USA – Kultur 01. Feb 2026

Philip Glass sagt Weltpremiere im vormaligen «Kennedy Center» ab

Philip Glass gab bekannt, dass er die für Juni geplante Uraufführung seiner neuesten Sinfonie am Kennedy Center zurückzieht.  

Die Sinfonie «Lincoln» thematisiert eine Rede des späteren US-Präsidenten über die Bedrohung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit durch Mob-Gewalt.

Das Thema könnte nicht aktueller sein. In seiner Sinfonie Nr. 15, «Lincoln», greift Philip Glass die «Lyceum-Rede» damals 28-jähriger Gliedstaats-Abgeordneten in Illinois aus dem Jahr 1838 auf, in der Abraham Lincoln vor der von Mob-Gewalt ausgehenden Gefahr für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in den USA gewarnt hat. Der spätere US-Präsident hat die Rede vor dem Debattiergesellschaft «Young Men’s Lyceum» in Springfield, Illinois, gehalten. 

Doch am Dienstag hat der prominente Komponist die am 12. und 13. Juni unter der Leitung der Grammy-prämierten Dirigentin Karen Kamensek geplante Weltpremiere am vormaligen «Kennedy Center» in Washington abgesagt, das der neue, von Trump ernannte Verwaltungsrat in «Trump Kennedy Center» umbenennen will. Die Namensänderung wurde bereits an der Fassade vollzogen, obwohl dies eigentlich nur über einen Kongressbeschluss möglich ist. 

Die Absage von Glass ist die jüngste in einer Reihe dieser Gesten: «Die Sinfonie Nr. 15 ist ein Porträt von Abraham Lincoln, und die Werte des Kennedy Center stehen heute in direktem Widerspruch zur Botschaft der Sinfonie», so Glass in einer Presseerklärung: «Daher sehe ich mich verpflichtet, die Premiere dieser Sinfonie im Kennedy Center unter der derzeitigen Führung abzusagen.» Eine Sprecherin des Zentrums gab zurück: «Politik hat in der Kunst keinen Platz, und diejenigen, die aufgrund politischer Motive zu Boykotten aufrufen, treffen die falsche Entscheidung.» 

Glass wird am Samstag 89 Jahre alt und wurde 2018 im Kennedy Center geehrt. Drei Jahre zuvor erhielt er die National Medal of Arts vom damaligen Präsidenten Barack Obama. Zuvor hatten bereits neben vielen anderen Musikern Renée Fleming und Bela Fleck Auftritte abgesagt. Trump hat den legendären Veranstaltungsort in den Mittelpunkt seiner Kampagne gegen die «Woke-Kultur» gestellt (Link).

Die Absage von Glass hat sicherlich Signalwert. Aber wie die «New York Times» in einem Hintergrundbericht klar macht, spricht der innovative Vertreter der musikalischen Moderne doch nicht für sämtliche Kulturschaffende. So ist das am vormaligen Kennedy Center musizierende National Symphony Orchestra unter Leitung des Beiratsvorsitzenden Joan Bialek zum Bleiben entschlossen (Link).

Andreas Mink