Exklusiv 02. Okt 2026

NS-«Säuberungen» in der Schweiz

Davoser Sanatorien dienten dem NS-Regime während des Zweiten Weltkriegs. 

Mitten in der neutralen Schweiz selektierten NS-Ärzte schwerkranke Tuberkulosepatienten – unter den Augen der Schweizer Behörden.

Das Magazin AUFBAU enthüllt in seiner aktuellen Ausgabe neue Erkenntnisse zur Kooperation Lungensanatorien in der Schweiz mit der Vernichtungspolitik des NS-Regimes im Zweiten Weltkrieg. 
Die exklusiv im AUFBAU publizierte Recherche des Historikers Erich Keller beleuchtet erstmals ein bislang unbekanntes Kapitel der Schweizer Geschichte während des Nationalsozialismus: Zwischen 1942 und 1945 führten Nazi-Ärzten in Lungensanatorien in Davos, Arosa und Agra sogenannte «Säuberungen» durch. Schwerkranke Tuberkulosepatienten, die als politisch unzuverlässig oder nicht länger «behandlungswürdig» galten, verloren ihre Versicherungsgelder und mussten ins Deutsche Reich zurückkehren – obwohl ihnen dort Internierung, Zwangsarbeit oder die Ermordung im Rahmen der NS-«Euthanasie» drohten.
Rund 10’000 deutsche Tuberkulosekranke waren zwischen 1935 und 1945 vom NS-Staat zur Behandlung in die Schweiz geschickt worden. Die Einrichtungen standen ab 1942 vollständig unter der Kontrolle des NS-Regimes. Im Auftrag des Reichs-Tuberkulose-Ausschusses untersuchte der deutsche Rassehygieniker und Mediziner Konrad Kühne die Patienten. Kühne gehörte dem wissenschaftlichen Umfeld von Josef Mengele an. Die Schweiz untersagte ihm 1942 zunächst die Einreise – bis der Chef der Fremdenpolizei Heinrich Rothmund zugunsten des Nazi-Arztes intervenierte. Kühne konnte fortan unbehelligt ein- und ausreisen. Rothmund erliess wenig später die Grenzsperre für jüdische Flüchtlinge. Auch Schweizer Ärzte waren an den Überprüfungen der Tuberkulose-Kranken beteiligt. Hunderte Patienten verloren daraufhin ihre Behandlungsplätze und wurden zurück nach Hitler-Deutschland gebracht. Die Eidgenössische Bundesanwaltschaft war über diese Vorgänge informiert.
Einige Betroffene wandten sich aus Angst um ihr Leben an die Davoser Polizei. Doch die Schweizer Behörden griffen nicht ein. Bereits 1947 fragte die «Davoser Zeitung»: «Wo steckt Dr. Kühne?» Die Zeitung erhob schwere Vorwürfe gegen den Mediziner: Er habe zahlreiche Kranke der sogenannten «Himmelfahrtsspritze» im Reich zugeführt. Keller rekonstruiert im AUFBAU, wie Schweizer Kurorte zu Schauplätzen der nationalsozialistischen Euthanasie wurden. Schweizer Mediziner waren an diesen Verbrechen unter den Augen der Schweizer Behörden beteiligt. Dafür hat Erich Keller bisher unpubliziertes Material aus Schweizer und internationalen Archiven ausgewertet.In der gleichen Ausgabe spricht der Schweizer Historiker Raphael Gross über historische Urteilskraft. Der Aufbau wurde 1934 gegründet und wird seit 2024 von der tachles-Herausgeberin JM Jüdische Medien AG herausgegeben. Mehr unter www.aufbau.eu


 

Yves Kugelmann