die literarische Kolumne 12. Jun 2026

Die Idee einer judenfreien Welt

«Antisemitismus ist, was er ist – ein sich ständig wandelnder Virus, eine unheilbare Form des Wahnsinns.»
Bernhard Henry Levy


Es gibt eine Grenze, die wohlmeinend aufrechte laute Kritik an der Politik einer Regierung oder von Einzelpersonen von Erregungssucht trennt. Im Fall des völkerrechtswidrigen Vergeltungskrieges (falls es so etwas gibt) der israelischen Regierung gegen die Hamas ist diese Grenze nicht mehr erkennbar.

Geht es den Demonstrierenden um das Wohl der Palästinenserinnen? Gerade die weibliche Form ist interessant, denn wie Frauen in Gaza gelebt haben, wäre schon seit langem ein Thema zur Empörung gewesen.

Geht es darum, die Netanyahu-Regierung zum Rücktritt zu motivieren, die Israelis zum einsichtigen Verlassen des Landes, geht es darum, Juden zu Christen zu machen, oder um die persönliche Betroffenheit? Sehen sich viele in der Rolle des Machtlosen, Unterdrückten, des Opfers? Ist die Aufschrei-Begeisterung Ausdruck der Erschöpfung, einem System geschuldet, das seine Mittelschicht ignorierend alle Nichtmilliardäre auspresst, ihnen die Menschenwürde raubt, die Mehrheiten ratlos mit Wohnungsnot, Krankenkassenprämien, Teuerung und Überarbeitung am Rande liegen lässt? Aber warum demonstrieren die Massen dann nicht wütend gegen den Kapitalismus, ihre Regierungen, gegen Black Rock und Plattform-Milliardäre? Warum kettet sich keiner an die Büros von Swiss Life, an die Krankenkassenchefetagen? Warum sind es die Palästinenser, die man retten will, wenn man doch sich damit meint?

Selbst wenn man wohlwollend annehmen möchte, dass die Empörung den Opfern des schrecklichen Krieges gilt, so bleiben die Folgen der ständigen faktenunkundigen Vermischung eines Volkes mit seiner Regierung verheerend. Die Unwissenheit über die Geschichte erschreckend und die in Kauf genommene zunehmende Ausgrenzung der jüdischen Minderheit weltweit verstörend. Als ob grosse Teile der offenen, mitfühlenden, empathischen linken Menschen den Israelis nie verzeihen, sich vom wunderbaren Land der Kibbuzim zu einem kapitalistischen Land entwickelt zu haben, oder einfach den Umstand, dass sie noch da sind. So egal scheint den Empörten, dass endlich ein langer, dauernder Judenhass wieder vollkommen in Ordnung scheint.

Nun werden jüdische Menschen angegriffen, ihre Häuser markiert, sie werden offen gehasst, verachtet, von Unis und Events ausgeladen in vorsorglicher Angst vor Demonstrationen und Unruhen.

All diese Unfassbarkeiten werden hauptsächlich von Regierungen verurteilt. Die Staatsräson, sie wissen schon, und wer will als Privatperson schon gerne staatstreu sein. Also sind viele ruhig. So still war es nur nach dem 7. Oktober, nach den Pogromen, dem Massenmord, der viele Linke weltweit erstarren liess. Nicht vor Anteilnahme, Entsetzen oder Trauer. Die Feministinnen aller Länder, die Kinderschützer, die Lebenschützer, vereinigten sich nicht in Ohnmacht, sondern in Ratlosigkeit. Sie zählten bis 100, bis endlich ihr Weltbild vom jüdischen Aggressor wieder bebilderbar war. Endlich konnten die linken Menschen, die vorher erbittert für jede Minorität und geschlechtliche Minderheit kämpften, den Massenmord ignorierend, viele neue Begriffe kreieren, tausend Worte für Juden. Vom Genozid bis zum Zionismus, von der antiisraelischen Kritik hin zum raunenden Holocaust-Leugner – alles, was aus den Tiefen des Unterbewussten endlich wieder ans Freie konnte, sehen wir heute auf den Strassen. In Boykotts, im friedlichen Miteinander, in der Idee einer judenfreien Welt.

Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.

Sibylle Berg