geschichte 30. Okt 2026

Schwarz, jüdisch, vergessen

Schwarz, jüdisch und ein Star auf dem Spielfeld – Oscar Levis fehlt bis heute in der Geschichte des jüdischen Baseballs.

Ein Jahrhundert lang blieb fast unbemerkt, dass Oscar Levis, einer der besten Pitcher seiner Zeit, Jude war – nun belegen dies neue Recherchen.

Mehr als ein Jahrhundert lang war Oscar Levis sichtbar und blieb doch unentdeckt. Er warf einen No-Hitter, ein Spiel, in dem der Gegner keinen einzigen gültigen Schlag erzielt, und dominierte die kubanische Winterliga. Fünf Spielzeiten hintereinander verlor er keine Partie gegen einen der stärksten weissen Halbprofiklubs im Nordosten der USA. Wesley Rollo Wilson, der führende schwarze Sportjournalist seiner Zeit, erklärte ihn zum Massstab für junge Pitcher.

Trotzdem taucht Levis auf keiner offiziellen Liste jüdischer Major-League-Spieler auf. Ein Grund dafür ist ebenso einfach wie beschämend: Die sogenannten Negro Leagues, die schwarze Spieler nach ihrem Ausschluss aus den weissen Profiligen aufgebaut hatten, wurden erst 2020 als Major Leagues anerkannt. Jahrzehntelang galten Spieler wie Levis deshalb gar nicht als Spieler der höchsten Spielklasse. Hinzu kam eine weitere Annahme: Levis war schwarz, und schwarz sein und jüdisch sein wurden als Identitäten betrachtet, die sich kaum überschnitten.

Monatelange Archivrecherchen, Aussagen von Angehörigen und genealogische Nachforschungen belegen nun, was Zeitgenossen gelegentlich angedeutet, aber nie umfassend gewürdigt hatten: Oscar Levis war Jude. Sein Vater stammte aus einer jüdischen Familie Jamaikas, deren Wurzeln über die Karibik bis nach Portugal reichten. Für Levis jüdische Identität gab es in seiner Umwelt kaum einen Platz; auch der Baseballgeschichte war sie bislang entgangen.



Eine Online-Spur
Den Ausgangspunkt lieferte der Statistiker Gary Ashwill, einer der wichtigsten Fachleute für die Negro Leagues und Mitbegründer der Datenbank Seamheads. 2018 veröffentlichte er einen Beitrag, der Levis als gebürtigen Jamaikaner identifizierte. Auch diese Herkunft war lange unbekannt geblieben: Levis bezeichnete sich gewöhnlich als Panamaer, weil er dort aufgewachsen war und das Werfen gelernt hatte. Ashwill nannte seinen Vater, Amos DaCosta Levy. Über ihn war jedoch zunächst wenig herauszufinden.

Unter dem Beitrag hinterliessen Menschen, die den Familiennamen erkannten, entscheidende Hinweise. Ein Leser bezeichnete sich als Ururgrossneffe von Amos Levy und schrieb, dieser sei jüdisch gewesen. Eine weitere Kommentatorin erklärte, Amos DaCosta Levy gehöre zu ihren Vorfahren. Er sei ein weisser jüdischer Mann gewesen. Diese Hinweise liessen aufhorchen.



Vom Hinweis zum Beweis
Digitalisierte Ausgaben der jamaikanischen Zeitung «The Gleaner» dokumentierten DaCosta Levys politische Ämter, seine Tätigkeit als Freimaurer und seine Geschäfte. Zivilstands- und Kirchenunterlagen bestätigten den in Synagogenregistern verzeichneten Heiratseintrag seiner Eltern. Befragt wurden Fachleute für die jüdische Geschichte der Karibik, darunter der Historiker Stanley Mirvis, sowie Nachkommen der Familie. Mitarbeitende der Shaare-Shalom-Synagoge in Kingston bestätigten Unterlagen, die die Levys mit der Gemeinde verbanden. Die voneinander unabhängigen Quellen ergaben ein einheitliches Bild: DaCosta Levy gehörte zur jüdischen Gemeinschaft Jamaikas, und Oscar Levis war sein Sohn.

Als sich die Belege verdichteten, wurde Rebecca Alpert hinzugezogen, Religionswissenschafterin an der Temple University. Ihr Buch «Out of Left Field: Jews and Black Baseball» von 2011 untersucht die weitgehend übersehene jüdische Beteiligung an den Negro Leagues. Die Zusammenarbeit bestärkte das Vertrauen in die Ergebnisse der Recherche.



Zwischen Zugehörigkeit und Ausgrenzung
Amos DaCosta Levy wurde 1848 in Port St. Mary auf Jamaika geboren. Nach der Familienüberlieferung stammten seine Vorfahren aus Portugal und waren Seefahrer gewesen – höchstwahrscheinlich sephardische Juden, die sich nach der Inquisition im atlantischen Raum niedergelassen hatten.

