zürich 15. Mai 2026

Mit Vergangenheit vorwärts gehen

Die Initiantinnen Anna Fersztand (l.) und Dina Wyler.

Mit «Voids and Voices» wollen Dina Wyler und Anna Fersztand Angehörigen der dritten und vierten Generation nach der Schoah einen Raum geben.

Als Dina Wyler den Brief ihrer Urgrossmutter aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen erhielt, konnte sie ihn zunächst nicht lesen. Zwei Jahre lang lag er ungeöffnet in einer Schublade. «Ich hatte grossen Respekt davor», erzählt sie. «Ich wusste nicht: Darf ich das überhaupt lesen? Was, wenn darin Dinge stehen, mit denen ich nicht umgehen kann?»

Gefunden wurde der Brief erst nach dem Tod ihrer Grossmutter, als die Familie die Wohnung des Grossvaters ausräumte. Zwischen Dokumenten, gefälschten Pässen und Korrespondenzen mit Schweizer und deutschen Behörden tauchten plötzlich Spuren einer Geschichte auf, über die in der Familie jahrzehntelang kaum gesprochen worden war. «Bei uns war der Holocaust immer sehr abstrakt präsent», sagt Wyler. «Meine Grossmutter hat nie darüber gesprochen. Wir wussten fast nichts.»

Heute ist der Brief Teil einer Ausstellung im Jüdischen Museum Schweiz. Wyler hat ihn dort selbst eingesprochen. Für sie wurde diese Erfahrung zum Ausgangspunkt eines neuen Projekts: «Voids and Voices», einer Initiative des Zürcher Instituts für Interreligiösen Dialog (ZIID), die sie gemeinsam mit der Kulturwissenschaftlerin und Filmemacherin Anna Fersztand leitet. Der Name ist bewusst gewählt. «‹Voids› steht einerseits für die Brüche im Diskurs über Erinnerungskultur», erklärt Wyler. Zwar werde derzeit intensiv darüber diskutiert, wie Erinnerung weitergetragen werden könne, wenn die letzten Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verschwinden. «Aber oft wird dabei mehr über die jüngeren Generationen gesprochen als mit ihnen», sagt sie. Gleichzeitig meine der Begriff auch die Lücken innerhalb vieler Familiengeschichten: Menschen, die ermordet wurden, Geschichten, die nie erzählt wurden, Erinnerungen, die fragmentarisch geblieben sind. «Und ‹Voices› sind die neuen Stimmen, die mit diesem Projekt entstehen sollen.»

Plötzlich allein
Sowohl Wyler als auch Fersztand haben sich bereits unabhängig voneinander intensiv mit ihrer eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt. Beide beschreiben diese Arbeit als zutiefst persönlich und oft einsam.

«Wir haben gemerkt, dass diese Suche häufig isoliert stattfindet», sagt Wyler. «Man sitzt alleine mit Dokumenten, mit Fragen und Dingen, die man vielleicht erst mit dreissig oder vierzig entdeckt.» Genau deshalb soll «Voids and Voices» nicht nur Recherche ermöglichen, sondern auch Gemeinschaft schaffen.

Dieses Gefühl kennt auch Anna Fersztand. In einem dokumentarischen Kurzfilm setzte sie sich mit ihrem Grossvater auseinander, einem Holocaust-Überlebenden, der öffentlich viel über seine Erfahrungen sprach, innerhalb der Familie jedoch weitgehend schwieg. «Dieser Widerspruch hat mich nie losgelassen», erzählt sie.

