200 Jahre Basler Stadtcasino – was einst als Treffpunkt der christlichen Basler Oberschicht entstand, wurde 1897 zum Gründungsort des politischen Zionismus.
Das Basler Stadtcasino wurde 1826 vom Architekten Melchior Berri (1801–1854) erbaut, der mit dem «Basler Dybli» 1845 auch die weltweit erste mehrfarbige Briefmarke kreierte. Das Stadtcasino fungierte als sozialer und kultureller Treffpunkt der damaligen Basler Oberschicht, des «Daig». Dieser war in den Jahren nach Napoleons Niederlage in Waterloo im Jahre 1815 und dem darauffolgenden Wiener Kongress extrem konservativ gesinnt und wollte wieder in die vorrevolutionären Zeiten zurück, als die guten Basler Familien die Politik und die Wirtschaft der mit rund 14 000 Einwohnern doch überschaubaren alten Handels- und Universitätsstadt unangefochten dominiert hatten. Die konservative Politik der Elite der Stadt führte letztlich 1833 zur Kantonstrennung und zur Gründung des Kantons Basellandschaft.
Zunächst kein jüdischer Ort
Was die 1803 gegründete dritte Basler jüdische Gemeinde angeht, die heutige Israelitische Gemeinde Basel (IGB), so tat die Basler Obrigkeit nach 1815 alles, was in ihrer Macht stand, um die Jüdinnen und Juden wieder aus der Stadt zu vertreiben. Juden waren in Basel nach der Flucht der zweiten jüdischen Gemeinde im Jahre 1398 exakt 400 Jahre nicht mehr zugelassen gewesen. Erst nach der Eroberung der Alten Eidgenossenschaft durch die Truppen des revolutionären Frankreichs im Jahre 1798 durften Jüdinnen und Juden wieder in Basel wohnen. Das wollte der Rat der Stadt nach der Niederlage Napoleons wieder rückgängig machen. Obwohl die jüdische Gemeinde Basels schrumpfte und erst in den 1850er Jahren wieder wuchs, gelang es der Basler Obrigkeit nicht, die Juden zu vertreiben. Die IGB blieb bestehen. 1850 wurde nach mehreren Gebetsstuben in einer umgebauten Scheune am Heuberg eine erste kleine Synagoge eingeweiht. Bereits 1866 folgte die heutige Grosse Synagoge an der Leimenstrasse, damals noch mit einer Kuppel. Sicher ist: Das Stadtcasino von Melchior Berri war kein Ort, an dem sich die Basler Jüdinnen und Juden aufhielten.
Prächtige Kulturstätte
Das änderte sich 1876 mit dem Bau des Grossen Musiksaals durch den Architekten Johann Jakob Stehlin-Burckhardt. Der Saal wurde an den abgerissenen Berri-Bau angebaut. Letzterer wurde 1938 abgerissen und bis 1942 durch den heutigen Vorderbau ersetzt. Der Grosse Musiksaal mit 1500 Plätzen ist für seine hervorragende Akustik bis heute international berühmt und gilt als einer der zehn besten Konzertsäle der Welt. Er ist heute die Heimbasis des Sinfonieorchesters Basel. Auch das Kammerorchester Basel und die Basel Sinfonietta veranstalten ihre Sinfoniekonzerte in diesem Saal. Dazu kommen Gastauftritte von Ensembles, Solisten und Stars aus der ganzen Welt.
So traten im Grossen Musiksaal nebst vielen anderen der französisch-jüdische Chansonnier Enrico Macias auf, dies an einer Benefizveranstaltung für die leider nicht mehr existierende jüdische Primarschule Leo Adler, sowie die israelische Sängerin Noa und mehrfach auch das Israelische Philharmonie-Orchester.
Seit Beginn wurde der Musiksaal in einem nunmehr liberaleren Zeitalter auch von einem kulturaffinen jüdischen Bürgertum besucht, das sich in Basel im 19. Jahrhundert ebenso herausbildete wie in vielen anderen Städten Europas und die europäische Bürgerlichkeit bis zur Schoah massgeblich prägte. Für die jüdische Geschichte prägend wird die Lokalität aber erst 1897 mit dem von Theodor Herzl einberufenen ersten Zionistenkongress, welcher mit dem «Basler Programm» den politischen Zionismus begründete. Doch warum kam dieser welthistorische Anlass eigentlich nach Basel in den Grossen Musiksaal des Stadtcasinos und machte dieses quasi zum Rütli des Staates Israel?