Ende des 19. Jahrhunderts führte er mit Levy Brothers & Company ein erfolgreiches Handelshaus, das Waren aus den USA und England importierte. Er wurde für den Bezirk St. Mary in Jamaikas Legislativrat gewählt, amtierte als Friedensrichter und übernahm führende Aufgaben im Freimaurerwesen. Als er später in Panama lebte, würdigte ihn der «Daily Gleaner» 1919 als ältesten ausländischen Freimaurer auf dem Isthmus.

Levis’ Mutter Theodosia Foreman war eine schwarze Jamaikanerin und arbeitete als Schneiderin. Beziehungen zwischen jüdischen Männern und nicht weissen Frauen waren im damaligen karibischen Raum keineswegs selten. Wie Mirvis erläutert, waren sie auch von den Machtverhältnissen der Plantagenwirtschaft geprägt. Die Kinder solcher Verbindungen standen häufig zugleich innerhalb und ausserhalb der jüdischen Gemeinschaft. Die Forschung spricht von einer «peripheren Einbindung».

Levis’ Herkunft muss deshalb im historischen Zusammenhang verstanden werden. Nach Mirvis bestand die jüdische Gemeinschaft Jamaikas damals fast vollständig aus Nachkommen portugiesischer «Conversos», also einst zum Christentum gezwungener Juden. Die Abstammung über die Mutter wurde in diesem Umfeld weniger strikt gehandhabt als in der orthodoxen Praxis andernorts. Auch die jüdische Herkunft des Vaters konnte für die gesellschaftliche Zugehörigkeit erhebliches Gewicht haben.

Nach Angaben seiner Familie wusste Levis zeitlebens um seine jüdischen Wurzeln und war stolz darauf. Öffentlich stellte er sie selten heraus. Das entsprach der Erfahrung schwarzer Juden seiner Zeit, die sowohl in weissen jüdischen Kreisen als auch innerhalb der schwarzen Bevölkerung auf Skepsis stossen konnten.

Die unabhängige Organisation Jewish Baseball News, die ein umfassendes Verzeichnis jüdischer Profispieler führt, verwendet bewusst eine breite Definition: Berücksichtigt wird, wer mindestens einen jüdischen Elternteil hat, keinen anderen Glauben praktiziert und mit der Bezeichnung als Jude einverstanden ist.



Ethnische Grenzen des Baseballs
In Levis’ Jugend zog die Familie nach Panama, angelockt von den wirtschaftlichen Möglichkeiten rund um den Kanalbau. Der Umzug prägte sein Leben ebenso stark wie seine familiäre Herkunft. Die von den USA kontrollierte Kanalzone war streng nach Hautfarben organisiert. Weisse amerikanische Beschäftigte erhielten höhere Löhne, bessere Wohnungen und bessere Einrichtungen. Schwarze Arbeiter, darunter Zehntausende aus Jamaika und Barbados, verrichteten besonders schwere Arbeiten zu schlechteren Bedingungen. Die Trennung reichte von den Lohnauszahlungsstellen bis zu Krankenhäusern und Schulen. Levis kannte diese Ordnung lange, bevor er amerikanischen Boden betrat.

In Panama wurde er unter dem Namen «Chick Levy» zum Baseballstar. Er galt als führender Pitcher des Landes und dominierte die lokalen Mannschaften. Auch nach Beginn seiner amerikanischen Karriere kehrte er zurück: 1923 spielte er vor grossem Publikum im Balboa-Stadion für eine gemeinsame Auswahl aus Panama und den Westindischen Inseln. Zwei Jahre später zeichnete ihn die panamaische Regierung für seine sportlichen Leistungen mit einer Medaille aus. In den 1930er-Jahren bot man ihm an, die Nationalmannschaft für die zentralamerikanischen Spiele zu trainieren. Er lehnte ab.



Eine grosse Karriere im Schatten
1918 kam Levis nach New York. Spätestens 1921 verpflichtete ihn Alex Pompez für die Cuban Stars. Der kubanisch-amerikanische Unternehmer, später Mitglied der Baseball Hall of Fame, machte ihn damit zu einem der ersten internationalen Spieler der Negro Leagues, die nicht aus Kuba stammten. Levis spielte mehr als ein Jahrzehnt lang für die Cuban Stars aus dem Osten und die Hilldale Daisies. Die kurze Saison ergänzte er durch Schaukämpfe, Tourneen und Einsätze in der kubanischen Winterliga. Dort trat er für Almendares, die Habana Reds und die Marianao Grey Monks an.

Am 11. Oktober 1924 warf er den ersten No-Hitter der kubanischen Baseballgeschichte. 1925 wurde er in die All-Eastern-Auswahl gewählt. 1927 führte er die Eastern Colored League bei Spielen an, in denen er als Pitcher keinen gegnerischen Punkt zuliess. Gegen die weissen Brooklyn Bushwicks blieb er fünf Spielzeiten hintereinander ungeschlagen. Der kubanische Sportredaktor José Massaguer errechnete mehr als 500 Einsätze im Verlauf seiner Karriere. Einige seiner kubanischen Pitcherrekorde sollen noch Jahrzehnte nach seinem Rücktritt Bestand gehabt haben.