Aus dieser Auseinandersetzung entstand schliesslich ihre wissenschaftliche Arbeit. Fersztand absolvierte einen Master in visueller Anthropologie und promoviert heute interdisziplinär in Kulturwissenschaften. In ihrer Forschung verbindet sie Ethnografie, Film und Psychoanalyse und beschäftigt sich mit transgenerationaler Erinnerung und Zwangsmigration. «Mir wurde irgendwann klar: Es geht nicht nur darum herauszufinden, was man weiss», sagt sie. «Sondern auch darum zu erkennen, was man eigentlich nicht weiss.» Gerade diese Lücken seien zentral. «In vielen Zeitzeugenberichten gibt es dieses Ringen darum, überhaupt Worte zu finden. Und gleichzeitig bleibt immer ein Rest, der nicht benannt werden kann.» Fersztand beschreibt ihre Arbeit deshalb weniger als klassische Dokumentation denn als gemeinsames Erforschen von Erinnerung. «Das Fundament der Psychoanalyse ist das Zuhören», sagt sie. «Irgendwann habe ich gemerkt: Es geht gar nicht darum, wie ich mir meinen Grossvater vorgestellt habe, sondern darum, ihm zuzuhören.»

Im Jüdischen Museum Schweiz sind heute Fersztands Kurzfilm und der von Wyler eingesprochene Brief ihrer Urgrossmutter aus Bergen-Belsen nebeneinander ausgestellt. «Für mich war das unglaublich stärkend», sagt Wyler. «Zu merken, dass man damit nicht allein ist und andere sich mit ähnlichen Fragen und Leerstellen beschäftigen. Dadurch fühlt sich das ganze Thema plötzlich weniger erdrückend an.»

Wege gegen das Schweigen
Konkret beginnt «Voids and Voices» im Juni mit einem Workshop in Zusammenarbeit mit dem Archiv für Zeitgeschichte. Dort lernen Teilnehmende, wie sie Archive nutzen, nach Dokumenten suchen und familiäre Spuren rekonstruieren können.

Für Wyler war genau das ein Schlüsselmoment. Sie erinnert sich an einen Vortrag der Historikerin Sabina Bossert vom Archiv für Zeitgeschichte. «Sie sagte ganz beiläufig: Man könne ja einfach einmal im Staatsarchiv nachschauen.» Wyler begann zu recherchieren und fand plötzlich zahlreiche Dokumente über ihre Familie. «Ich dachte dreissig Jahre lang, es gibt nichts mehr. Und dann war da plötzlich so viel.» Viele Angehörige der dritten oder vierten Generation hätten jedoch gar keinen Zugang zu solchen Recherchemöglichkeiten. «Oft weiss man nicht einmal, wo man anfangen soll», sagt sie. Hinzu komme, dass die zweite Generation häufig bewusst Abstand gehalten habe. «Für viele war das mit sehr viel Schmerz verbunden.»

Der Workshop soll deshalb zunächst eine erste Handreichung bieten. «Es geht darum zu zeigen: Was ist überhaupt möglich?», erklärt Wyler. In einem zweiten Schritt soll es dann darum gehen, eine eigene Sprache für das Gefundene zu entwickeln. Dabei verstehen Wyler und Fersztand «Sprache» bewusst weit. «Es muss nicht immer ein geschriebener Text sein», sagt Fersztand. «Es kann auch ein Comic sein, eine Tonaufnahme, ein Film oder eine visuelle Arbeit.»

Fersztands eigener Zugang ist stark multimedial geprägt. Sie arbeitet mit Tonaufnahmegeräten, Kameras und audiovisuellen Installationen. Dabei versteht sie die Kamera nicht als distanziertes Beobachtungsinstrument, sondern ein Kommunikationsmittel, mit dem Teilnehmende ihre Perspektiven aktiv mitgestalten können. «Es geht nicht darum, dass ich mir ihre Geschichte aneigne», sagt sie. «Sondern darum, gemeinsam einen Raum zu schaffen, in dem Menschen ihre Geschichte erkunden können.» Die dritte Phase von «Voids and Voices» soll schliesslich darin bestehen, die entstandenen Arbeiten öffentlich zugänglich zu machen, etwa in Form von Ausstellungen, Audioarbeiten, Filmen oder Interventionen im öffentlichen Raum.

