Talmud heute 16. Okt 2026

Zwischen Dubai und Würenlingen

Das gescheiterte Terrorattentat auf den Flydubai-Flug vor zwei Wochen war nicht der erste Versuch, ein Passagierflugzeug auf dem Weg nach Israel zum Absturz zu bringen. Am 21. Februar 1970 stürzte der Swissair-Flug 330 auf dem Weg von Zürich nach Tel Aviv bei Würenlingen ab, nachdem eine von palästinensischen Terroristen platzierte Bombe im Flugzeug detoniert war. Nachdem der Pilot Karl Berlinger noch verzweifelt versuchte, seine Maschine unter Kontrolle zu bringen, sagte der Kopilot Armand Etienne per Funkspruch seine letzten Worte: «Goodbye, everybody» («Auf Wiedersehen allerseits»). Die Aufnahme dieser Abschiedsworte, die Etienne mit einer zittrigen Stimme sowie einer panisch-traurigen Realisation Sekunden vor dem tödlichen Aufprall von sich gab, ist uns erhalten geblieben und erschüttert beim Zuhören auch noch 56 Jahre nach dem Unglück. Vor zehn Jahren erschien das hohe Wellen schlagende Buch von Marcel Gyr: «Schweizer Terrorjahre: Das geheime Abkommen mit der PLO» (2016), das die These vertritt, dass die damalige Schweizer Regierung unter Bundesrat Pierre Graber ein – freilich nicht schriftlich nachweisbares – Geheimabkommen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) geschlossen hätte. Dieser mutmassliche Deal habe vorgesehen, dass die Schweiz Ermittlungen im Sande verlaufen lasse und inhaftierte Terroristen freilasse, um dafür im Gegenzug von weiteren Terroranschlägen verschont zu bleiben – was in der Tat der Fall war.

Eine ähnliche Vorgehensweise wiederholte sich zwei Jahre später im benachbarten Deutschland: Am 5. September 1972 wurden bekanntlich elf israelische Athleten bei den Olympischen Spielen in München durch palästinensische Terroristen ermordet. Von Letzteren konnten nach dem Schlagabtausch auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck drei gefangen genommen werden. Einer der Coups des mit dem Oscar prämierten Dokumentarfilms «Ein Tag im September» (1999) von Produzent Arthur Cohn ist die Aufdeckung des Hintergrunds der Flugzeugentführung des Lufthansa-Flugs 615 von Beirut nach Frankfurt am 29. Oktober 1972. Auf dem betroffenen Teilstück befanden sich weder Frauen noch Kinder und beinahe keine regulären Passagiere, sondern fast ausschliesslich die Entführer und die Besatzung. Der Film offenbart einen geheimen Deal zwischen der deutschen Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt und palästinensischen Terroristen, wonach als Gegenleistung für die Freilassung der «Entführten» die drei gefangengenommenen Terroristen schnellstmöglich ausser Landes geschafft wurden, um die Bundesrepublik vor weiteren Racheakten und Terroranschlägen arabischer Gruppen zu schützen.

Retrospektiv mag man das Verhalten der damaligen Schweizer und deutschen Regierungen mit der Absicht erklären, die eigene Bevölkerung von zukünftigen Terrorattentaten zu verschonen. Aber diese Begründung wird die Familien der Terroropfer – sowohl des israelischen Olympia-Teams als auch des Swissair-Flugs – nicht zufriedenstellen. Denn diese, zusammen mit allen sich nach Gerechtigkeit sehnenden Menschen, fordern eine lückenlose Aufdeckung dieser Terroraktionen sowie einen vollumfänglichen Strafprozess gegen deren Drahtzieher.

In der klassischen jüdischen Literatur kommt das Prinzip, wonach man mit dem Bösen keine Geschäfte machen soll, mehrmals zur Sprache. So wird der Bibelvers «ihr sollt das Land nicht entweihen» (4. B. M. 35:33) im Midrasch folgendermassen erklärt: «Dies ist eine Warnung vor ‹chanupah›, ‹falscher Nachgiebigkeit›, gegenüber dem Bösen» (Sifre Bamidbar 161). Der Midrasch stellt klar, dass Schwerverbrechen nicht Verhandlungsgegenstand sein dürfen. Jeder faul geschlossene Kompromiss mit Mördern gilt halachisch als «chanupah», was die moralische Grundlage der Gesellschaft zerstört. Der Begriff «chanupah» bezeichnet das Verhalten, einem Bösen oder Mächtigen zu schmeicheln, seine Taten zu verdecken oder sein Unrecht nicht anzuprangern, um Unannehmlichkeiten zu vermeiden oder einen eigenen «Schein-Frieden» zu sichern.

Der Maharal von Prag, Rabbiner Jehuda Löw (16. Jahrhundert) setzt sich intensiv mit der Frage auseinander, wann man um des Friedens willen dem Wahrheitsprinzip ausweichen darf und wo die diesbezüglichen Grenzen liegen: «Denn die Wahrheit ist der Bestand der Welt, und wenn keine Wahrheit da ist, gibt es keinen Bestand für die Welt (...) Und wenn jemand von der Wahrheit abweicht – sei es aus ‹chanupah› oder aus einem anderen Grund –, zerstört er die Wahrheit, auf der die Welt ruht» (Netivot Olam, Netiv Haemet 2). Der Maharal differenziert dabei sehr genau: Man dürfe die Wahrheit nur dann leicht beugen, wenn es sich um eine Friedensstiftung zwischen zwei privaten Menschen handle (wie es etwa Aaron, der Hohepriester, tat, um Streit zwischen Eheleuten zu schlichten). ​Wenn man jedoch aufgrund von «chanupah» die Wahrheit beschönige, um Unrecht zu verdecken oder sich einem Aggressor anzupassen, führe dies nicht zu Frieden, und schon gar nicht zu Gerechtigkeit, sondern zur Untergrabung eines grundlegenden Fundaments der Welt.

Armand Etiennes letzte Worte «Goodbye, everybody» sind nicht nur ein aufwühlendes Zeugnis des Luftfahrtterrorismus. Sie sind eine Aufforderung, das gewaltsame Ende von Etiennes Leben sowie aller anderen Terroropfer nicht ungeahndet zu lassen.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn