Beirut 11. Okt 2026

Der Krieg ist nicht vorbei

Libanesische Soldaten stehen neben Bewohnern in Sawtar al-Gharbija.

Eigentlich sollte der Krieg im Libanon vorbei sein. Immer wieder gab es Anläufe, um die Konfrontation zwischen Israel und der vom Iran unterstützten Hisbollah dauerhaft zu beruhigen. Offiziell herrscht eine Waffenruhe, doch ist von Frieden im Süden des Landes wenig zu spüren.

Im Zuge des Gaza-Krieges eröffnete auch die Hisbollah aus dem Libanon heraus in Solidarität mit der Hamas eine Front gegen Israel. Das israelische Militär reagierte mit heftigen Gegenangriffen im Libanon. Nach einer brüchigen Waffenruhe eskalierte die Lage mit dem Iran-Krieg erneut. Bis heute wurden dabei im Libanon fast 9.000 Menschen getötet. Das Gesundheitsministerium unterscheidet in seiner Aufzählung nicht zwischen Zivilisten und Kämpfern. Unter den Getöteten sind den Angaben zufolge aber auch hunderte Frauen und Kinder.

«Ich schlafe unter dem Schrank», sagt Rija Ali Mohamed. Nachts hört sie Angriffe, die nach israelischen Angaben Hisbollah-Kämpfern gelten – manchmal nur wenige hundert Meter entfernt. Das Donnern immer wiederkehrender Einschläge im Nachbardorf und der gesamten Grenzregion gehen nach Angaben der Bewohner täglich weiter. «Jede Nacht – und wenn nicht nachts, dann tagsüber – leben wir in Angst», sagt die 50-Jährige.

Sie lebt in Sawtar al-Gharbija, der Ort ist Teil der sogenannten Pilotzonen. Sie sollen ein Test dafür sein, wie sich die Lage im Südlibanon stabilisieren lässt. Bei einem Besuch vor Ort im Rahmen eines Hilfskonvois des Malteser-Hilfsdiensts zeigt sich, dass Skepsis angebracht ist.

Mehr als 600 Quadratkilometer unter israelischer Kontrolle

Wie ist die Lage? Das israelische Militär war im Zuge der jüngsten Eskalationen mit der Hisbollah 2024 und 2026 mit Bodentruppen in den Südlibanon eingerückt. Im Frühjahr zog Israel im Südlibanon eine sogenannte «Gelbe Linie», hinter der seine Truppen nun eine mehrere Kilometer tiefe Zone kontrollieren. Das Militär will dort die über viele Jahre aufgebaute militärische Infrastruktur der Hisbollah zerstören.

Nach libanesischen Angaben kontrolliert Israel ein Gebiet von mehr als 600 Quadratkilometern – rund sechs Prozent der Landesfläche. Die libanesische Regierung stuft das von Israelkontrollierte Areal als völkerrechtswidrige Besatzung ein.

Israel begründet seine Militärpräsenz mit der Notwendigkeit, die eigene Bevölkerung im Norden Israels vor Angriffen der Hisbollah zu schützen. Die israelische Regierung argumentiert, dass die betroffenen Gebiete weiterhin militärische Infrastruktur der Hisbollah beherbergen. Sie gilt durch die Kriege als stark geschwächt, zerschlagen wurde sie jedoch nicht. Sie verfügt weiterhin über politischen Einfluss und militärische Fähigkeiten.

Grossflächige Zerstörung

Auf dem Weg nach Sawtar al-Gharbija zeigt sich auch ausserhalb der israelischen Zone bereits das Ausmass der Zerstörung. An Strassenrändern reihen sich Schuttberge aneinander. Es blitzen Sofateile, Kleidungsstücke oder Überbleibsel von Einbauküchen heraus, dazwischen immer wieder zerstörte Gebäude.

In der von Israel kontrollierten Zone sind ganze Orte schwer zerstört. Der Zugang dorthin ist stark begrenzt. Libanesische Medien und Anwohner berichten immer wieder, die Zerstörung mache eine dauerhafte Rückkehr der Bewohner unmöglich. Rund 55 Orte und Dörfer liegen in den von Israel kontrollierten Gebieten im Südlibanon.

