UNESCO-Generalsekretär warnt am Holocaust-Gedenktag vor neuem Verlust von Menschenwürde.
UNESCO-Generalsekretär Khaled El-Enany hat am gestrigen Internationalen Holocaust-Gedenktag eindringlich vor einem erneuten Zusammenbruch von Recht und Menschenwürde gewarnt. In seiner Rede im Hauptsitz der Organisation in Paris erinnerte der im November gewählte Amtsinhaber an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden, sowie an die Millionen weiteren Opfer des NS-Terrors.
Der Holocaust sei nicht nur ein historisches Verbrechen, sondern ein universelles Menetekel, sagte El-Enany. „Wenn ganze Völker ausgelöscht werden sollen, wird nicht nur Leben zerstört – die Würde der gesamten Menschheit wird verstümmelt und herabgesetzt“, erklärte er. Der diesjährige Gedenktag stehe unter dem von den Vereinten Nationen gewählten Motto „Holocaust-Gedenken für Würde und Menschenrechte“ und erinnere daran, dass der Völkermord möglich geworden sei, weil fundamentale Rechte außer Kraft gesetzt worden seien.
„Der Holocaust wurde möglich, weil das Recht nicht mehr schützte, sondern ausgrenzte und diskriminierte“, sagte der UNESCO-Generalsekretär. Die Dimension der Verbrechen habe die internationale Gemeinschaft gezwungen, ihr moralisches und juristisches Fundament neu zu denken – von den Nürnberger Prozessen über die Einführung des Begriffs „Genozid“ durch den Juristen Raphael Lemkin bis zur Verabschiedung der UN-Völkermordkonvention und der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948. Deren Anspruch gelte bis heute uneingeschränkt: „Die Universalität der Menschenrechte darf niemals selektiv sein – ohne Ausnahmen und ohne Doppelstandards.“
El-Enany unterstrich die besondere Rolle der UNESCO als einzige UN-Organisation mit eigenen Programmen zur Holocaust-Bildung und zur Bekämpfung von Antisemitismus. Seit mehr als zehn Jahren arbeite man eng mit dem United States Holocaust Memorial Museum zusammen. Erst im vergangenen September habe die UNESCO in Auschwitz eine internationale Fortbildung für Lehrkräfte aus zwölf Ländern Afrikas, Asiens sowie Mittel- und Südamerikas organisiert, um die Erinnerung an die Shoah weltweit und kulturübergreifend zu verankern.
Zum Abschluss seiner Rede wurde El-Enany persönlich. Der gebürtige Ägypter erinnerte an die grosse Synagoge von Alexandria und an die einst bedeutende jüdische Gemeinde der Stadt, die über Jahrhunderte ein selbstverständlicher Teil der ägyptischen Gesellschaft gewesen sei. Diese Erinnerung sei für ihn biografisch wie politisch bedeutsam: Sie stehe für eine verlorene kulturelle Vielfalt im Mittelmeerraum – und für die Verpflichtung, jüdisches Leben, Geschichte und Würde weltweit zu schützen.
Zugleich mahnte der UNESCO-Generalsekretär, den Überlebenden weiter zuzuhören. Erinnerung bedeute nicht nur, historische Fakten zu bewahren, sondern auch, den Stimmen jener Raum zu geben, die das Verbrechen selbst erlebt hätten – Stimmen, die jedes Jahr seltener würden.