und genau hier drückt der Schuh des Wahlvolks vielerorts im Mittelwesten.

Der von Trump und Netanyahu gegen Iran unternommene Krieg treibt Kraftstoffpreise für die ohnehin von Inflation belasteten Amerikaner in Rekordhöhen. Dies gilt besonders für Diesel und damit Landwirte nicht zuletzt in Iowa. Deshalb läuft Trump und den Republikanern gerade in dieser konservativen Hochburg die Wählerschaft davon. In Umfragen liegen mit Rob Sand und Josh Turek zwei jüngere, als unabhängige «Prärie-Populisten» politisierende Demokraten bei den Entscheidungen für Gouverneur und US-Senat knapp vorn.

Insgesamt sehen seriöse Beobachter wie das «Crystal Ball»-Team der University of Virginia die Linksliberalen nun vor der sicheren Rückkehr zu einer Mehrheit im US-Repräsentantenhaus und starken Chancen dafür im US-Senat. Trump ist so unbeliebt, wie vor ihm nur Harry Truman bei den Zwischenwahlen 1946. Die Republikaner sind heuer sogar in Gliedstaaten wie Mississippi oder Kansas unter Druck geraten, wo seit 1932 kein Demokrat mehr ein Senatsmandat errungen hat. Allerorten greifen neben den Lebenshaltungskosten und dem Widerwillen gegen den Iran-Krieg Ängste vor KI und Empörung über Korruption im Weissen Haus, nicht zuletzt über die Zigtausende von Aktien-Transaktionen des Präsidenten selbst.

Debatte um Antisemitismus
Die Clips und die Zahlen zeigen, dass bei diesen Midterms Israel selbst in Regionen mit einer schwachen jüdischen Präsenz ins Spiel kommt. Israel ist laut Befürwortern Israels, aber auch antisemitischen Hassern, jedoch nicht mit Juden in den USA gleichzusetzen: Schliesslich läuft die auf Bundesebene und in vielen Gliedstaaten gesetzlich verankerte Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance auf eine Gleichsetzung von Zionismus und Judentum hinaus. Auch von daher stehen jüdische Themen – und Gemeinschaften – nun auf eine ganz neue und verwirrende Weise im politischen Rampenlicht.

Dabei geraten Unterstützer Israels wie das American Israel Public Affairs Committee in die Defensive. Seit dem 7. Oktober 2023 sind die Sympathiewerte Israels aufgrund der von Washington unterstützten Kriegsführung in Gaza und der Siedlergewalt im besetzten Westjordanland dramatisch auf rund 30 Prozent und damit noch unter das Niveau Trumps gefallen. Diese Wende wird besonders stark auf demokratischer Seite evident. Im US-Kongress rufen immer mehr Linksliberale ihrer Basis folgend nach einem Stopp oder der gänzlichen Kappung der seit den 1980er-Jahren gesetzlich verbrieften Milliardenhilfen für Israel. Erhebungen zeigen von einzelnen Ausnahmen abgesehen dennoch stabile jüdische Sympathien von rund zwei Dritteln für die Demokraten. Der Wert bröckelt freilich allmählich aufgrund des Wachstums orthodoxer Gemeinschaften auf nun rund ein Zehntel der 5,5 Millionen Menschen umfassenden jüdischen Wählerschaft ab – die weiterhin knapp 2,5 Prozent der Stimmberechtigten insgesamt stellt.

Politische Heimatlosigkeit
Laut dem Jewish Democratic Council of America stösst Trump bei jüdischen Wählerinnen und Wählern auf besonders tiefe Antipathie: seine Attacken auf Bürgerrechte und die Brutalität der Grenzpolizei ICE machen den Präsidenten zu einem «Anathema». Gleichzeitig aber stellt die Organisation bei Gesprächen landesweit «ein Gefühl der politischen Heimatlosigkeit in der jüdischen Wählerschaft» fest: «Sie lehnen Donald Trump und die von ihm kontrollierte Republikanische Partei entschieden ab, sind aber zugleich von den Demokraten enttäuscht.» Grund dafür sei der Vormarsch hart linker Stimmen unter dem Banner der Democratic Socialists of America (DSA).

Hier setzen Trump und Konservative wie der Senatskandidat Mike Rogers in Michigan an. Der Präsident hat dort am Sonntag erklärt, jüdische Unterstützer des demokratischen Kandidaten Abdul El-Sayed «sollten sich schämen» – solche Leute sollten sozial geächtet werden. Der Muslim und Nachkomme ägyptischer Immigranten spaltet die Demokraten und jüdische Gemeinschaften wie kein anderer Politiker. El-Sayed lehnt die US-Militärhilfe für Israel ab, wirft dem jüdischen Staat Völkermord in Gaza vor und erklärt, Israel sei «kein Verbündeter». Trump und Rogers bezeichnen den Mediziner und vormaligen Gesundheitsbürokraten als Anhänger der Muslimbruderschaft und Hamas-Sympathisanten. Dieser streitet die Vorwürfe kategorisch ab und sucht jüdische Gemeinschaften etwa über einen neuen Outreach-Direktor zu erreichen. Gleichzeitig fahren El-Sayed und andere Linke Attacken auf Israel kurz vor den Midterms ohnehin zugunsten der Themen Lebenshaltungskosten, KI und Korruption zurück.

