JUDENTUM 2.0 15. Mär 2019

Purim oder der Tanz auf dem Vulkan

Meine Freundin Nurit lud mich vor ein paar Tagen zu einer Purimfeier ein. «Aber du musst unbedingt kostümiert­ kommen. Das Motto sind die Achtziger!»

Um Himmels Willen, dachte ich. Mich verkleiden? Das habe ich seit jeher gehasst. Was soll dieser Quatsch? Wenn man plötzlich als Terminator, Winnetou oder sonstwas auftaucht? Ausserdem, als Kind ostjüdischer Eltern hatte ich gelernt, dass Karneval sowieso nur «goyim naches» (Vergnügen von Nichtjuden) war, früher hatten die betrunkenen Christen dann Jagd auf Juden gemacht. Und Purim? Da haben sich nur die Kinder in meiner Schule verkleidet: als Königin Esther oder als König Achaschverosch. Die Kinder verkörperten ausschliesslich die Figuren aus der Megila.

All das ging mir bei der Einladung durch den Kopf. Ich seufzte. Warum bin ich nur so ein Spielverderber? Ich rang mehrere Tage mit mir. Dann erklärte ich Nurit, was ich fühlte. Sie lachte mich aus: «Richard, wir hier in Israel feiern Purim, weil es ums Siegen und Überleben geht!»

In dem Punkt hatte sie natürlich recht, als Israelin und selbstverständlich auch als Jüdin. Purim ist einer der wenigen Feiertage, der wirklich lustig und fröhlich ist. Aber dennoch. Verkleiden als Erwachsener,­ noch dazu als Figur, die nichts mit Purim zu tun hat? Und schon fallen mir die un­sinnigen Büttenreden im Rheinland ein und ein Youtube-Video von einer solchen Veranstaltung in den Siebzigern. Der Spassmacher ruft immerzu ins Publikum: «Zicke Zacke Zicke Zacke … » Und alle rufen: «Hei Hei Hei!», und er ruft: «Hipp Hipp … », und alle schreien: «Hurra!», und dann ruft er plötzlich: «Sieg … », und alle brüllen: «Heil!» Und er tut so, als sei er verblüfft und geschockt. Ja, das war noch so in der Bundesrepublik der 1970er Jahre, und ich weiss nicht, was heute geschehen würde, wenn man das mal austesten würde.

Nur einmal hatte Purim für mich eine wirkliche Bedeutung: Als 1991 der Golfkrieg, der Krieg mit «Babylon», genau an Purim endete. Israel hatte die Scud-Raketen-Angriffe gut überstanden, die Rabbonim erklärten sogleich, Gottes Hand sei mit im Spiel gewesen, ich wollte mit ihnen damals nicht streiten. Vielleicht hatten sie sogar recht?

Also das Überleben feiern? Aber wie kann ich feiern, wenn Netanyahu inzwischen offen erklärt, dass arabische Israeli nicht gleichwertige Bürger sind, wenn Rassismus, Vorurteile und Hass den Wahlkampf bestimmen? Wenn die letzten Reste des demokratischen Liberalismus eingerissen werden? Wenn sich Models und Schauspielerinnen wie Rotem Sela, Gal Gadot und Shlomit Malka trauen, das Selbstverständliche zu sagen: dass Araber auch Menschen sind und Bürger des Staates­ Israel. Die Opposition, die grossen Ex-Generalstabschefs des Staates, Benny Gantz, Moshe Ya’alon, Gabi Ashkenazi, aber schweigt. Und auch von, ach ja, Yair Lapid: nichts.

Da soll man sich verkleiden und Purim feiern? Ist das nicht eher ein Tanz auf dem Vulkan? Ist das alles, was noch bleibt?

Richard C. Schneider ist Publizist, Redaktor und 
Filmemacher für die ARD, er war Studioleiter des 
Bayerischen Rundfunks in Tel Aviv und zuletzt in Rom.

Richard C. Schneider