Seit sechs Wochen habe ich die schmerzliche Ehre, das «Kaddisch jatom», das Kaddischgebet der Trauernden, zu sprechen. Der erste Teil, das Herzstück des Gebets, lautet: «Erhoben und geheiligt werde sein grosser Name auf der Welt, die nach seinem Willen von ihm erschaffen wurde – sein Reich soll in eurem Leben in den eurigen Tagen und im Leben des ganzen Hauses Israel schnell und in nächster Zeit erstehen. Und wir sprechen: ‹Amen!› Sein grosser Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten.» Die Ähnlichkeit zum Beginn des Vaterunser ist frappant. Obwohl einzelne Ausdrücke im Kaddisch auf biblische Quellen zurückgehen, ist der Grundriss dieses Gebetes in der Zeit der Mischna, des ersten und zweiten Jahrhunderts, anzusiedeln. So sagt der Tanna Rabbi Jischmael: «Wenn Israel sich in seinen Lehrhäusern zusammenfindet und ‹Amen! Sein grosser Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten› spricht, dann ist der Heilige, gelobt sei er, beglückt und erhaben in seiner Welt» (Midrasch Mischle).
Wie wurde das Kaddischgebet zum allgemein bekannten «Totengebet»? Der Kaddisch-Text, wie er heute in den Gebetsbüchern steht, entwickelte sich im Laufe der Jahrhunderte und wurde erst in der Epoche der Geonim, vom 7. bis zum 11. Jahrhundert, vervollständigt. Anfangs wurde das Kaddisch ausschliesslich nach dem Thora-Lernen und bei Begräbnissen gesprochen. Wohl erst infolge der Pogrome zur Zeit des ersten Kreuzzugs (1096) wurde der Brauch, das Kaddisch nicht nur am Grabe, sondern während der ganzen Trauerperiode (bei nahen Verwandten ein Monat, bei Eltern rund ein Jahr) zu sprechen, eingeführt. Das Kaddischgebet sollte die traumatisierte jüdische Gemeinschaft in Europa, die das schreckliche Gemetzel überlebt hatte, in ihrem Glauben an den Gott Israels stärken, selbst wenn dessen Wege in der Welt zuweilen unverständlich und schmerzhaft sind. Dies führt uns zu einer der Erklärungen zum Wesen des «Kaddisch der Trauernden»: das göttliche Gericht anzuerkennen. Insbesondere bei dem Abschied von einem nahen Verwandten kann der Ärger auf Gott oder auf das Schicksal eine natürliche Folge sein. Gerade hier setzt das Kaddisch an und vergegenwärtigt die Erkenntnis um die ewige göttliche Gerechtigkeit, die uns bisweilen nicht einleuchten mag.
Eine weitere Erklärung zum Trauerkaddisch wurzelt im «Machsor Vitry», einem Gebetskompendium des 11. Jahrhunderts. Dort wird von einem mysteriösen Treffen zwischen Rabbi Akiwa und einem Verstorbenen erzählt, der nach seinem Tod für die Untaten seines Lebens büssen muss und nur durch den Verdienst des Thora-Studiums und Kaddisch-Rezitierens seines Sohnes Erlösung findet. Der Kabbalist Rabbi Isaak Luria (1534–1572) argumentiert im gleichen Geiste, dass das Sprechen des Kaddisch der Hinterbliebenen während des Trauerjahrs sowie an den alljährlichen Jahrestagen eine metaphysische Sühne für den Verstorbenen sowie eine Erhöhung seiner Seele bewirke. Eine weitere Auslegung besagt, dass jeder Mensch mit seinem Ableben ein Vakuum in dieser Welt hinterlasse, welches durch das Kaddisch wieder aufgefüllt werden solle. Oder in den schönen Worten des jüdischen Meditationslehrers und Dozenten für Chassidismus Gabriel Strenger: «In seinem Leben brachte der Verstorbene einzigartige Aspekte des Göttlichen in die irdische Welt – durch seine Liebe, sein schöpferisches Wirken und konstruktives Handeln. Sein Hinschied hat all dies aus dem Diesseits genommen. Durch das Sprechen des Kaddisch gleichen seine Nachkommen etwas von dem entstandenen Mangel aus und mehren göttliches, mit dem Verstorbenen verbundenes Licht» («Die Kunst des Betens»).
Das Kaddischgebet wird bekanntlich nur in der Gemeinschaft gesprochen. Im traditionellen Judentum bedeutet dies: in einem Minjan von mindestens zehn erwachsenen jüdischen Männern. Die junge Rabbinerin Maayan Gil erkennt in dieser Vorgabe eine therapeutische Kraft des Kaddisch: Da dieses Gebet nur in der Gruppe zum Ausdruck kommen kann, unterstützt es «das psychologische und emotionale Bedürfnis der Trauernden, aktiv mit ihrer Trauer umzugehen». Das Rezitieren des Kaddisch schaffe eine öffentliche Anerkennung der Trauer und sogar eine Abhängigkeit zwischen den Trauernden und der Gebetsgemeinschaft: Die Trauernden brauchen die Gemeinschaft, um im Minjan das Kaddisch zu sagen, und die Gemeinschaft braucht die Trauernden, damit dieses Kaddisch gemeinsam gesprochen werden kann. So werde die Trauer zu einer «gemeinsamen Reise der Betenden» und zu einer Art «Übung, um die Empathie-Muskeln zu trainieren». In der Tat hat für mich das Kaddisch-Sagen in der Gemeinschaft einen heilenden Effekt. Ich bin in meiner Trauer nicht allein, sondern ein Teil der «Trauernden Zions».
Ein herausragender Aspekt des Kaddischgebets ist die Tatsache, dass es nicht auf Hebräisch, sondern auf Aramäisch formuliert ist. Dies hat historische Gründe, war doch die aramäische Sprache zu talmudischen Zeiten die jüdische Umgangssprache. Das Kaddisch sollte so seinen Charakter als volkstümliches Gebet beibehalten. Seit der Wiedergeburt des modernen Hebräisch ist etwas Faszinierendes geschehen: Der aramäische Text des Kaddisch wird von den meisten jüdischen Menschen unserer Zeit nicht mehr verstanden. Mein Lehrer, Rabbiner Aharon Lichtenstein (1933–2015), pflegte zu sagen, dass genau darin der Zauber des Kaddisch liege. Würden nämlich heutige, das Judentum nicht intensiv praktizierende Trauernde den Text verstehen, wären wohl viele enttäuscht. Gerade dank dem unverständlichen Aramäisch bleibe aber das Mystische am Kaddischgebet haften, womit sich jeder Jude identifizieren könne. So sage ich Kaddisch zusammen mit meinem säkular-atheistischen Freund. Er könnte mit dem Inhalt der Gottpreisungen wohl nicht viel anfangen. Aber wir stärken uns gegenseitig im Bedürfnis, auf unsere Väter Kaddisch zu sagen, deren Seelen zu erhöhen und somit auch unsere eigenen Seelen auf Erden ein bisschen zu trösten.
Emanuel Cohn unterrichtet Film und Talmud und lebt in Jerusalem.
Talmud heute
23. Jan 2026
Das Kaddisch der Trauernden
Emanuel Cohn