standpunkt 01. Jul 2022

Geschichte muss sichtbar bleiben

Deutschland wird mal wieder von einer Debatte um Antisemitismus erschüttert. Seit dem Berliner Antisemitismusstreit von 1878 zwischen den Historikern Heinrich Treitschke, Theodor Mommsen und Heinrich Graetz, in dessen Verlauf der ursprünglich linke Journalist Willhelm Marr den Begriff «Antisemitismus» als antijüdischen Kampfbegriff erfand, geschieht dies alle paar Jahre. Es ist eine Konstante. Wir wollen uns hier nicht über den ewig gleichen Mechanismus dieser Debatten auslassen und auch nicht darüber sinnieren, warum sie in den letzten Jahren immer häufiger auftreten.

Mittlerweile hat sich ja im Streit um die Documenta in Kassel, wo sich ein kunstbeflissenes «juste milieu» nicht entblödet hat, dem – wie man heute neudeutsch sagt – «israelbezogenen Antisemitismus» zu frönen, sogar der Bundeskanzler eingeschaltet. So hat Olaf Schulz seinen offiziellen Besuch an der Documenta abgesagt, aus Protest gegen die Kunstwerke, welche die antisemitische Bildsprache von der mittelalterlichen Judensau bis zur Ikonographie des «Stürmers» wieder aufleben lassen.

Um die mittelalterliche, kirchliche antijüdische Verunglimpfung geht es bei der anderen aktuellen Antisemitismusdebatte rund um die «Judensau» an der Stadtkirche von Wittenberg. Die Skulptur zeigt nicht nur, wie leider vielerorts bei Skulpturen an Kirchen üblich, jüdische Männer, die an einer Sau saugen, sondern verunglimpft mit der Inschrift «Schem Hamephoras» gleich auch noch den Gottesnamen. Dass die Wittenberger Skulptur ihre böse Wirkung zeigte, findet sich etwa in der gleichenorts verfassten antijüdischen Schmähschrift von Reformator Martin Luther. In einer anderen Schrift «Von den Jüden und ihren Lügen» fordert Luther dann auch die deutschen Fürsten auf, die Synagogen zu zerstören, den Talmud zu beschlagnahmen, die Juden von der Wirtschaft auszuschliessen, sie zu vertreiben und zur Zwangsarbeit heranzuziehen.

Die Schrift entfaltete in der lutheranischen Kirche ihre Wirkung bis weit ins 20. Jahrhundert hinein. Nun hat also ein Gericht entschieden, dass diese unsägliche, wirkungsmächtige Skulptur bleiben darf. Die Aufregung ist gross. Nun sind wir auch dafür, dass sie sichtbar bleiben soll, vorausgesetzt, dass Bedeutung, Geschichte und Wirkung der Judensau von Wittenberg und der vielen anderen Skulpturen ihrer Art sichtbar und vor Ort thematisiert und kontextualisiert werden. Verschwindet die Skulptur, dann verschwindet zwar einerseits die Gefahr, die auch heute noch, in Zeiten des zunehmenden Antisemitismus, von ihr ausgeht. Es verschwindet dann aber auch das öffentlich wahrnehmbare Wissen um die Ursprünge des heutigen Hasses, woher er kommt und wie tief verwurzelt er in der abendländischen Religions-und Kulturgeschichte ist. Was das bedeutet sieht man in Basel.

Dort ist man vor 25 Jahren den Weg des Entfernens gegangen. Dort zeigte jahrhundertelang im Münster am Domherrengestühl eine aus Holz geschnitzte Skulptur eine Judensau, an der zwei Männer mit Judenhüten saugten. Im Vorfeld des 100-Jahr-Jubiläums entfernte man 1997 dieses Relikt der kirchlichen Judenfeindschaft. Es hätte bei der damals gross angelegten öffentlichen Feier zionistischer und jüdischer Geschichte fehl am Platz gewirkt. Die Judensau verschwand in den unermesslichen Tiefen der Magazine des Historischen Museums und ward für viele Jahre nicht mehr gesehen. Sie konnte also niemanden mehr negativ beeinflussen, allerdings schwand auch das Wissen um ihre Existenz, um mittelalterliche Judenfeindschaft, auf der letztlich die heutige Judenfeindschaft zum grossen Teil beruht, und um einem wesentlichen Teil der Basler und Schweizer Geschichte, hatte doch die Eidgenossenschaft die Juden für Jahrhunderte ausgeschlossen. Nach Basel kamen die Juden erst wieder nach 1798 im Zuge der französischen Revolution im Gefolge napoleonischer Truppen. Um die Geschichte nicht ganz vergessen gehen zu lassen, wurde die Judensau vor einigen Jahren dem Jüdischen Museum der Schweiz übergeben. Dort ist sie nun ausgestellt, allerdings etwas abseits der Öffentlichkeit. Völlig verschwunden ist eine antijüdische Zollordnung des 18. Jahrhunderts am Spalentor in Basel. Sie wurde nach einer Renovation entfernt. Stiessen früher Passanten, Schulklassen und Touristen auf dieses Relikt antijüdischer Repression und machten sich ihre Gedanken, erinnert heute im Stadtbild nichts an die jahrhunderte dauaernde Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden und an die zwei mittelalterlichen Gemeinden, von denen die eine vernichtet und die andere zur Flucht gezwungen wurde. Das kann nicht sein. Geschichte muss gegenwärtig sein, auch in ihren üblen Relikten. Die dann aber – richtig erklärt und kontextualisiert – zum Mahnmal werden müssen.

Simon Erlanger ist Journalist und lebt in Basel.

Simon Erlanger