standpunkt 29. Aug 2025

Wird es jemals wieder so, wie es mal war?

Kein Tag vergeht, ohne dass uns aus der jüdischen Welt Nachrichten von antisemitischen und judenfeindlichen Zwischenfällen, Äusserungen und Angriffen erreichen. Zuletzt kam es zu physischen Attacken in Kanada, Frankreich und Italien. Eine diese Woche veröffentlichte Studie der Organisationen European Union of Jewish Students, B’nai B’rith International und Democ zeichnet ein dramatisches Bild der Lage an europäischen Hochschulen: Jüdische Studierende seien mit einem «Klima der Angst und Ausgrenzung» konfrontiert, wie unter anderem die «Jüdische Allgemeine» berichtet. Die Schweiz wurde nicht untersucht, aber wir wissen dank des «Vereins zur Unterstützung und Sicherheit von jüdischen Hochschulangehörigen in der Schweiz», dass auch hierzulande die Situation alles andere als ideal ist. Generell wird die aktuelle antisemitische Welle mit dem Gaza-Krieg in Verbindung gebracht. Dabei wird unterschlagen, dass die ersten Meldungen über antisemitische Zwischenfälle in Europa und den USA bereits vom 8. Oktober stammen, als die Hamas noch im Süden Israels wütete und lange bevor Israel zum Gegenschlag ausholte. Das Massaker der Hamas war offenbar ein Startsignal für die schlimmste antisemitische Welle seit den dreissiger Jahren, wie das zwischenzeitlich auch zahlreiche Publikationen in den USA, Grossbritannien und dem Rest Europas belegen. Hier brach was aus, was sich schon lange zusammenbraute, etwa im weltweiten antisemitischen Verschwörungsdiskurs zur Zeit der Pandemie. Antiisraelische aber auch klassisch antijüdische Schmierereien sind mittlerweile in Schweizer und deutschen Städten Alltag. Vieles, was wir in den letzten zwei Jahren erlebten, scheint spontanen Ausbrüchen zuzuschreiben zu sein, einiges aber auch nicht. In Australien kam es letzte Wochen zu einem Zerwürfnis zwischen Iran und Australien, nachdem Canberra Teheran vorgeworfen hatte, hinter antisemitischen Attacken in Downunder zu stehen, so die Brandanschläge auf die Adass Israel Synagogue in Melbourne und auf ein koscheres Restaurant in Sydney im letzten Jahr. In Deutschland wies die Zeitschrift «Cicero» in ihrer jüngsten Ausgabe nach, wie tief die Hamas in die rasant zunehmenden antisemitischen Manifestationen in Deutschland verwickelt ist. Die Welt recherchierte Ähnliches für die Netzwerke der Hisbollah in Deutschland.

Nun glauben viele, dass die aktuelle antisemitische Welle, so schlimm sie auch ist, früheren Wellen gleicht. Wie die Bezeichnung schon sagt: Eine Welle kommt, unscheinbar und leise, steigt brausend an, bricht anschliessend zusammen und zieht sich unter Zurücklassung von Gischt zurück. Mit anderem Worten: Viele hoffen, dass auch die aktuelle Welle vorbeigeht, sobald der Gaza-Krieg beendet ist und sich die Lage in Nahost beruhigt, was hoffentlich sehr bald der Fall sein wird.

So war es in der Schweiz bei früheren antisemitischen Wellen seit den neunziger Jahren, etwa um diejenige, die durch die Debatten um die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg ausgelöst wurde, oder die etwas spätere, durch die Debatte um die Aufhebung des Schächtverbots ausgelöste Welle der Judenfeindlichkeit. Der Bundesrat zog damals zur Wahrung des inneren Friedens der Schweiz seine Initiative zur Aufhebung des Schächtverbots zurück und die Welle ebbte ab. Zwar war es nach dem Sturm nie mehr so wie zuvor, in den im Rückblick idyllischen 1970er und 1980er Jahren. Das Grundvertrauen war zerstört, aber der Antisemitismus pegelte sich auf einem Niveau ein mit dem man leben konnte und es erlaubte, das Phänomen in einer Weise zu ignorieren, wie es heute nicht mehr möglich ist.

Nun stellt sich die Frage: Wird es wieder so sein? Wird die antisemitische Welle auch jetzt wieder abebben nach dem Ende des Gaza-Krieges, oder sind wir am Anfang einer neuen Realität? Leider deutet einiges auf Letzteres hin: In der mittlerweile dritten Generation nach der Schoah erlaubt sich die Welt, wieder der Judenfeindlichkeit zu frönen, wie es seit vielen Jahrhunderten Teil des europäischen und weltweiten Koordinatensystems gewesen ist. Antijüdische Weltverschwörungsphantasien haben bekanntlich schon seit der Corona-Pandemie Hochkonjunktur. Was also tun? Auf den Plan B der Auswanderung zurückgreifen, wie dies Ahmad Mansour in einer Kolumne in der «Welt» beschreibt? Nun, zunächst gilt es, der Situation realistisch zu begegnen, sich zu wehren, Allianzen zu schmieden und zusammen mit vielen anderen Partnern dem unseligen Geist der Zeit zu begegnen. Schliesslich dürfen die mittlerweile 80 Jahre des Dialogs und des Austauschs nicht vergebens gewesen sein.

Simon Erlanger ist Historiker und Journalist und lebt in Basel.

Simon Erlanger