genf 15. Mai 2026

Antisemitismus als Kernthema

Bundespräsident Guy Parmelin am Montagabend in Genf.

Gleich zweimal sind Schweizer Bundesräte diese Woche in Genf bei jüdischen Veranstaltungen der CICAD und des Jüdischen Weltkongresses aufgetreten.

Am Montagabend sprach Bundesrat Ignazio Cassis beim Galaabend der Coordination intercommunautaire contre l’antisémitisme et la diffamation (CICAD) in Genf, der von Demonstrationen begleitet wurde. Während Cassis vor wachsendem Antisemitismus warnte, warfen ihm propalästinensische Aktivisten eine zu israelfreundliche Haltung vor.

Vor dem Genfer Hotel Intercontinental versammelten sich rund hundert Demonstrierende gegen den Auftritt des Vorstehers des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten beim jährlichen CICAD-Anlass. Auf Transparenten war unter anderem «Cassis sioniste» oder «Cassis collabo» zu lesen. Die Demonstrierenden warfen dem Bundesrat vor, gegenüber Israel eine «komplizenhafte» Haltung einzunehmen, und kritisierten die CICAD wegen einer angeblichen Vermischung von Antizionismus und Antisemitismus.

Erste Zielscheibe
In seiner Rede sagte Cassis, Juden gehörten «immer zu den ersten Zielscheiben», wenn komplexe gesellschaftliche Krisen und Spannungen zunähmen. Der Bundesrat verwies auf die steigende Zahl antisemitischer Vorfälle in der Schweiz und rief zu Dialog und gesellschaftlichem Zusammenhalt auf.

Die CICAD hatte den Aussenminister bereits im Vorfeld als Ehrengast angekündigt und erklärt, man erwarte von ihm «klare Antworten» angesichts der zunehmenden antisemitischen Vorfälle in der Schweiz. Laut der Organisation stieg die Zahl registrierter antisemitischer Vorfälle in der Romandie im vergangenen Jahr deutlich an. Die Polizei war rund um das Hotel mit einem grösseren Aufgebot präsent. Zunächst drohten Einsatzkräfte mit Wegweisungen und möglichen Verhaftungen, später wurde den Demonstrierenden ein Bereich auf der gegenüberliegenden Strassenseite zugewiesen. Während die Gäste zum Galaabend eintrafen, skandierten Demonstrierende Parolen und riefen den Teilnehmenden «Schande» zu. Dabei blieben die Bekämpfung von Antisemitismus und Aufklärung über Israel ein Kernthema.

Jubiläumsfeier mit Lücken
Tags zuvor feierte der Jüdische Weltkongress (WJC) sein 90-jähriges Bestehen am Gründungsort Genf – mit Bundespräsident Guy Parmelin. An einem Galadiner, das gemeinsam mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) ausgerichtet wurde, nahmen WJC-Ländervertreter aus aller Welt, Diplomaten und Regierungsvertreter teil. Bundespräsident Guy Parmelin würdigte die historische Rolle der Schweiz als Zentrum der Diplomatie und begrüsste die Rückkehr des WJC an seinen Gründungsort von 1936.

WJC-Präsident Ronald Stephen Lauder mahnte, jüdische Gemeinschaften seien 90 Jahre nach der Gründung erneut mit wachsendem Hass, Extremismus und tiefer Unsicherheit konfrontiert. Die neu gewählte Vorsitzende des WJC-Gouverneursrats, Chella Safra, bekräftigte die Zukunftsmission der Organisation und kritisierte die einseitige Behandlung Israels in internationalen Gremien. Ein bewegender Moment war die Verleihung des Israel Resilience Award an die Familie von Ran Gvili – der letzten nach dem 7. Oktober 2023 in Gaza festgehaltenen Geisel, die nicht mehr lebend befreit werden konnte.

Kontroverse um Genfer Büro
Unerwähnt blieb am Jubiläumsanlass eine turbulente Phase in der Geschichte des Genfer WJC-Büros auch von SIG-Präsident Ralph Friedländer, obwohl sich sein Vorgänger Alfred Donath seinerzeit entschieden gegen die Schliessung des Büros engagiert hatte. Im Jahr 2004 deckte das Wochenmagazin tachles nach langer Recherche und wochenlanger Berichterstattung zum sogenannten «Geneva Gate» finanzielle Unregelmässigkeiten im Genfer Büro auf, die von der New Yorker Zentrale zu verantworten waren.

Im Zentrum des Skandals stand ein UBS-Konto des Genfer WJC-Büros, von dem die dortige Leitung keine Kenntnis hatte. WJC-Generalsekretär Israel Singer hatte auf das Konto innerhalb weniger Monate 1,2 Millionen Dollar deponiert und das Geld anschliessend an den israelischen Anwalt Zwi Barak weitergeleitet. Erst nach einer Intervention des Genfer Büros floss es zurück – diesmal auf ein WJC-Konto in New York. Daraufhin schloss der WJC das Genfer Büro. Donath forderte eine unabhängige externe Revision und drohte, aus dem WJC auszutreten, sollte keine solche Prüfung stattfinden. In der Folge traten Generalsekretär Singer und Präsident Edgar Bronfman zurück; es folgten jahrelange Rechtsverfahren.

Das Genfer Büro war über Jahrzehnte untrennbar mit dem Namen Gerhard Riegner verbunden. Der deutsch-jüdische Jurist und Diplomat, der 1942 als Erster den Westen über Hitlers Vernichtungspläne – mit dem sogenannten Riegner-Telegramm – informiert hatte, leitete das Büro bis zu seinem Tod im Jahr 2001 und machte es zu einem zentralen Ort jüdischer Diplomatie und Erinnerungsarbeit. Die Jubiläumsfeier war eine ohne Gedächtnis, auf das sich gerade die jüdische Gemeinschaft immer wieder beruft.

Yves Kugelmann