Parallele Erinnerungsgeschichten
Gerade in der Verbindung verschiedener Erinnerungskulturen sehen beide grosses Potenzial. In ihrer Forschung arbeitet Fersztand bereits mit Angehörigen bosnischer Familien, die vor dem Genozid in Bosnien in die Schweiz geflüchtet sind. Dabei habe sie erlebt, wie stark sich Erfahrungen überschneiden können. «Es geht nicht darum, Leid gegeneinander aufzuwiegen», sagt sie. «Sondern darum, Gemeinsamkeiten zu erkennen und voneinander zu lernen.» Sie erzählt von einer Konferenz zum Holocaust-Gedenktag, an der auch Menschen über den Genozid an den Bosniaken sprachen. «Es gibt ähnliche Erfahrungen von Verlust, Schweigen und Weitergabe.»

Gleichzeitig betonen Wyler und Fersztand, dass sich «Voids and Voices» in seiner ersten Ausgabe bewusst auf Familiengeschichten im Zusammenhang mit der Schoah konzentriert. «Das Thema ist sehr vulnerabel», sagt Wyler. «Viele Menschen haben noch gar keine Sprache dafür gefunden.» Deshalb wolle man zunächst einen geschützten Rahmen schaffen. Perspektivisch könne das Projekt jedoch auch auf andere Erinnerungsgeschichten ausgeweitet und stärker dialogisch geöffnet werden. Auch das ZIID arbeitet seit Jahren interreligiös und community-basiert. Bereits zum 30. Jahrestag des Genozids von Srebrenica organisierte das Institut ein Projekt mit Recherche- und Schreibworkshops für Angehörige der zweiten Generation bosnischer Familien.

Für Wyler ist «Voids and Voices» deshalb auch ein Versuch, Erinnerungskultur neu zu denken. «Wir wollten bewusst weg von diesem ausschliesslich Erdrückenden», sagt sie. «Nicht, weil das Thema nicht schwer wäre. Aber weil es auch stärkend sein kann, wenn man etwas damit gestalten kann.»

Aktuelle Aspekte
Die Aktualität des Projekts spüren beide deutlich. Einerseits nehme Antisemitismus weltweit wieder zu, andererseits werde Erinnerungskultur erneut intensiv diskutiert, etwa im Zusammenhang mit dem geplanten nationalen Schoah-Memorial oder den Debatten um die Sammlung Bührle. Wyler und Fersztand besuchten kürzlich einen Kongress in St. Gallen zum Thema Erinnerungskultur. «Wir waren die einzigen jungen Leute im Raum», erzählt Wyler. «Die ganze Zeit wurde über die junge Generation gesprochen – aber nicht mit ihr.» Genau hier setzen sie mit «Voids and Voices» an. «Wir wollen Teil dieses Diskurses sein», sagt Fersztand. «Es ist unsere Geschichte.» Dabei gehe es nicht darum, einfach bestehende Narrative weiterzugeben. «Die Weitergabe bedeutet nicht bloss, nachzuplappern, was man gehört hat», sagt sie. Entscheidend sei die Frage: «Was macht es mit einem, wenn ein Grossvater oder eine Urgrossmutter schweigt?»

Denn oft würden bestimmte Ängste, Glaubenssätze oder Verhaltensmuster weitergegeben, ohne dass deren Ursprung ausgesprochen werde. «Man spürt etwas, weiss aber nicht genau, woher es kommt», sagt Wyler. Gerade deshalb sei es wichtig, Leerstellen benennen zu können. «Eine Lücke kann jemanden unterdrücken», sagt Fersztand. «Aber wenn man sie benennen kann, entsteht ein Zugang dazu.» Vielleicht liegt genau darin der Kern von «Voids and Voices»: nicht darin, jede Lücke zu schliessen, sondern lernen zu können, mit ihr zu leben und ihr trotzdem eine Stimme zu geben.

Informationen unter https://ziid.ch/voids-and-voices.

Emily Langloh