Der Publizist und Philosoph Michel Friedman warnt in seinem neuen Buch eindringlich vor der Selbstzufriedenheit westlicher Demokratien und zieht die persönliche Bilanz eines jüdischen Europäers – ein Gespräch.
tachles: Sie bezeichnen sich selbst als «verzweifelten Demokraten» und formulieren in ihrem neuen Buch «Mensch!» ein flammendes Plädoyer zum Umdenken. Ist da Resignation herauszuhören?
Michel Friedman: Im Wort Verzweiflung steckt das Wort Zweifel. Zweifel ist für mich die Grundhaltung eines echten Demokraten. Es ist auch die Bereitschaft, an sich selbst zu zweifeln, sich und das politische System immer wieder zu hinterfragen. Doch genau das ist in unseren Gesellschaften abhandengekommen. Wir haben Demokratie zur Selbstverständlichkeit erklärt und aufgehört zu zweifeln – bis wir merken, dass das Fundament zu bröckeln beginnt. So sind wir an einem Punkt angelangt, an dem nicht mehr garantiert ist, ob die Demokratie überleben wird, ob wir weiter in Freiheit und Frieden leben werden oder in autoritäre Systeme abgleiten.
Im Buch machen Sie Bequemlichkeit als eine von vielen Ursachen der Demokratiemüdigkeit aus. Wie gefährlich ist sie für die Demokratie?
Sie ist brandgefährlich. Nach Jahrzehnten des Friedens und Wohlstands haben viele den Eindruck, dieses Leben sei einfach da – als sei ein Recht auf Freiheit, ein Recht auf Selbstbestimmung, in Stein gemeisselt. Doch Demokratie ist anstrengend. Sie will gepflegt, diskutiert, verteidigt werden. Viele haben sich, bildlich gesprochen, mit einem «Bitte nicht stören»-Schild eingerichtet. Doch Demokratie existiert nicht, wenn sie bloss konsumiert wird. Sie verlangt Beteiligung, Widerspruch, so ungemütlich das oft ist. Wer diese Mühe scheut, verliert irgendwann die Freiheit, Entscheidungen zu treffen, und wacht in einem System auf, das keine Wahl mehr lässt.
Wie erleben Sie aktuell die politischen Gefährdungen konkret?
Die demokratischen Errungenschaften, Gewaltenteilung, Presse- und Kunstfreiheit, stehen unter Druck wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wir sehen, dass Populisten und Nationalisten – Orbán, Trump, aber auch andere – demokratische Wahlen als Einfallstor nutzen, um danach die Demokratie auszuhöhlen. Die Mechanik ist perfide: Wer im Namen der Mehrheit die Demokratie entkernt, verändert das Klima viel schneller und nachhaltiger, als viele für möglich halten. Erschreckend ist, wie Gleichgültigkeit und Angst die Gesellschaft lähmen. Wer zu lange passiv bleibt, riskiert, irgendwann nicht mehr Nein sagen zu dürfen – ausser mit dramatischen persönlichen Konsequenzen.
Was wurde aus dem Ideal der aufgeklärten, aktiven Bürgergesellschaft?
Es dominiert die Sehnsucht nach Bequemlichkeit und Konsum. Die allgegenwärtige Wohlstandssteigerung hat dazu geführt, dass viele notwendige Debatten über Werte, Gemeinsinn und Verantwortung verdrängt wurden. Es geht so weit, dass wir für das geringe Engagement fast mit Wohlstandsverlusten bezahlen müssen – bisher aber, so ehrlich muss man sein, hat das Bequeme fast immer gesiegt. Wir haben das Glück, unser Brot zu verdienen, die Freiheit, ein Croissant statt Schwarzbrot zu kaufen, Theaterstücke zu sehen, unzensierte Bücher zu lesen. Das klingt trivial, bedeutet aber, jeden Tag frei entscheiden zu dürfen – Entscheidungen, die in Diktaturen unmöglich sind.
Sie beschreiben eine neue Qualität der Gefahr durch Soziale Media und Desinformation. Was macht sie so toxisch?
Soziale Medien haben unsere Kommunikationskultur radikal verändert. Statt Dialog und Austausch dominieren schnelle Urteile, Vereinfachungen, Beschimpfungen. Die Wahrheit ist umkämpft. Trump und andere haben es perfektioniert, Lüge und Wahrheit auszutauschen, bis nichts mehr verlässlich erscheint. Die Demokratie aber lebt von Fakten, von Wissenschaft, von Aufklärung. Wenn das Wertegerüst von innen erodiert, wenn die Lüge zur Wahrheit wird und umgekehrt, hat die Demokratie keine Basis mehr. Dieser Prozess geschieht leise, ohne Putsch, aber mit enormer Wucht.
