Die israelische Armee steht vor der Belagerung und der temporären Einnahme von Gaza-Stadt, um die letzten Terroristen-Nester der Hamas vor Ort ein für allemal auszumerzen. Es ist ein ironischer Zufall, dass ausgerechnet im morgigen Wochenabschnitt «Schoftim» («Richter»), der beim Schabbat-Gottesdienst aus der Thora vorgelesen wird, die Belagerung eines Feindes thematisiert wird. Die erste Vorschrift ist grundlegend: «Wenn du vor eine Stadt ziehst, um sie zu bekriegen, so sollst du ihr Frieden anbieten» (5. B.M. 20:10). Maimonides (1138–1204) bringt dies in seinem halachischen Werk «Mischne Thora» als unmissverständliches Gebot dar, welches sowohl von Gott gebotene als auch freiwillig initiierte Kriege Israels betrifft: «Man darf mit niemandem in der Welt Krieg anfangen, bevor man nicht der feindlichen Partei ein Friedensangebot gemacht hat» (Rambam, Gesetze der Könige und ihre Kriege 6:1). Diese Richtlinie ist freilich im gegenwärtigen Existenzkrieg, den Israel im Anschluss an die barbarische Attacke des 7. Oktober 2023 gegen die Hamas führt, nicht relevant, zumal Israel ja diesen Krieg nicht «angefangen» hat. Und doch wird hier das prinzipielle Wertesystem der jüdischen Lehre eindrücklich vermittelt.
Nach dem kategorischen Aufruf des Friedensangebotes geht der Bibeltext zum spezifischen Fall der Belagerung über: «Wenn du eine Stadt lange Zeit belagerst, um sie zu bekriegen und sie einzunehmen, so vernichte nicht ihre Bäume, indem du die Axt daran erhebest, denn du kannst davon essen, darum sollst du sie nicht abhauen» (20:19). Maimonides ratifiziert auch diese Weisung in seinem Kompendium: «Man darf nicht die Fruchtbäume, die sich ausserhalb der Stadt befinden, fällen, auch nicht das Wasser von ihnen abhalten, um sie vertrocknen zu lassen» (Rambam 6:8). Erneut nimmt die Thora eine lebenssensible Perspektive ein. Nicht nur den Feind soll man idealerweise zum Friedensschluss animieren, anstatt ihn zu bekämpfen, sondern auch sonstige wertvolle Organismen wie Fruchtbäume sollen am Leben bleiben. Eine Stadt belagern heisst nicht, dass man mit Naturschätzen zerstörerisch umgehen darf. Selbst im Kriegsfall gilt es, ein verantwortungsvolles Umweltbewusstsein darzulegen.
Die folgende, erneut von Maimonides dargebrachte und auf dem Midrasch Sifri basierende Halacha sprengt jedoch jegliches Vorstellungsvermögen: «Wenn man eine Stadt belagert, so darf man sie nicht von allen vier Seiten umzingeln, sondern bloss von drei Seiten, damit für diejenigen, die flüchten und sich retten wollen, eine Ausflucht gelassen werde» (Rambam 6:7). Wie soll man dieses unglaubliche Gebot verstehen? Nachmanides (1194–1270) gibt zwei Erklärungen für diese Weisung: Erstens sei dies ein Ausdruck der «chemla», der Barmherzigkeit, die wir so an den Tag legen würden. Das jüdische Konzept der Nächstenliebe wird hier auf ein unfassbares Niveau gehoben. Bedeutet dies, dass man auch den barbarischsten Terroristen Barmherzigkeit erweisen solle? Sefer Hachinuch sieht den Schwerpunkt dieses maimonidischen Gesetzes woanders: «Ein Grundgedanke der Mizwa ist, dass die Eigenschaft der Barmherzigkeit eine positive Eigenschaft ist; es ist für uns, die erwählte Nachkommenschaft, angebracht, uns immer in ihrem Sinn zu verhalten, selbst im Umgang mit feindlichen Götzendienern, zu unserer eigenen Verbesserung, nicht weil sie Barmherzigkeit und Gnade verdienen» (Sefer Hachinuch, Mizwa 527). Demgemäss geht es also nicht darum, Barmherzigkeit gegenüber blutrünstigen Mördern, die sie nicht verdient hätten, zu üben, sondern «um unsere eigene Verbesserung», also darum, diese Eigenschaft an uns selbst zu trainieren. Wenn wir selbst in Extremsituationen alle Hebel in Gang setzen, um ein hohes ethisches Niveau zu halten, würde es uns im Alltag leichter fallen.
Nachmanides gibt eine zweite Erklärung für die Eröffnung eines Fluchtweges: «Damit der Feind nicht an Stärke gegen uns gewinnt.» Wie ist diese Begründung zu verstehen? Rabbiner Meir Simcha aus Dvinsk (1843–1926) erläutert dazu in seinem Bibelkommentar «Meschech Chochma» (zu 4. B. M. 31:7): «Wenn die Feinde von allen Seiten umzingelt sind und um ihr Leben bangen, weil sie ihrem Feind in die Hände fallen könnten, würden sie mit letzter Kraft alles für den Kampf geben. Wie die Geschichte zeigt, erwächst ein grosser Sieg auf dem Schlachtfeld oft aus grosser Verzweiflung. Anders verhält es sich, wenn sie eine Möglichkeit haben, ihr Leben zu retten. Dann würden sie dieses nicht aufs Spiel setzen und fliehen.» Gemäss dieser Erklärung geht es Maimonides bei der Eröffnung eines Fluchtweges nicht um Barmherzigkeit, sondern um taktisches Kalkül! Ein vollkommen umzingelter Feind hätte nichts mehr zu verlieren und würde alles und ohne Rücksicht auf Verluste in den «Endkampf» werfen. Gerade wenn man ihm jedoch «die vierte Seite» offenhält, würde er psychologisch nicht das Wasser am Halse spüren und so die Belagerung der Stadt vereinfachen.
Welche Relevanz haben all diese Quellen für den Krieg in Gaza? Erstens tut die IDF – ganz im Geiste der Thora – alles, und bestimmt viel mehr als jede andere Armee auf der Welt, um unschuldige Zivilisten zu verschonen. Dass die Hamas genau das gegenteilige Ziel verfolgt, macht diese Aufgabe umso schwieriger. Zweitens sind die von Israel vorgegebenen Kriegsziele klar und einleuchtend: die Heimkehr aller Geiseln sowie die Gewissheit, dass der Gazastreifen nicht mehr eine Gefahr für Israel darstellt. Solange die Hamas-Terroristen jedoch nicht bereit sind, die Waffen niederzulegen und sogar öffentlich prahlen, den nächsten «7. Oktober» zu planen, scheint die IDF mit der Einkesselung der letzten Terrorzentren in Gaza fortschreiten zu müssen. Und im gegebenen Fall wäre die «Eröffnung der vierten Seite» für Terroristen, mit allem Respekt für «Barmherzigkeit», leider kontraproduktiv.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
29. Aug 2025
Zwischen Ethik und Taktik
Emanuel Cohn