Talmud heute 30. Okt 2026

Das Tagebuch der ersten Knesset

Letzten Dienstag war Wahltag in Israel. Seit meiner Alija, meiner Einwanderung ins Heilige Land, vor rund 30 Jahren habe ich keine einzige Wahl verpasst. Und jedes Mal ist es ein emotionales Erlebnis. Das Glück, im einzigen jüdischen Staat der Welt nach rund 2000-jähriger Abstinenz abstimmen zu dürfen, ist nach wie vor überwältigend. Wahlen in Israel sind nicht nur ein gesetzlicher Feiertag, sie haben die Aura eines Festes, und diesmal war die Wahlbeteiligung besonders rege. Israeli feiern regelrecht ihre demokratische Pflicht. Jeder einzelne Bürger, der seinen Zettel in die Urne legt, hat das Gefühl, als steuere er das Schicksal «seiner» geliebten und unersetzbaren Heimat für die nächsten paar Jahre.

Der moderne Staat Israel ist nicht nur demokratisch, sondern auch jüdisch. Diese Konstellation ist besonders, dem Judentum aber beileibe nicht fremd. Schon in antiken jüdischen Quellen lassen sich demokratische Fundamente finden. So ist das Mehrheitsprinzip bereits in der Thora verankert (2. B. M. 23:2). Ein weiterer demokratischer Grundsatz wurzelt in der Wahl Bezalels, des Architekten des Stiftszeltes: «Und der Ewige redete zu Mosche: Siehe, ich habe mit Namen berufen den Bezalel (...)» (31:1–2). Allein vom Wörtchen «siehe» lernt der Talmud, dass Gott bei dieser Ernennung Mosche und sein Volk miteinbezogen hat: «Der Heilige, gepriesen sei er, sprach zu Mosche: ‹Mosche, ist dir Bezalel recht?› Dieser erwiderte: ‹Herr der Welt, wenn er dir recht ist, umso mehr mir.› Gott sprach: ‹Gehe dennoch und sage es ihnen.› Da ging er hin und sprach zu Israel: ‹Ist euch Bezalel recht?› Sie erwiderten: ‹Wenn er dem Heiligen, gepriesen sei er, und dir recht ist, umso mehr uns.›» Dieser rührende Dialog führt den Talmud zu folgender Regel: «Man setze keinen Anführer über die Gemeinschaft ein, ehe man sich mit der Gemeinde beraten hat» (Berachot 55a).

Weiter erwähnt der Talmud gewählte Vertreter einer Stadt, die im Einverständnis der Bürger ernannt wurden und befugt sind, im Namen der Gemeinschaft zu handeln und Gemeindeeigentum zu verwalten. Dieses Gremium der Repräsentanten des Volkes bestand aus sieben Personen, welche im Talmud mit «schiwah tuvei hair» («die sieben Besten der Stadt»), bezeichnet werden (Megilla 26b). Die Zahl von sieben Bundesräten in der Schweiz ist also bereits im Talmud verankert.

Rabbiner Meir von Rothenburg (13. Jahrhundert) betont, dass Gemeindevertreter diesen Titel nur tragen dürfen, wenn sie durch den Willen des Volkes gewählt wurden – nicht jedoch, wenn sie sich durch Macht oder Reichtum selbst eingesetzt haben (Responsa Maharam, 231). Rabbiner Mosche Sofer (19. Jahrhundert) unterstreicht derweil, dass bei der Wahl von Führungspersonen jede Stimme das gleiche Gewicht habe – unabhängig vom Vermögen oder den gezahlten Steuern des Einzelnen (Responsa Chatam Sofer, 19).

Die amüsanteste Quelle zum Thema lässt sich jedoch in der Mischna, der ältesten Schrift der mündlichen jüdischen Lehre, finden: «Seid vorsichtig der Regierung gegenüber, denn jene behandeln einen Menschen freundlich, wenn sie selbst Vorteil davon haben, und sie erscheinen als Freunde, solange sie Nutzen davon haben, sie stehen aber einem Menschen nicht bei, wenn er selbst in Bedrängnis gerät» (Pirke Awot 2:3). Es scheint, dass sich der Steckbrief eines «Politikers» bereits seit zwei Jahrtausenden nicht wesentlich verändert hat.

Zum Schluss wollen wir zurück in unsere Ära. Am Tag der Wahlen zur ersten Knesset – vor 77 Jahren, um 5.35 Uhr morgens – stand der Jerusalemer Rabbiner Mosche Jekutiel Alpert (1894–1954) auf und schrieb die folgenden Zeilen in sein Tagebuch: «Früh am Morgen standen meine Frau, mein Bruder und ich auf (...) Nachdem wir einen Kaffee getrunken hatten, legten wir zu Ehren dieses grossen und heiligen Tages unsere Festtagskleidung an – denn ‹dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat; lasst uns an ihm frohlocken und uns freuen›. Nach zweitausend Jahren im Exil – oder vielleicht sogar noch länger, man könnte sagen: von den sechs Schöpfungstagen bis zum heutigen Tag – ist uns endlich ein solcher Tag zuteil geworden: hinauszugehen und für einen jüdischen Staat zu stimmen! Gepriesen sei er, der uns am Leben erhalten, uns gestützt und bis zu diesem Augenblick geführt hat. Meine Frau, mein Schwager und ich machten uns auf den Weg zum Wahllokal im Bezirk 10, wobei wir unsere Personalausweise des Staates Israel bei uns trugen (...). Wir legten den kurzen Weg von unserem Zuhause zurück, erfüllt von einer überschäumenden Freude. Während des gesamten Weges zum Wahllokal hatte ich das Gefühl, als würde ich an den ‹hakafot› mit der Thora-Rolle an Simchat Thora teilnehmen; als ich diesen israelischen Personalausweis in der Hand hielt, kannten mein Glück und meine Freude keine Grenzen (...). Die Stimmabgabe begann um 6.02 Uhr. Mit einem Gefühl heiliger Scheu und tiefer Ehrfurcht übergab ich meinen Personalausweis dem Vorsitzenden und betrat den Nebenraum, in dem die Stimmzettel für die verschiedenen Listen ausgelegt waren. Mit zitternder Hand und einem Gefühl der Heiligkeit nahm ich einen Stimmzettel und legte ihn in den Umschlag, den ich vom Vorsitzenden erhalten hatte. Dann kam der heiligste Moment meines Lebens – ein Moment, den weder mein Vater noch mein Grossvater erleben durften. Mir allein, in meiner Zeit und meinem Leben, wurde ein solcher Augenblick der Erhabenheit zuteil; wie glücklich kann ich mich schätzen, und wie gesegnet ist mein Los! Ich sprach den ‹Schehechejanu›-Segensspruch und legte den Umschlag in die Wahlurne. Um 6.28 Uhr kehrten wir nach Hause zurück und ich ging beten – es war ein grosser Feiertag. An diesem Tag schlug ich ein neues Kapitel in unserem Leben auf.»

Dieser bewegende Tagebucheintrag eines Wählers der ersten Knesset hat an Emotionalität nichts eingebüsst, und er führt uns unser Privileg vor Augen, für die 26. Knesset abstimmen zu dürfen.

Emanuel Cohn