St. Gallen 30. Nov 2025

Die Rehabilitierung von Paul Grüninger jährt sich zum 30. Mal

Der Flüchtlingsretter Paul Grüninger (Keystone)

Der Flüchtlingsretter Paul Grüninger ist vor 30 Jahren auch juristisch rehabilitiert worden. Der ehemalige St. Galler Polizeikommandant rettete Ende der 1930er Jahre hunderten jüdischen Flüchtlingen das Leben. Sein Einsatz kostete ihm den Job; politische und juristische Anerkennung erhielt er erst spät.

Am 30. November 1995 folgte ein weiterer, wichtiger Schritt in der Rehabilitierung Paul Grüningers (1891-1972). An diesem Tag wurde er vom St. Galler Bezirksgericht posthum freigesprochen und damit auch juristisch rehabilitiert. Erst zwei Jahre zuvor hatte der St. Galler Regierungsrat nach langem Zögern die politische Rehabilitierung vollzogen; ein Jahr später tat der Bundesrat das Gleiche.

In der Urteilsbegründung sagte der damalige Gerichtspräsident, Grüninger habe als Notstandshelfer gehandelt, als er entgegen des Verbotes aus Bern Hunderte, wenn nicht Tausende jüdischer Flüchtlinge aus Österreich in die Schweiz einreisen liess.

Es sei erwiesen, dass Juden im Deutschen Reich 1938 und 1939 an Freiheit, Leib und Leben gefährdet gewesen seien. Deshalb seien Grüningers Taten nicht als rechtswidrig einzustufen, so das Gericht damals.

«Erlösung» und «freudiges Gefühl»
«Es ist schon eine Entspannung oder man kann fast sagen eine Erlösung. Und natürlich ein freudiges Gefühl nach einer so langen Zeit», hatte Ruth Roduner (1921-2021) am 30. November 1995 gegenüber dem Regionaljournal Ostschweiz von Radio SRF zur juristischen Rehabilitierung gesagt. Die Tochter von Paul Grüninger sowie ihre Söhne hatten die Revision des Prozesses beantragt.

Von einem «wichtigen Urteil gegen blindes Ausführen von Anweisungen» sprach Paul Rechsteiner. Der Anwalt und damalige Nationalrat der SP vertrat Grüningers Nachkommen.

Erfreut über das Urteil des Bezirksgerichts zeigte sich in einer persönlichen Erklärung auch Larry Lawrence, der damalige Botschafter der USA in Bern. Im Namen des früheren US-Präsidenten Bill Clinton hatte sich der Botschafter für die rechtliche Rehabilitierung Grüningers eingesetzt.

Israel ehrt Paul Grüninger
Polizeikommandant Paul Grüninger rettete in den Jahren 1938 und 1939 mehrere hundert jüdische und andere Flüchtlinge vor der nationalsozialistischen Verfolgung und Vernichtung. Trotz Schweizerischer Grenzsperre nahm er sie in St. Gallen auf. Um sie zu schützen, missachtete er Weisungen des Bundes und Gesetze.

1939 entliess die St. Galler Regierung den Polizeikommandanten fristlos. 1940 wurde er wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung verurteilt. Er wurde verfemt und später vergessen. Bis zu seinem Tod lebte Grüninger gemäss dem Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) in Armut.

Die Erinnerung an den Flüchtlingsretter pflegt heute unter anderem die Paul Grüninger Stiftung. Auch erinnern mehrere Strassen und Plätze an ihn, so etwa der Grüninger Platz in der St. Galler Altstadt oder eine Strasse in der israelischen Stadt Jerusalem. Und an Grüningers letztem Wohnort in Au ist seit Ende Oktober 2005 eine Gedenktafel zu sehen.

Ebenfalls erhielt er vom Staat Israel die «Medaille der Gerechten». Mit dieser ehrt Israel Nicht-Juden für die Rettung von Juden während des Zweiten Weltkrieges.
 

Redaktion