standpunkt 09. Okt 2026

Jüdisches Leben als Ausnahme

Es gibt politische Debatten, bei denen man sich fragt, ob die Beteiligten eigentlich noch über dieselbe Schweiz sprechen. Die Diskussion um die Motion der Zürcher Nationalrätin Nina Fehr Düsel von der Schweizerischen Volkspartei (SVP) gehört für mich dazu. Sie verlangt, dass der Bundesrat die Ausnahme für den Import von koscherem und Halal-Fleisch überprüft. Begründet wird dies mit dem Tierschutz, gleichen Bedingungen für Schweizer Produzenten und dem Verweis auf «unsere Gesetze und Gebräuche».

Tierschutz ist wichtig, auch für mich. Aber die Frage ist, wie weit der Staat gehen soll, wenn eine solche Regelung unmittelbar jüdisches Leben betrifft. Bereits die Geschichte des Schächtverbots ist aufgeladen. Es war die erste Volksinitiative der Schweiz und wurde im August 1893 mit 60 Prozent angenommen. Der Abstimmungskampf wurde auch mit klar antisemitischen Motiven geführt. Die heutige Gesetzgebung ist ein schweizerischer Kompromiss: Das Schächten ist hierzulande verboten, gleichzeitig besteht eine begrenzte Möglichkeit, koscheres Fleisch zu importieren. Das ist keine Umgehung des Gesetzes, sondern eine bewusste Abwägung zwischen Tierschutz und Religionsfreiheit.

Dabei steht das Schächten an sich für eine möglichst tierfreundliche Fleischproduktion – wenn man das beim Tod eines Tieres so sagen kann. Es wird mit einem vollkommen glatten, zackenfreien Messer gearbeitet. Die Unversehrtheit und Schärfe der Messerschneide gewährleisten, dass der Schnitt kaum wahrgenommen wird. Vergleichbar mit einem versehentlichen Schnitt in den Finger mit einer Rasierklinge, der häufig erst später bemerkt wird. Das Schächten soll die Tiere bei der Tötung von vermeidbarem Schmerz, Stress und Leiden verschonen. Wissenschaftliche Studien belegen, dass das ruhiggestellte Tier keinen Stress zeigt, bevor es geschächtet wird.

2017 reichte der damalige Nationalrat Matthias Aebischer von der Sozialdemokratischen Partei einen Vorstoss ein, um einen Importstopp für «tierquälerisch erzeugte Produkte» zu erlassen. In der Herbstsession 2026 stellte nun die SVP-Nationalrätin den Fleischkonsum der jüdischen Bevölkerung infrage. Dieselbe SVP also, welche die Ernährungsinitiative als «Vegan-Zwang» ablehnte und mit der Freiheit jedes Einzelnen argumentierte, selbst zu entscheiden, was er oder sie essen möchte. Die Initiative wurde richtigerweise am 27. September 2026 von fast drei Vierteln der Stimmenden Bevölkerung abgelehnt. Wenn der Staat nicht bestimmen soll, was auf dem Teller der Schweizerinnen und Schweizer liegt – warum soll er dann bestimmen dürfen, was auf dem Teller jüdischer Schweizerinnen und Schweizer liegen kann?

Schon heute ist es für viele jüdische Familien nicht einfach, sich in Zürich koscher zu versorgen. Das Angebot ist begrenzt, die Preise sind hoch. Wer die bestehende Importmöglichkeit zusätzlich infrage stellt, verschärft eine Situation, die bereits heute sehr kompliziert ist. Die Abschaffung der Importmöglichkeit würde den Zugang zu koscherem Fleisch für observante Jüdinnen und Juden faktisch verunmöglichen.

Und dann ist da noch der Satz mit «unseren Gesetzen und Gebräuchen».

Für Schweizer Jüdinnen und Juden ist das keine abstrakte politische Debatte. Jüdisches Leben darf nicht Schritt für Schritt zu etwas werden, das zwar geduldet, aber immer weiter erschwert wird. Jüdinnen und Juden gehören seit Jahrhunderten zur Schweiz. Die Schweizer Gesetze sind unsere Gesetze. Diese Gesellschaft ist unsere Gesellschaft. Wir sind nicht Gäste, die sich darauf beschränken müssen, was die Mehrheit als ihre «Gebräuche» definiert. Religionsfreiheit bedeutet gerade, dass auch Minderheiten ihre Religion leben können, wenn ihre Praxis nicht derjenigen der Mehrheit entspricht. Dafür sollten wir als jüdische Gemeinschaft einstehen. Und zwar gemeinsam, selbstbewusst und bevor aus einer scheinbar technischen Gesetzesänderung eine weitere Einschränkung unseres Alltags geworden ist.

Micha Schächter arbeitet als Geschäftsführer der GLP Stadt Zürich und kandidiert im April 2027 für den Kantonsrat.

Micha Schächter