FREIBURG 05. Jun 2026

Fehltritt im jüdisch-katholischen Dialog

Der Rabbiner und Theologe Mark S. Kinzer soll von der Universität Freiburg mit einem Ehrendoktorat ausgezeichnet werden.

Mit der Vergabe des Ehrendoktorats an Rabbiner Mark Kinzer ehrt die Theologische Fakultät Freiburg eine höchst umstrittene Figur.

Die Theologische Fakultät der Universität Freiburg in der Schweiz hat am 21. April bekannt gegeben, dass sie am 16. November dem – wie sie schreibt – «Rabbiner und jüdische[n] Theologe[n] Mark S. Kinzer» das Ehrendoktorat erteilen wird, als Würdigung, dass «dessen akademisches Werk und dialogisches Engagement in besonderer Weise zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum beigetragen haben». Diese Ankündigung hat jüdische und katholische Dialogpartner in der Schweiz gleichermassen irritiert, denn Kinzer steht mindestens aus Sicht der Schweizer Juden als Vertreter eines sogenannten messianischen Judentums ausserhalb des Judentums.

Das messianische Judentum
«Messianisch-jüdische» Strömungen sind auf nationaler wie weltkirchlicher Ebene nicht offiziell am jüdisch-katholischen Dialog beteiligt. Sie setzen sich meistens aktiv für eine Evangelisierung unter Juden ein und vertreten eine Substitutionstheologie, nach der die Kirche an die Stelle des Judentums in der Heilsgeschichte getreten sei. Mark Kinzer gehört zu einer Minderheit im «messianischen» Judentum und distanziert sich von beiden Positionen. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass für die jüdische Seite denominationsübergreifend das «messianische Judentum» nicht Teil des Judentums ist – und schon gar keine Schnittstelle oder Brücke zwischen Judentum und Christentum. Der Anspruch «messianischer Juden», jüdisch zu sein, während sie an die Trinität glauben, steht in direktem Widerspruch zu jüdischem Selbstverständnis. Er unterstellt dem Judentum, theologisch defizitär zu sein. Der Glaube an Jesus als Christus steht dem Judentum entgegen. Es handelt sich also nicht um ein «messianisches» Judentum, sondern eher um eine christliche Sekte, die sich jüdischer Terminologie bedient, meist in missionarischer Absicht.

Nach «Nostra aetate»
Die römisch-katholische Kirche verzichtet aus pragmatischen, historischen wie auch theologischen Gründen auf aktive und «institutionalisierte Mission» unter Juden, auch wenn Katholiken ihren Glauben an Jesus Christus auch vor Juden bezeugen sollen. Diese Aussage, die Kardinal Walter Kasper als Präsident der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum in verschiedenen Debatten stark gemacht hat, ist in die vatikanische Handreichung zum Dialog mit dem Judentum 2015 eingegangen. Auch Papst emeritus Benedikt XVI. hat in einem Beitrag in der «Herder Korrespondenz» vom Dezember 2018 formuliert: «Eine Mission der Juden ist nicht vorgesehen und nicht nötig (…), denn der Missionsauftrag ist universal – mit einer Ausnahme: Eine Mission der Juden war einfach deshalb nicht vorgesehen und nicht nötig, weil sie allein unter allen Völkern den ‹unbekannten Gott› kannten.» Für Israel gelte daher nicht Mission, sondern der Dialog darüber, ob Jesus von Nazareth «der Sohn Gottes, der Logos» ist, auf den – gemäss den an sein Volk ergangenen Verheissungen – Israel und, ohne es zu wissen, die Menschheit warte. An die Stelle der Substitutionstheologie ist in der römisch-katholischen Theologie die Lehre vom «unwiderrufenen Bund» Gottes mit Israel getreten, die die Dialogaussagen von Johannes Paul II. durch sein ganzes Pontifikat begleiten. Papst Franziskus formulierte dazu in «Evangelii gaudium»: «Gott wirkt weiterhin im Volk des Alten Bundes.» Damit haben die Päpste die erneuerte Theologie des Judentums entfaltet, die die Konzilserklärung «Nostra aetate» eingeleitet hatte, wenn sie schrieben, Juden und Christen würden «Schulter an Schulter» der messianischen Zeit entgegengehen. So betet die Kirche in der Karfreitagsfürbitte jährlich: «Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.»

Eine folgenreiche Entscheidung
Die Universität Freiburg – selbst historisch gesehen eine Säule des katholisch-jüdischen Dialogs in der Schweiz und Ort einer der ersten internationalen christlich-jüdischen Konferenzen 1948 – zeigt leider wenig Sensibilität gegenüber der jüdischen Seite. Auch wenn Mark Kinzer sich von christlicher Mission unter Juden und Substitutionstheologie nun distanziert, muss die Entscheidung der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg, ihm die Doktorwürde zu verleihen, problematisiert werden. Insbesondere angesichts der Begründung, Mark Kinzer stehe im «Schnittfeld von Judentum und Christentum». Wenn es also nicht nur um sein akademisches Werk, sondern explizit auch um sein «dialogisches Engagement» geht, das angeblich «in besonderer Weise zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Judentum und Christentum beigetragen» habe, dann sind das keine unglücklichen Formulierungen, sondern dann glauben die Befürworter dieser Ehrendoktorwürde offensichtlich an das, was sie da schreiben, und möchten den katholisch-jüdischen Dialog in eine Richtung verschieben, die für Juden völlig inakzeptabel ist. Wer jüdisch ist und wer nicht, und wer das Judentum im katholisch-jüdischen Dialog vertritt, wird immer noch durch das Judentum selbst bestimmt.

Rabbiner Jehoschua Ahrens ist seit 2023 Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde Bern.

Jehoschua Ahrens