Idee der Pilotzonen

Israel verlangt die Entwaffnung der Hisbollah. Die Organisation lehnt eine Entwaffnung ab, solange Israel seine Truppen nicht aus dem Libanon abzieht.

Laut einer Rahmenvereinbarung zwischen Israel und dem Libanon vom Juni sollen die Pilotzonen bei der Entwaffnung und beim israelischen Truppenrückzug helfen. Die Hisbollah war nicht an der Entscheidung beteiligt und hat ihr auch nicht zugestimmt. Der Südlibanon ist eines ihrer wichtigsten Einflussgebiete. Dort hat sie sich in den letzten Jahrzehnten als eine Art Staat im Staate etabliert. Nun soll das libanesische Militär dort die Kontrolle übernehmen.

Zunächst sollen militärische Strukturen der Hisbollah beseitigt und überprüft werden. Anschliessend soll die libanesische Armee die alleinige Sicherheitsverantwortung übernehmen und Israel seine Truppen schrittweise zurückziehen. Vor Ort zeigt sich nun, wie schwierig die Umsetzung ist.

Rückkehr in Pilotzonen möglich?

Sawtar al-Gharbija liegt an der «Gelben Linie». Der Ort ist umgeben von israelischer Militärpräsenz. Ein Grossteil des Ortes liegt in Trümmern. Es fehlt am Nötigsten. Zurückgekehrte Bewohner berichten, es gebe weder Strom noch eine stabile Wasserversorgung. Der Malteser Hilfsdienst richtet dafür Versorgungstage für zurückgekehrte Bewohner ein. Es gehe vor allem um Stabilisierung, sagt Oumajma Farah, Pressesprecherin beim Malteser Hilfsdienst im Libanon. «Unsere Vorstellung von Stabilisierung basiert darauf, den am stärksten gefährdeten Menschen zu helfen - also jenen, die häufig von verschiedenen politischen Akteuren instrumentalisiert werden.» Die Malteser bieten mit mobilen Klinikeinheiten medizinische Versorgung dort an, wo das Gesundheitssystem zusammengebrochen ist.

«Es ist wichtig, den Leuten zu zeigen, dass wir da sind», betont Farah. Die Versorgungstage sind Teil einer Kampagne der Malteser im Libanon. Sie wird mit Mitteln finanziert, die das Auswärtige Amt der Organisation Malteser International bereitgestellt hat. Die Versorgungstage werden gemeinsam mit den libanesischen Streitkräften organisiert.

Militär soll staatliche Präsenz fördern

«Wir verfügen über begrenzte Kapazitäten», sagt Brigadegeneral Ijad al-Alam von den libanesischen Streitkräften. In Sawtar al-Gharbija gebe es keine grundlegenden Versorgungseinrichtungen. «Meine Mission konzentriert sich darauf, den Menschen bei der Wiedereingewöhnung zu helfen.» Die Koordinierung mit zivilgesellschaftlichen Organisationen sei unerlässlich.

Al-Alam ist Leiter des «Civil-Military Cooperation»-Programms in Sawtar al-Gharbija. Ziel des Programms ist es, das Vertrauen zwischen Bevölkerung und Armee zu stärken sowie die staatliche Präsenz in bisher von der Hisbollah kontrollierten Region zu fördern. «Was die Sicherheit betrifft, so gibt es zwischen uns und den Dorfbewohnern keine Spannungen oder Konfrontationen», sagt al-Alam. Die Gefahr komme von aussen.

Ein «primitives Leben»

Bisher sind nur wenige Familien nach Sawtar al-Gharbija zurückgekehrt. Viele Häuser sind durch den Krieg unbewohnbar. «Niemand bleibt hier – ausser die Leute, die nirgendwo anders hingehen können», sagt die Anwohnerin Mahsen Fakich. «Das ist ein primitives Leben.» Sie selbst wohne mit ihrem Mann in einem kleinen Supermarkt. Ihr Wohnhaus sei zerstört. Die Regierung selbst helfe nur wenig. In das Projekt der Pilotzonen hat sie wenig Hoffnung: Der Plan funktioniere nicht. «Jede Nacht hören wir erneuten Beschuss.»

Redaktion