Sie warnen vor Trumps Amerika und Orbáns Europa. Beide allerdings sind von demokratischen Mehrheiten gewählt worden. Vielleicht wollen viele Menschen genau diese autokratische Entwicklung.
In Europa führen Koalitionsmehrheiten zu autokratischen Entwicklungen. Aber auch dort, wo sie Mehrheiten haben, können wir das durch freie Wahlen rasch ändern. Solange das noch geht. Es kann passieren, dass die autoritären Kräfte gewinnen. Zugleich haben wir in den letzten Jahren geopolitische Risiken konsequent ausgeblendet. Die Vorstellung, der Westen sei immun gegen autoritäre Rückschläge, war trügerisch. Die moderne Demokratie ist jung und verletzlich, während autoritäre Systeme zum Teil jahrhundertealte Erfahrung mit Repression haben. Gleichzeitig haben wir unterschätzt, wie global Autoritäre heute agieren, ob in Moskau, Peking, Budapest oder Washington. Sie lernen voneinander und nutzen die neoliberalen Brüche der westlichen Mittelschicht und Medienzerrbilder für ihre eigenen Zwecke. Am gefährlichsten aber: Wir haben es zugelassen, dass Menschen sich bedingungslos auf Geld und Konsum verlassen – als könnten Wohlstand und Sicherheit alles garantieren.
Hilft Wohlstand wirklich noch als Bollwerk gegen die Instabilität?
Eindeutig nicht. Wer meint, ein dickes Bankkonto schütze vor Diktatur, täuscht sich. Nehmen Sie die russischen Oligarchen oder sämtliche ehemaligen Milliardäre, die in autoritären Systemen innerhalb kürzester Zeit alles verlieren. Es ist eine fatale Illusion, Freiheit und Sicherheit mit Konsum gleichzusetzen. Bildung, eine lebendige Zivilgesellschaft und gegenseitiger Respekt sind es, die dauerhaft schützen können. Die wichtigste Sicherheit bietet nicht das Konto, sondern der Rechtsstaat.
Streit ist integraler Teil von demokratischen Prozessen. Doch genau diese Streitkultur steht nicht nur in Deutschland immer wieder in der Kritik.
Sie ist in eine gefährliche Schieflage geraten. Wir sind eine Gesellschaft der Ausrufezeichen geworden. Jeder weiss alles besser, die Bereitschaft zum Kompromiss wird häufig als Schwäche abgetan. Doch Demokratie ist ohne Kompromiss unmöglich. Treffen zwei Ausrufezeichen – mit maximaler Rechthaberei – aufeinander, entsteht Gewalt, nicht Verstehen. Wir müssen das Fragezeichen wieder rehabilitieren: Zuhören, Meinungen diskutieren, Brücken bauen, statt Fronten zu verhärten.
Ihre Perspektive ist oft von Ihrer eigenen jüdischen Biografie geprägt: Was bedeutet das für Ihre Sicht auf Freiheit und Gesellschaft?
Sehr viel. Ich bin als Kind von Holocaust-Überlebenden staatenlos geboren, mit dem Vermerk «Réfugié polonais» im Pass, und erst mit 18 Jahren deutscher Staatsbürger geworden. Diese Erfahrung lehrt, wie existenziell fragil Freiheit ist. Wer einmal erlebt hat, wie es ist, keine Rechte, kein Zuhause, keine Sicherheit zu haben, der betrachtet Demokratie nicht als selbstverständlich. Wer hingegen sein gesamtes Leben nie Krieg, Flucht oder Enteignung erfuhr, muss besonders für das Bewusstsein für diese Werte sensibilisiert werden.
Allerdings haben sich Mehrheiten für diesen Weg entschieden. Respektieren Sie die demokratischen Mehrheiten nicht?
Für die nächste Generation, die in einer Demokratie aufwächst, besteht die Gefahr, die Grundlagen für verhandelbar zu halten: Demokratie als gegeben zu sehen und nicht als Ergebnis harter, engagierter Auseinandersetzungen von Generationen. Ich habe deshalb mit meinem Sohn das Grundgesetz von vorne bis hinten gelesen, habe mit ihm die Europäische und die UN-Menschenrechtscharta betrachtet. Diese Dokumente sind einzigartig: Sie definieren Rechte, die nie verhandelbar sein dürfen, weil sie das Lebensversprechen freier Gesellschaften enthalten.