«Der Judenstaat»
Unter dem Eindruck des vehementen Antisemitismus, dem er sowohl in seiner Wiener Heimat als auch als Auslandskorrespondent in Paris begegnet war, verfasste der Jurist, Feuilletonist und politische Korrespondent Theodor Herzl 1895 seine epochale Schrift «Der Judenstaat». In ihr erklärte er die Emanzipation der Juden Europas für gescheitert und entwarf die Vision eines souveränen jüdischen Staates als Ausweg aus der Misere.
Anders als andere frühe zionistische Autoren, die schon zuvor zu ähnlichen Schlussfolgerungen gekommen waren, unternahm er es gleich selbst, seine Vision in die Realität umzusetzen. So beschloss er, für 1897 einen Kongress zusammenzurufen, um die zionistische Bewegung zu gründen und das Anliegen eines jüdischen Staates auf die Agenda der internationalen Politik zu setzen.
Die Suche nach einem Ort
Doch wo sollte die Tagung stattfinden? Herzl dachte zunächst an die Schweiz, um die politische Neutralität der zu gründenden Bewegung zu betonen. Doch schliesslich kam München zum Zug. Ausschlaggebend waren die guten Zugverbindungen nach Osteuropa, war es doch dort, wo Herzls Ideen auf die grösste Resonanz stiessen. Im zaristischen Reich hatten die antijüdischen Verfolgungen seit 1881 zu einer zunehmenden Drangsalierung und Verelendung geführt, der die jüdischen Massen durch Auswanderung zu entkommen suchten. So emigrierten bis 1924, als die USA die jüdische Immigration massiv beschränkten, rund 2,5 Millionen Juden in die Vereinigten Staaten. Aber auch die Auswanderung ins osmanische Palästina erschien als Option. So hatte sich unter dem Namen «Zionsfreunde» eine Reihe von zionistischen Gruppierungen gebildet, die nun enthusiastisch dem Ruf Herzls folgten. Doch in München waren die jüdischen Gemeinden mit der Durchführung eines Zionistenkongresses nicht einverstanden. Vor allem die dortigen sogenannten liberalen und orthodoxen Protestrabbiner waren der Ansicht, dass die neue zionistische Bewegung den Status der akkulturierten deutschen Juden als «Deutsche mosaischen Glaubens» beschädigen würde. Also musste Herzl einen neuen Tagungsort suchen. David Farbstein, ein junger russisch-jüdischer Student in der Schweiz, schlug ihm daraufhin Zürich als Tagungsort vor. Farbstein sollte dort in späteren Jahren als Zürcher Anwalt, Kantonsrat und Richter wirken und sass für die Zürcher Sozialdemokraten von 1922 bis 1938 im Nationalrat. Gegen seine Idee, den Kongress an der Limmat abzuhalten, wandten sich aber die russischen Vertreter in Herzls Vorbereitungskomitee. Denn Zürich galt als Basis der Revolutionäre aus dem zaristischen Reich. So lebte über anderthalb Jahrzehnte später auch Lenin in der Stadt, von der er 1917 nach Russland aufbrach, um die Revolution anzuheizen.
Wegen der revolutionären Umtriebe in Zürich war dort schon 1897 die zaristische Geheimpolizei Ochrana, die Vorläuferorganisation des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten, des Komitees für Staatssicherheit, des zivilen Auslandsnachrichtendienstes der Russischen Föderation und des Föderalen Sicherheitsdienstes Russlands äusserst präsent. Es bestand die Gefahr, dass die russischen Delegierten zum Zionistenkongress zuhause Repressionen zu gewärtigen hätten und dass der Zionismus von den zaristischen Behörden als subversive Bewegung wahrgenommen würde. Herzl wollte beides vermeiden.