Doch keine dieser Leistungen öffnete ihm den Zugang zu den weissen Major Leagues. Ashwill beurteilt ihn als sehr guten Pitcher, dessen Fähigkeiten für diese Ligen vollkommen ausgereicht hätten. Bereits 1929 bezeichnete Rollo Wilson ihn als einen der präzisesten und wirkungsvollsten Rechtshänder des Sports.



Späte Anerkennung
2020 erkannte Major League Baseball die Negro Leagues offiziell als gleichrangige höchste Spielklassen an. 2024 wurden ihre Statistiken in die historischen Gesamtaufzeichnungen aufgenommen. Seither werden Levis 102 Major-League-Einsätze zugerechnet. Sein Karrierewert von 12,9 «wins above replacement» – ein statistisches Mass für den Beitrag eines Spielers gegenüber einem Ersatzspieler – bringt ihn auf Rang acht unter den jüdischen Pitchern. Vor ihm stehen Sandy Koufax, Max Fried, Ken Holtzman, Dave Roberts, Barney Pelty, Steve Stone und Erskine Mayer. Schon nach den offiziell anerkannten Zahlen hatte Levis damit die erfolgreichste Profikarriere eines jüdischen Baseballspielers der 1920er-Jahre.



Richtige Religion, falsche Hautfarbe
Levis’ jüdische Identität war nicht vollständig verborgen. In Zeitungsarchiven finden sich verstreute Hinweise, die jedoch nie zu einer zusammenhängenden Geschichte wurden. 1926 unterzeichnete Max Rosner, jüdischer Einwanderer und Besitzer der gegnerischen Brooklyn Bushwicks, Levis’ Einbürgerungsunterlagen. Eine Zeitung in Brooklyn titelte daraufhin: «Oscar, kubanischer Pitcher, ist ein spanischer Jude.»

Ein Jahr später wurde der New Yorker Sportjournalist Aloysious Palma noch deutlicher. John McGraw, Trainer der New York Giants, hatte den jüdischen Spieler Andy Cohen verpflichtet, um jüdische Zuschauer ins Stadion Polo Grounds zu locken. Palma schrieb, Levis besitze alle Fähigkeiten, um für die Giants zu werfen. Eigentlich hätte er McGraws jüdischer Star sein müssen. Er hatte die richtige Religion und den richtigen Wurfarm. Seine Hautfarbe versperrte ihm den Weg. Ein weiterer Artikel aus den 1930er-Jahren bezeichnete den inzwischen auch als Trainer tätigen Levis erneut als Mann spanisch-jüdischer Herkunft.

Diese drei Berichte bilden eine unscheinbare, aber eindeutige Spur. Seine jüdische Herkunft wurde gelegentlich erwähnt, jedoch nie dauerhaft in die Baseballgeschichte aufgenommen. Levis entsprach weder dem weissen jüdischen Spieler, den die New Yorker Presse feierte, noch wurde seine jüdische Identität in der schwarzen Presse umfassend dokumentiert. Er gehörte beiden Welten an, doch das damalige Amerika hatte kaum Verständnis dafür.



Ein zweites Leben in Harlem
Nach seiner Karriere als Spieler und Trainer baute sich Levis in Harlem eine neue Existenz auf. Gemeinsam mit seiner Frau Lovana führte er 35 Jahre lang Chick’s Bar and Grill an der Seventh Avenue, unweit des Apollo-Theaters. Als Vorsitzender eines Gastwirteverbands sammelte er Geld für Krankenhäuser, den Christlichen Verein Junger Menschen, Jugendprogramme der Polizei und die Pfadfinder. Er organisierte Boxveranstaltungen mit schwarzen und weissen Teilnehmern, um Jugendlichen eine Beschäftigung zu bieten. Wie sein Vater engagierte er sich bei den Freimaurern und erreichte im Prince-Hall-Freimaurertum den 33. Grad des Schottischen Ritus. Dem Baseball blieb er verbunden. Freunde erinnerten sich, dass er jede Gelegenheit nutzte, sich einzumischen. Nach Kuba reiste er auch, um tagsüber und abends auf den Tribünen zu sitzen.



Erfüllung eines Traumes
Zugleich erlebte er den Wandel des Sports, der ihm selbst entscheidende Möglichkeiten verweigert hatte. Als Vorsitzender des Jackie-Robinson-Day-Komitees organisierte er die Ehrung jenes schwarzen Spielers mit, der die Rassenschranke der modernen Major Leagues durchbrochen hatte. Persönlich überreichte er Robinson Geschenke von Fans aus dem ganzen Land. Der Reporter George Palmer hielt fest, wie viel dieser Tag Levis bedeutete. Als ehemaliger Spieler habe er gewusst, welche Hindernisse Robinson überwinden musste. Dessen öffentliche Anerkennung sei für ihn die Erfüllung eines Traums gewesen, den jeder schwarze Baseballspieler gekannt habe.

Die neue Recherche verankert Oscar Levis nun auch in der Geschichte des jüdischen Baseballs. Er war einer der besten Pitcher seiner Zeit, und er war schwarz und jüdisch. Ein Jahrhundert lang fehlte dem Sport das Vermögen, all das zusammenzudenken. 
 

Zachary Kranc