Im Buch bezeichnen Sie Antisemitismus in Europa und den USA als Symptom. Warum dieser Parameter?
Antisemitismus hat in letzter Zeit eine Enthemmung und Beschleunigung erfahren, die ich so seit Jahrzehnten nicht erlebt habe. Er kommt nicht nur von rechts oder von islamistischer Seite, sondern auch verschleiert durch politische Bewegungen, deren Demokratieverachtung nie nur Juden, sondern stets die Gesellschaft insgesamt trifft. Antisemitismus verweist immer auf einen Bruch im demokratischen Grundkonsens. In autoritären Systemen sind Juden immer die ersten Opfer – aber nicht die letzten. Wo der Hass gegen Minderheiten grassiert, ist die gesamte Demokratie in Gefahr.
Kann für Sie jüdisches Leben in dieser Atmosphäre überhaupt bestehen bleiben?
Es hat über Jahrhunderte immer Mittel und Wege gefunden, zu bestehen – oft unter schwersten Opfern. Das Wesen jüdischen Lebens war und ist die Zuversicht auf das Leben, die unbedingte Würde jedes Einzelnen, die Freiheit, kritisch zu denken. Wer sich darauf besinnt, dass jeder Mensch einzigartig ist – ob religiös als Ebenbild Gottes oder als fundamentale ethische Überzeugung –, der wird diese Werte verteidigen. Doch das kostet manchmal Mut, auch gegen Widerstände.
Das zeigt sich auch in Ihrer Kritik an der aktuellen israelischen Regierung.
Ja. Ich fühle mich jüdischen Werten universell verpflichtet. Ich sehe mit Besorgnis, wenn in Teilen der israelischen Politik über Nichtjuden oder Minderheiten in einem Ton gesprochen wird, der die Menschenwürde verletzt. Kein noch so gerechtfertigtes Bedürfnis nach Sicherheit darf dazu führen, dass wir selbst die ethischen Fundamente antasten. Das gilt für Israel genau wie für Europa. Identität und Demokratie stehen dann auf dem Spiel, wenn sie ihre eigenen Prinzipien verraten.
Angesichts all dieser Bedrohungen: Bleibt Ihnen Optimismus für die Demokratie?
Trotz allem ja. Nicht naiv, aber entschieden. Die Demokratie ist und bleibt die bei weitem beste aller Gesellschaftsformen, die der Mensch erdacht hat: Menschenrechte, Solidarität, Vielfalt, Kompromissfähigkeit. Solange es engagierte Menschen gibt, ist nichts verloren. Was nie wieder passieren darf, ist, dass man im Nachhinein sagt, man habe es nicht gewusst, nicht gespürt, nicht beeinflussen können. Jeder Einzelne ist gefragt – als winziges, aber leuchtendes Mosaiksteinchen dieser Gesellschaft.
Wie motivieren Sie Ihre Kinder?
Gerade habe ich mit meinem Sohn das Grundgesetz, die Europäische und UN-Menschenrechtscharta gelesen. Das ist das Beste, das Grossartigste, das Lebenszugewandteste, das Menschen geschaffen haben, und eine wunderbare philosophische Rechtskonstruktion. Freiheit, Menschenwürde und Demokratie sind niemals selbstverständlich und nie vollendet. Unsere Kinder und Enkel werden in einer Welt leben, die wir heute gestalten. Es ist unsere Aufgabe, die Demokratie nicht zu konsumieren, sondern zu leben. Verzweifelter Demokrat zu sein bedeutet: nicht aufzugeben. Im Gegenteil – täglich neu für das offene, freie, menschliche Gemeinwesen einzustehen.
Also, weshalb ein Ausrufezeichen und nicht ein Fragezeichen im Buchtitel?
Weil der Mensch das absolute dessen ist, was wir betrachten. Den Menschen als Menschen infrage zu stellen ist bereits der Anfang vom Ende.
Michel Friedman: Mensch! Liebeserklärung eines verzweifelten Demokraten. Berlin Verlag, Berlin 2025. Im aktuellen Podcast «Zukunft Denken» spricht Michel Friedman zum Thema. Er ist Herausgeber der Magazins aufbau, einem Verlagsprodukt der JM Jüdischen Medien AG.