Da er aber den Kongress weiter in der Schweiz durchführen wollte, schwenkte er keine zwei Monate vor Kongressbeginn auf Basel um. Auch die Stadt am Rheinknie war als Eisenbahnknotenpunkt gut gelegen. Dazu kam, dass die damals pietistisch gesinnte Basler Regierung trotz der Kurzfristigkeit der Anfrage enthusiastisch reagierte. So stellte die Stadt Herzl gratis ein Kongressbüro und mit der Bayrischen Bierhalle und der Burgvogtei, dem heutigen Volkshaus, sogar einen Kongressort zur Verfügung. Herzl war aber gegen die «Bayrische Bierhalle» als Austragungsort. Man würde dann den Zionismus als «Bieridee» bezeichnen. Auch von der Burgvogtei hielt er nicht viel. In seinem Tagebuch beschrieb er sie als ein «ungeeignetes Lokal mit Tingeltangelbühne». Ihm ging es mit dem Kongress darum, offiziell und als ernsthafter diplomatischer Player die Weltbühne zu betreten und international den Eindruck zu vermitteln, dass hier in Basel nach 1827 Jahren der Staatenlosigkeit erstmals wieder das Parlament, die gesetzgebende Versammlung der Juden, in alter Pracht zusammenkäme.
Herzl will den prächtigsten Saal der Stadt
Dafür wollte er den Grossen Musiksaal des Stadtcasinos, schon damals der prächtigste Saal der Stadt. Für den Kongress waren Frack und Zylinder Vorschrift, um so nach aussen den Eindruck der Feierlichkeit und Seriosität zu vermitteln. Unterstützung erhielt Herzl auch vom Basler Rabbiner Arthur Cohn, der im Gegensatz zu den deutschen Amtskollegen die Durchführung des Kongresses aktiv befürwortete. Im Gegenzug besuchte Herzl denn auch die Grosse Basler Synagoge an der Leimenstrasse, wo er sich traditionsgemäss zur Thora aufrufen liess.
Gründung des Judenstaat im Stadtcasino
Den endgültigen Ausschlag für den Entscheid, den Kongress nach Basel zu verlegen, gab aber die Existenz des koscheren Restaurants Braunschweig, «wo man recht schlecht isst», wie Theodor Herzl seinem Tagebuch anvertraute. Trotzdem war das Restaurant wesentlich für die Kongressteilnehmer, die aus den verschiedensten Gegenden eintrafen – «kohlenstaubig, reiseverschwitzt, voll von Absichten», wie Herzl schrieb.
Und so fand vom 29. bis zum 31. August 1897 jener Kongress statt, von dem Herzl schon am 3. September 1897 schreiben sollte: «Fasse ich den Kongress in ein Wort zusammen – das ich mich hüten werde öffentlich auszusprechen – so ist es dieses: In Basel habe ich den Judenstaat gegründet.»
Von 22 Zionistenkongressen bis zur Gründung Israels im Jahre 1948 sollten dann deren zehn in Basel stattfinden, davon sieben im Stadtcasino. Nach dem Ersten Weltkrieg zog die zionistische Bewegung dann ab 1927 um, in die Hallen der Mustermesse, der heutigen MCH-Group. Die erste Mustermesse hatte übrigens 1917 im Stadtcasino stattgefunden.
Der Grosse Musiksaal ist seither oft Schauplatz für Gedenk- und Jubiläumsveranstaltungen der Zionistenkongresse gewesen, so in den 1950er und 1960er Jahren und vor allem auch anlässlich des 100. und des 125. Jubiläums 1997 und 2022. Die IGB führte hier regelmässig die Jom-Haazmaut-Feiern zur israelischen Unabhängigkeit durch, aber auch Jubiläumsfeiern des Jüdischen Turnvereins und Fundraising-Veranstaltungen des Keren Hajessod – oft gekoppelt mit Konzerten der Creme de la Creme der israelischen Sänger – fanden im Stadtcasino statt, damals, als die jüdische Gemeinde mehr als doppelt so gross war wie heute. Unvergessen ist etwa der Auftritt des Bnei-Akiva-Jugendchors unter der Leitung des späteren Rabbiners Michael Goldberger s. A. anlässlich der Vorstellung einer eigenen Langspielplatte. Heute ist der Blick auf das Stadtcasino eher nostalgisch. Grosse jüdische Veranstaltungen sind selten geworden. Einzig Führungen mit Touristen und Interessierten gibt es von Zeit zu Zeit, die sich dann um die Erinnerungstafel an den Ersten Zionistenkongress gruppieren, die aus Sicherheitsgründen im Saal und nicht an der Aussenmauer angebracht ist.
Jubiläumsfeier: Freitag, 12. Juni, 10.30 Uhr bis Sonntag, 14. Juni, 18.30, Stadtcasino Basel, Konzertgasse 1, Basel.
www.stadtcasino-basel.ch