Schmetternde Fanfaren erinnern mich an den Triumphmarsch in Verdis «Aida». In Filmen kündigen sie meist das Erscheinen des Königs an. Fanfarentöne haben Signalcharakter. Einfache Naturtrompeten, die nicht mit Ventilen oder Klappen ausgestattet sind und daher nur die Töne der Naturtonreihe hervorbringen können, wurden von einer Vielzahl antiker Völker verwendet. Das jüdische Volk kannte ebenfalls fanfarenartige Blasinstrumente. Sie hiessen «chazozrot», waren aus getriebenem Silber und wurden ursprünglich von Mosche während der 40-jährigen Wüstenwanderung hergestellt. Möglicherweise handelte es sich bei den Posaunen vor Jericho um diese «chazozrot». Auf alle Fälle wurden solche bei der Einweihung des Tempels von 120 Priestern geblasen. Auf dem berühmten Titusbogen in Rom, auf dem die geraubten Tempelgegenstände reliefartig abgebildet sind, erkennt man auch zwei davon. Sie waren offenbar länger als von Josephus Flavius beschrieben, der die Länge mit einer knappen Elle, also etwa einem halben Meter, angibt. Wir wollen uns hier aber auf die biblischen «chazozrot» konzentrieren; allerdings nicht auf das Instrument selbst, sondern auf die beiden unterschiedlichen Anlässe, zu denen sie geblasen wurden. In unserem Wochenabschnitt werden sie aufgezählt (4. B. M. 10:9–10). In Zeiten der Not, wenn etwa Kriege geführt werden mussten oder eine Dürreperiode das Volk bedrohte, wurden «teruot» geblasen, also unterbrochene Töne. An besonderen festlichen Tagen wurden «tekiot» geblasen, durchgehende Töne. Die besonderen Tage sind wie folgt definiert: «uwejom simchatchem uwemoadechem uwerasche chodschechem» – «an euren Freudentagen, euren Feiertagen und euren Neumondtagen». Diese Blasinstrumente wurden also aus sehr unterschiedlichen, ja völlig gegensätzlichen Beweggründen geblasen: wenn ein Unglück das Volk traf und bei besonders freudigen Gelegenheiten. Kein Wunder streiten sich die Gelehrten darüber, ob es sich beim Blasen der Trompeten aus solch unterschiedlichen Motiven um eine Mizwa oder um zwei Mizwot handelt (vgl. etwa Rambam und Maggid Mishneh). Es könnte allerdings sein, dass die Fanfarenklänge sowohl in Zeiten der Bedrängnis wie auch in Zeiten der Freude den gleichen Zweck hatten: die Gedanken des Menschen auf diesen besonderen Anlass zu fokussieren. Sowohl kummervolle als auch freudvolle Tage bergen die Gefahr, dass sie zur Routine verkommen. Routine birgt die Gefahr, dass man sich mit dem scheinbar Unvermeidlichen abfindet.
Kehren wir zu unserem Wochenabschnitt zurück und zur Spezifizierung der oben erwähnten besonderen Tage. Drei Gruppen werden ausdrücklich erwähnt. «Neumondtage» sind eindeutig definiert. Bei den Feiertagen geht es allenfalls darum herauszufinden, ob der Schabbat dazugehört oder nicht.
Schwierigkeiten bereitet allerdings der Begriff «Freudentage». Damit muss etwas anderes gemeint sein als Feiertage, da ja beide Begriffe explizit genannt werden. Wodurch zeichnen sich Freudentage aber aus? Wer bestimmt, ob ein bestimmter Tag als Freudentag gilt oder nicht? Was passiert, wenn ein bestimmter Tag für einige freudig verläuft, für andere aber nicht? Rabbi Natan erklärt: Als Freudentage gelten alle Tage, an denen Tamid-Opfer dargebracht werden. Das Tamid-Opfer besteht aus je einem Lamm, die am Morgen und gegen den Abend von Priestern dargebracht werden. Es wurde von den halben Sche-keln bezahlt, die jeder Erwachsene als Tempelsteuer zahlen musste, und gilt entspre-chend als gemeinschaftliches Opfer. Das Aus-sergewöhnliche in unserem Fall ist, dass das Tamid-Opfer an jedem Tag im Jahr dargebracht wurde. Tatsächlich liess man im Tempel die «chazozrot» täglich erklingen, und zwar mindestens 21-mal (vgl. Sefer Hachinuch Nr. 384). Mindert das nicht die Bedeutung der Fanfaren? Wäre es nicht sinnvoller, die Fanfarenklänge wären wirklich ausserordentlichen Tagen vorbehalten und ertönten nicht an jedem beliebigen Tag?
Freude wird oftmals mit etwas Aussergewöhnlichem assoziiert. Pessach ist ein freudiger Anlass, weil wir uns an die Befreiung aus dem Elend erinnern. Was aber geschieht am Tag danach? Was am Tag nach Simchat Thora, wenn wir nicht mehr mit der Thora tanzen und Geschenke verteilen? Die Thora lehrt uns, dass es eine noch grössere Freude gibt, als die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten und den Abschluss der Thoralesung: den ganz normalen Alltag, an dem wir mit den anderen verbunden sind durch das gemeinschaftliche Opfer. Das Bewusstsein, dass ich als Individuum lebe und in meinem Namen ein Tamid-Opfer dargebracht wird, das mich in meiner Individualität heraushebt und mit der Ewigkeit verbindet.
In der Einleitung zu «Ejn Jaakov» lesen wir von Gelehrten, die den umfassendsten Vers der Thora suchen. Rabbi Akiwa behauptet, «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» sei die wichtigste Regel der Thora. Ben Nanas spricht sich für «Höre Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein und einzig» aus. Schliesslich meint Ben Pasi: «Es gibt einen umfassenderen Vers, nämlich ‹Bring täglich ein Lamm am Morgen und ein Lamm gegen den Abend dar›.» Der Midrasch berichtet, dass die Halacha Ben Pasis Auffassung folgt. Diese Entscheidung können wir nun verstehen. Nächstenliebe und Einheit Gottes sind hehre Prinzipien. Ausgedrückt werden sie aber im Alltag, durch ein gemeinschaftliches Opfer. Und jeder Tag, an dem durch solch ein Opfer die Menschen miteinander verbunden werden, ist ein Freudentag, vielleicht sogar noch ausgezeichneter als Feiertage und Neumondtage.
Michael Goldberger schrieb von 2001 bis 2012 Sidrabetrachtungen für tachles. Erschienen sind diese im Buch «Schwarzes Feuer auf weissem Feuer: Ein Blick zwischen die Zeilen der biblischen Wochenabschnitte», woraus dieser Text stammt.
sidra behaalotcha
05. Jun 2026
Die Freude des Alltags
Rabbiner Michael Goldberger