BRENNT ISRAELS NORDEN? 12. Feb 2018

Teheran und Jerusalem erstmals frontal engagiert

Nachdem Abschuss eines israelischen F-16 Flugzeuges sind die Sicherheitskräfte an der syrischen Grenze alarmiert. 

Hinter den Kulissen rennt Netanyahu auch gegen Moskaus Doppel- und Dreifachspiel an.

Die erste Schlussfolgerung von den Kampfhandlungen im Norden Israel lassen sich problemlos formulieren: Zum ersten Mal sind die Truppen der Islamischen Republik einerseits und die IDF-Verbände andererseits - vorerst noch nur in der Luft - in einer frontalen Direktkonfrontation gegeneinander engagiert. Auf den ersten Blick, aber nur dann, macht das Geschehen den Eindruck, als ob sich damit Premier Netanyahus Gelüste nach einer militärischen Auseinandersetzung mit dem iranischen Erzfeind zu erfüllen beginnen. Lange genug hat der israelische Regierungschef von diesem kriegerischen Wunschtraum bei jeder sich bietenden möglichen und unmöglichen Gelegenheit gesprochen, und nun wurde das Eindringen eines unbemannten iranischen Aufklärungskörpers in den israelischen Luftraum am Golan zum Anlass genommen, um mit voller Kraft voraus syrische und iranische Stellungen zu bombardieren. Laut israelischen Militärstellen haben die IDF bei ihren Attacken am Wochenende fast die Hälfte der syrischen Luftabwehr unbrauchbar gemacht. Teheran dementiert den Abschuss des unbemannten Flugkörpers durch Israel und will sich, verbunden mit den zum Überdruss bekannten Drohungen in Richtung Jerusalem, die Behinderung des Kampfes gegen den IS durch die «Zionisten» verbeten haben. Israel seinerseits nahm den Abschuss eines eigenen Jets durch die syrische Flugabwehr - die zweiköpfige Besatzung erlitt dabei teilweise erhebliche Verletzungen - zum Anlass, gleich massenweise syrische Positionen von der Luft her unter Beschuss zu nehmen. Das echte Problem ist für die Israeli aber weniger die militärische Seite der Medaille, sondern eher die politische mit der Aufschrift «Moskau». In ihren Reaktionen sprachen die Russen bis jetzt nämlich nur von der Beeinträchtigung der syrischen Souveränität, übergingen aber grosszügig den Abschuss des israelischen F16-Fliegers (das erste Ereignis dieser Art seit über 35 Jahren), ebenso wie die aus israelischer Sicht nicht weniger empörende Verletzung seiner eigenen Souveränität durch Iran. Jerusalem muss sich wohl zähneknirschend damit abfinden, dass Moskau militärisch mehr oder weniger sagen, tun und lassen kann, was es will zwischen dem Mittelmeer und dem Jordantal beziehungsweise der syrischen und iranischen Grenze. Offiziell bleibt man trotzdem unverändert eng koordinierende Sicherheitspartner, wobei  Moskau es mit einem Lächeln wegstecken dürfte, dass Netanyahu an der Regierungssitzung vom Sonntag an die Streithähne in Teheran und Damaskus gerichtet meinte, der israelische Schlag habe Syrien wie Iran «den schwersten Schaden seit Jahrzehnten» zugefügt. Dabei sollen auch iranische «Berater» und Soldaten ums Leben gekommen sein. Auch seine Versicherung gegenüber den Ministern, dass Israel seine Politik nicht geändert habe («Wir werden alle Versuche zunichtemachen, uns Schaden zuzufügen»), wird Moskau kaum sonderlich beeindruckt haben. Israel wird vermutlich so lange, wie es den Russen keine Rolle spielt, mit dem syrischen und iranischen Feuer spielen können - aber keine Minute länger. Hinzu kommt, dass die Situation nach dem Wochenende nicht mehr die gleiche ist wie vorher: Israel wird sich von nun an, wie «Haaretz» es treffend formuliert, mit einer nervös machenden Kombination von Umständen beschäftigen müssen: Irans offensichtliche Bereitschaft, gegen Israel aktiv zu werden, und das wachsende Selbstbewusstsein des Regimes Assad. Am meisten Kopfzerbrechen dürfte Jerusalem aber die teilweise Unterstützung Russlands für die von diesen beiden Partnern Jerusalem gegenüber an den Tag gelegte aggressive Politik bereiten. Auf lange Sicht rechnen in Israel allerdings sozusagen alle Entscheidungsträger damit, dass die nächste Runde der Gewalt mit dem Duo Iran-Syrien nur eine Frage der Zeit ist. 

Jacques Ungar