Talmud heute 25. Sep 2026

Die Sukka von Beeri

Das israelische Projekt «Edut 710», also «Zeugenaussagen zum 7. Oktober», wurde unmittelbar nach der Hamas-Terrorattacke vor drei Jahren ins Leben gerufen, mit der dringenden Mission, die Stimmen derer zu bewahren, die den 7. Oktober 2023 und die folgenden Tage miterlebt haben. Ähnlich der Shoah Foundation von Steven Spielberg zum Holocaust ist es das vorrangige Ziel von Edut 710, Überlebenden (und Hilfskräften) einen geschützten Raum zu bieten, wo sie ihre persönlichen Erlebnisse teilen können und auch filmisch festgehalten werden. Das Ziel ist dabei nicht nur, sicherzustellen, dass die Zeugen das Geschehene schildern, sondern dass diese Stimmen auch Eingang in das dauerhafte kollektive Gedächtnis Israels und all jener, die sich für die Wahrheit und deren authentische Wiedergabe interessieren, finden. Bis heute hat das ehrenamtliche Team von Edut 710 mehr als 1700 Augenzeugenberichte aufgezeichnet, von welchen bereits über 700 auf deren Website zugänglich sind, in Kürze auch mit deutschen Untertiteln.

Einer der Interviewten ist Daniel Weinberger, ein israelischer Archäologe. Seine Zeugenaussage ist schwer zu ertragen. Er erzählt, wie er in den Tagen und Wochen nach dem 7. Oktober zusammen mit anderen Archäologen gebeten wurde, im Grenzgebiet von Gaza nach sterblichen Überresten ermordeter Israelis zu suchen. In den teils vollkommen niedergebrannten Häusern oder Autos war es manchmal äusserst schwierig, jegliche Überreste von Opfern zu finden. Hierbei half die archäologische Erfahrung von Weinberger und seinen Kollegen, Dutzende von Opfern zu identifizieren. Was mich bei seinen Schilderungen besonders erschütterte, war sein Erlebnis im Kibbuz Beeri: Als sich Weinberger daran machte, dort sterbliche Überreste einer jüdischen Familie in einem verkohlten Haus zu suchen, bemerkte er, dass deren «Sukka» («Laubhütte») im Garten vollkommen unversehrt war. Die Sukka war wunderbar geschmückt, vom Laubdach baumelten farbige Girlanden, und hübsche Zeichnungen der Kinder jener Familie zierten die Wände. Dieses Bild liess mich lange Zeit nicht los: Auf der einen Seite das Haus, der feste Sitz der Familie, mit Steinen und Ziegeln zementiert, vollkommen zerstört. Auf der anderen Seite die temporäre Laubhütte mit ihrem durchlässigen Dach und ihren wackelnden Stoffwänden, unversehrt.

Das Sitzen in Laubhütten während des Sukkot-Festes ist in folgendem Bibelvers verankert: «In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage (...), damit eure Nachkommen erfahren, dass ich in Hütten die Kinder Israel habe wohnen lassen, als ich sie aus dem Lande Ägypten herausgeführt habe» (3. B.M. 23:42–43). Gemäss einer Meinung im Talmud handelte es sich hierbei nicht um herkömmliche, physische Hütten, sondern um «Wolken der Herrlichkeit» (Sukka 11b). Die Laubhütten des Sukkot-Festes versinnbildlichen also Gottes Schutz, welcher die Israeliten von Ägypten bis ins Land Kanaan begleitete. In der Laubhütte zu sitzen, heisst, die göttliche Gegenwart über sich zu wissen. Einmal im Jahr durchbrechen wir unsere Routine. Wir verlassen unsere physischen Häuser und geben uns einer mystischen Erfahrung hin, indem wir uns unter «göttliche Wolken» begeben.

Die Sukka wird im Sohar, dem Hauptwerk der Kabbala, der jüdischen Mystik, «zila dimehemnuta» genannt, was bedeutet, dass man sich in der Sukka im «Schatten des Glaubens» befindet. Nach dem geistigen Hoch der hohen Feiertage an Rosch Haschana und Jom Kippur verlässt man, «vollgeladen» mit den aufgetankten spirituellen Batterien, das eigene feste Haus und begibt sich für eine Woche in eine zerbrechliche Laubhütte mit einem durchlöcherten Laubdach, durch welches man die Sterne am Himmel sieht. Am Sukkot kehrt man den gewohnten vier Wänden, die uns ein vermeintliches Gefühl der Sicherheit und des Komforts geben, den Rücken und bricht bewusst auf in eine ungewisse, verletzliche Unterkunft, wo man sich im «Schatten des Glaubens» in der Hütte des Ewigen geborgen fühlen kann.

In Beeri wurden die Häuser mitsamt ihren Bewohnern niedergebrannt. Aber die Laubhütten blieben bestehen. Das Böse mag es schaffen, unsere physischen Häuser und unsere Körper zu zerstören, aber unser Glaube und unsere Seelen, versinnbildlicht durch die Sukka, bleiben erhalten. Auch Myriaden von Terroristen werden dem Geist des jüdischen Volkes nichts anhaben können. Wenn ich dieses Jahr meine Sukka betrete, werde ich an jene Sukka von Beeri denken.

Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.

Emanuel Cohn