sidra wajera 30. Okt 2026

Saras Lachen

Man muss sich diese Szene plastisch vorstellen: Drei Männer kommen des Weges. Avraham springt auf, um sie zu empfangen, zu erfrischen und zu bewirten – obwohl er gemäss dem Midrasch noch unter den Folgen der soeben vorgenommenen Beschneidung litt. Er läuft ins Zelt und fordert seine Frau Sara auf, ihnen Kuchen zu backen, kümmert sich selbst um die Schlachtung eines besonders zarten Kalbs (gemäss dem Talmud sogar dreier Kälber), schliesslich sitzen sie im Schatten des Baumes und essen. Dass es Engel sein könnten, die im göttlichen Auftrag unterwegs sind, ahnt er nicht. Raschi erklärt auf der Basis des Midrasch Bereschit Rabba, Avraham habe die drei Männer für durchziehende Araber gehalten.

Die Männer fragen nach Sara. Man könnte sich wundern, weshalb sie den Namen kennen. Es wäre ja ebenso gut möglich, dass sie gehört haben, wie Avraham sie im Zelt rief. Oder sie kennen schlicht ihren Namen, denn Avraham ist ein bekannter Mann in der Gegend. Dass die Menschen wissen, wer er ist und auch, wie seine Frau heisst, scheint wenig überraschend. Und wenn sie den Namen kennen, ist es auch gut möglich, dass sie etwas mehr über die Umstände des Paares wissen, nämlich dass es betagt und kinderlos ist. Doch nun hört Sara, am Eingang des Zelts stehend, eine völlig unglaubwürdig scheinende Aussage aus dem Mund eines dieser Männer: Dass er in einem Jahr wiederkäme, und dann hätte Sara einen Sohn.

Avraham seinerseits wird spätestens in diesem Augenblick verstehen, dass die drei Männer keine einfachen Wanderer sind. Schliesslich hat Gott ihm schon zuvor, am Ende der Sidra Lech Lecha, verkündet, dass Sara einen Sohn gebären wird, und ihm sogar schon aufgetragen, ihn Jizchak (deutsch: «er wird lachen») zu nennen. Denn auch Avraham hat beim Hören dieser Verkündung gelacht. Bei ihm kam sie aber von Gott selbst; und sein Lachen dürfte das eines unmittelbaren Glücks- und Dankbarkeitsgefühls gewesen sein.

Sara hingegen scheint von dieser göttlichen Verkündung nichts zu wissen. Entsprechend lächerlich erscheint ihr, was dieser Fremde da faselt (Ramban etwa ging davon aus, dass sie ihn weiterhin für einen Wanderer hielt). Sie muss sich und ihren Mann nur ansehen, und zumindest innerlich muss sie lachen, wenn sie solche Sprüche hört. Man muss davon ausgehen, dass in diesem Lachen auch einige Bitterkeit steckt, denn natürlich rührt der Kinderwunsch an ihren wundesten Punkt überhaupt. Doch dann, plötzlich, bringt Gott selbst sich in das Gespräch ein. Er spricht zu Avraham. Entweder gibt Avraham Gottes Reaktion gleich an Sara weiter, oder aber Sara hört sie «in Echtzeit» ebenfalls. «Warum hat Sara gelacht, sagend: Werde ich denn noch gebären, ich bin doch alt. Ist denn etwas Gott unmöglich? Zu diesem Zeitpunkt werde ich in einem Jahr zurückkehren, und Sara wird einen Sohn haben» (18:13–14). Nun, da Gott wörtlich die Worte des Mannes unter dem Baum wiederholt, streitet sie ab, gelacht zu haben. Es war ja, wie ausdrücklich steht, kein lautes Auflachen, sondern ein Lachen tief in ihr drin. Sie fürchtet sich. Dies steht ebenfalls, und wir können es verstehen, zumal Gott streng darauf beharrt: «Doch, du hast gelacht.»

Die Szene endet hier. Die Männer erheben sich und ziehen weiter, gen Sodom zu, wo sie Lot vor dem Untergang der Stadt warnen werden. Wie an anderen Stellen auch, wo wir von Engelszenen sprechen, werden sie immer noch «Männer» und nicht «Engel» genannt.

Doch Saras Furcht, so scheint es, wird zur ewigen Furcht, sie könnte durch ihr von Gott getadeltes Lachen ihrem Sohn eine Last aufgeladen haben. Später sieht sie, wie der Sohn von Hagar, Ischmael, als es ein Bankett zu Ehren von Jizchaks Entwöhnung gibt, «lacht» («mezachek») (21:9). Für Ischmaels Verhalten, das Sara offenbar verurteilt, wird hier dasselbe Verb gewählt wie für ihr eigenes Empfinden beim Empfangen der Verkündung. Das ist kein Zufall. Sie fürchtet, Ischmael könnte Jizchak furchtbaren Schaden zufügen (körperlich, seelisch oder moralisch – Raschi verbindet dieses Lachen mit Götzendienst). Sie schickt Hagar und deren Sohn weg.

Diese nie endende Angst Saras um Jizchak hat auch der Midrasch aufgenommen, der erklären wollte, weshalb wir von Sarah nach der Geschichte mit der Bindung Jizchaks nichts mehr hören beziehungsweise die nächste Information über sie die von ihrem Tod ist. Es gibt, in verschiedenen Varianten, einen berühmten Midrasch, demzufolge der Satan Sara glauben liess, Avraham habe Jizchak tatsächlich getötet. Dies erschreckte sie so sehr, dass sie starb.

Vielleicht liegt in der jeweiligen Verkündung von Jizchaks Geburt die Differenz des Zugangs, den Avraham und Sara zu Jizchaks Leben hatten. Gott selbst hatte Avraham einst Jizchaks Geburt verkündet, als Einlösung des Versprechens, ein grosses Volk zu werden. Selbst bei Gottes Befehl, Jizchak zu opfern, blieb Avraham Gott diskussionslos treu. Sara hingegen kam von der Furcht nie los, die sie damals nach Gottes Reaktion auf ihr Lachen empfunden hatte. Die Nachricht von Jizchaks angeblichem Tod traf sie wie das grauenhafte Eintreten einer unterschwellig immer befürchteten Katastrophe.
 

Alfred Bodenheimer