Besorgte Gemüter
Hier läuft eine frappierende Wende gegenüber den Wahlen 2024, als Trump und seine Partei mit dem Fokus auf die damals nach Covid bereits abgeklungene Inflation gegen Biden punkten konnten. Nun kehrt die Rechte zurück zu einer altbekannten Kulturkriegsrhetorik, aber mit schärferen Spitzen: die Panikmache um Transmenschen in öffentlichen Toiletten und im Schulsport ist der in den Jahren nach 9/11 aufwallenden Hetze gegen Muslime gewichen. Ob mit einer angeblichen drohenden Einführung der Scharia-Justiz Stimmen zu holen sind, darf allerdings bezweifelt werden. Darauf angesprochen, fand El-Sayed eine witzige Replik: Er halte auf das «Shakira-Recht». Angelehnt an die populäre Latina-Performerin kenne diese Justiz «nur einen einzigen Grundsatz: die Hüften lügen nicht».

Derartige Pointen dürften besorgte Gemüter nur ein Stück weit beruhigen. Trump ist schliesslich wiederholt mit sinistren Ansichten darüber aufgetreten, wie «echte Juden» zu denken und zu wählen hätten – nämlich in seinem Sinne «pro Israel» und republikanisch. Die Publizistin Emily Tamkin warnt daher im «Forward» vor einer Verteufelung von Muslimen: Wer einem El-Sayed «gespaltene Loyalitäten» in Richtung islamistischer Extremisten unterstelle, der könne auch Juden rasch als «fünfte Kolonne» Israels oder ganz als «Fremde» sehen, die Amerika in Kriege wie den gegen Iran manipulieren. Andererseits hat etwa der prominente Historiker Richard Slotkin jüngst im Gespräch mit aufbau festgestellt, dass antizionistische Ressentiments auf progressive Milieus durchschlagen und solidarisches Handeln durch die Ausgrenzung von «Zionisten» insgesamt erschweren. Dieser Trend hat bereits in der ersten Trump-Ära die feministischen Frauenmärsche gelähmt.

Desinformationskampagne
Von daher ist der Jewish Democratic Council of America um Beruhigung bemüht. Radikale Israel-Hasser hätten keineswegs die Kontrolle bei den Demokraten übernommen: Dies sei «nachweislich falsch und Teil einer von Verzweiflung über schwindende Chancen gespeisten republikanischen Desinformationskampagne». Tatsächlich habe nur eine Handvoll DSA-Kandidaten Vorwahlen der Demokraten in urbanen Hochburgen gewonnen. Doch bei den Zwischenwahlen gehe es um 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 33 Sitze im Senat – und dabei würden insgesamt «maximal 15 Kandidatinnen und Kandidaten von der DSA unterstützt» werden.

Um das Bild noch komplexer zu machen: Nicht zu vergessen sind hier zum einen die Sympathien jüngerer Juden für DSA-Kandidaten, zum anderen die sozialistischen Kader jüdischer Herkunft. Gleichzeitig sind etliche der wichtigsten Unterstützer Trumps wie Miriam Adelson oder Jeff Yass jüdischer Herkunft. Diese Wahlen werfen daher auch ein Schlaglicht auf die imponierende Vielfalt jüdischer Gemeinschaften in den USA.

Das irritierende Gefühl der Heimatlosigkeit und der damit verknüpfte Eindruck, nun auf einmal Objekt politischer Kräfte zu werden, statt die eigene Lebenswelt mitzugestalten, ist damit nicht aus der Welt. Dabei bleibt zu erwarten, dass wichtige Traditionen ungebrochen fortleben, angefangen bei der überproportional starken Beteiligung gerade an Zwischenwahlen. Hier lag der jüdische Anteil 2022 bei 71 Prozent gegenüber 46 Prozent der Wahlberechtigten insgesamt. Heuer dürften beide Werte höher liegen – womöglich sogar angesichts des starken Engagements gegen Trump deutlich höher.

Obwohl jüdische Wähler eben nur zwei Prozent der Stimmberechtigten stellen, spielen sie mit ihrem ausserordentlichen Engagement für eine lebendige Demokratie aufgrund regionaler Besonderheiten immer wieder eine bedeutsame Rolle in «battleground states» wie Pennsylvania oder Ohio, wo Ergebnisse mitunter von vierstelligen Differenzen abhängen. Daher könnten jüdische Stimmen heuer gerade in Bevölkerungszentren von Ohio wie Cleveland, Columbus und Cincinnati mit insgesamt 150’000 jüdischen Gemeindemitgliedern den Ausschlag für eine Rückkehr des Demokraten Sherrod Brown in den US-Senat geben. Der 73-Jährige gilt als – kritischer – Unterstützer Israels.

Für Iowa oder Kansas dürften solche Kalkulationen jedoch nicht gelten: Dort sind jüdische Gemeinschaften 6300 beziehungsweise 17’200 Menschen stark.
 

Andreas Mink