Während der Awoda im Mussafgebet am Jom Kippur gibt es im Rahmen der priesterlichen Entsühnung einen Moment, an welchem wir uns zu Boden werfen. Ausgestreckt liegend und mit dem Gesicht nach unten rufen wir: «Baruch schem kewod malchuto lolam waed» («Gelobt sei der Name seiner glorreichen Majestät immer und ewig»). Dreimal wird dies wiederholt. Es ist der eigenartigste Teil des gesamten Jom-Kippur-Rituals, so eigenartig, dass viele Teilnehmer des Gottesdienstes das nicht mitmachen wollen und einfach andächtig stehen bleiben. Mir war es immer wichtig, buchstäblich am eigenen Leib zu erleben, wie sich die jüdische Tradition seit der Tempelzeit entwickelt hat. Wir werfen uns nicht mehr auf den Boden, auch vor Gott nicht, sondern stehen oder sitzen im Gebet aufrecht. Wir hören nicht mehr auf Anweisungen von Priestern, sondern haben ein Gebetbuch in den Händen oder beten mit geschlossenen Augen aus dem Herzen. Um der Ausserordentlichkeit dieser Entwicklung nachzuspüren, ist es jedoch sinnvoll, sich einmal im Jahr auf den Boden zu werfen.
Wie ist der Wortlaut der priesterlichen Anweisung? «Und als die Priester und das Volk (…) den hochheiligen Namen Gottes von den Lippen des Hohepriesters (…) vernahmen, da beugten sie das Knie und warfen sich nieder, bekannten ihn und fielen nieder auf ihr Angesicht und riefen: Gepriesen sei sein Name (…).» Die Körperbewegungen sind nicht ganz klar auszumachen; ich habe die Interpretation im Rödelheim-Machsor verwendet, denn das Verb, das ich näher beleuchten möchte, ist klar: Sie fielen nieder auf ihr Angesicht.
Zu Jom Kippur ist es im nachinszenierten Tempelritual klar ein Ausdruck der Ehrerbietung im Gebet. Während eines ganzen Tages sind wir mit unserem Sündenregister beschäftigt, das wir vertrauensvoll vor Gott hinlegen wollen, während wir auf göttliche Barmherzigkeit und Gnade hoffen. Spielt eventuell Angst vor dem göttlichen Urteil eine Rolle? Oder ist da auch eine Komponente von Scham dabei? Wir sagen mit unserem Gesicht auf dem Boden wohl einfach frustriert: «Ich mieser Vogel habe ja gar kein Gesicht mehr.»
Das Auf-das-Gesicht-Fallen kommt auch an anderen Stellen in der Thora vor, zwei davon will ich hier vorlegen. Haben sie alle die gleiche Bedeutung? Oder sind sie gar sehr unterschiedlich?
Die Einweihung des Stiftszeltes in Paraschat Schemini (3. B. M. 9:24) ist in vollem Gang. Das Stiftszelt steht, Aharon soll es in einer festlichen Zeremonie einweihen. Er segnet das Volk zum ersten Mal, dann folgen mehrere Opfer. Dann kamen Moshe und Aharon gemeinsam ins Zelt hinein, traten wieder heraus und segneten das Volk abermals. Darauf erschien die Herrlichkeit Gottes vor dem ganzen Volk; das Feuer, das von Gott ausging, verzehrte die Opfer auf dem Altar. Das ganze Volk sah es, sie jauchzten und fielen auf ihr Gesicht. Sicher ist dies Ehrerbietung, aber auch Ausdruck freudigen Erschreckens, denn so etwas hatten sie noch nie gesehen. Die folgende tragische Geschichte von Aharons Söhnen hat das Volk wohl gar nicht gesehen, denn wenn man auf das Gesicht fällt, sieht man nichts.
Schliesslich haben wir ein Auf-das-Gesicht-Fallen im Wochenabschnitt Schelach lecha (4. B. M. 14:5). Vor der bevorstehenden Eroberung des Landes berichten die Kundschafter, was sie auf ihrer Tour vorgefunden haben. Nur zwei, Jehoschua und Kalew, sind überzeugt, dass es klappen wird, die anderen zehn Touristen sehen nur die Unmöglichkeit und den zu erwartenden Untergang. Das Misstrauen der Zweifler gegenüber Moshe und Aharon ist so gross, dass sie anregen, unter neuer Anführung nach Ägypten zurückzukehren. Da fallen Mosche und Aharon auf ihr Gesicht. Keine Ehrerbietung, kein Freudenjubel, sondern ratlos entziehen sie dem Volk ihr Gesicht, denn es ist jetzt einfach genug.
Sidra Schelach Lecha
12. Jun 2026
Auf das Gesicht gefallen
Bea Wyler