Eine Berliner Haggada von 1785 bricht mit der männlichen Dominanz des traditionellen Sedertextes und stellt Frauen und Mädchen ins Zentrum.
Die Pessach-Haggada ist ein sehr männlich geprägter Text. Frauen werden darin nicht erwähnt und Mädchen und Frauen, die am Sederabend teilnehmen, werden nicht dazu aufgefordert, eine aktive Rolle bei der Lesung zu übernehmen.
Eine sehr seltene Haggada, die 1785 in Berlin gedruckt wurde, versucht, diese Ungerechtigkeit auszugleichen. Die sich in der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich befindliche Haggada wurde von Joel (Löwe) Brill (1760–1802) herausgegeben. Dieser war ein deutscher Bibelkommentator, der der Haskala-Bewegung (jüdische Aufklärung) angehörte und einer der engsten Schüler und Anhänger Moses Mendelssohns war. Brill wurde vor allem durch seinen Psalmenkommentar bekannt.
Haksala aus Deutschland
Die Haggada wurde im Verlag der von Mendelssohn gegründeten Jüdischen Freyschule in Berlin gedruckt – der ersten modernen jüdischen Schule in Deutschland und einer prominenten Institution der jüdischen Haskala-Bewegung. Brill machte es sich zur Aufgabe, die Haggada den Frauen und Mädchen seiner Zeit näherzubringen. Zu diesem Zweck arbeitete er mit dem Dichter Isaak Satanow (1733–1804) zusammen und fertigte eine deutsche Übersetzung (in hebräischer Schrift) an, die den Frauen und Mädchen seiner Zeit geläufiger war. In der Einleitung zur Haggada schreibt Brill: «Denjenigen unter meinen Leserinnen, denen die wahre Andacht nicht gleichgültig ist, dieses Fest mit wahrer Frömmigkeit zu feiern, wird es gewiss angenehm sein, wenn ich ihnen dieses Büchlein in ihre Muttersprache übersetze – und dort, wo es der Text erfordert, mit Anmerkungen versehen – in die Hand gebe.»
Hochachtung der Frau
Das Büchlein hat Brill Madam Blümchen Friedländer (1752–1814) gewidmet, der Tochter des Hoffaktors und Bankiers Daniel Itzig (1723–1799) und Ehefrau des berühmten David Friedländer (1750–1834), der nach Mendelsohns Tod einer der führenden Köpfe und Organisatoren der jüdischen Aufklärung in Berlin war und sich für die Emanzipation der Juden einsetzte. Brill war häufiger Gast im Hause Friedländer, wo er auch als Privatlehrer tätig war: «Madam! Sie erlauben, dass ich den Namen einer der würdigsten ihres Geschlechts eine Übersetzung vorsetzen darf, welche aus Achtung für dieses Geschlecht ihr Dasein erhält. Abgesehen von der besonderen Hochachtung, die ich Ihnen, geehrteste Frau! schulde, werde ich immer das weibliche Geschlecht als Solches, zu schätzen wissen, das edle Frauen, zärtliche Gattinnen, verständige Mütter und kluge Hauswirtinnen vorzuzeigen hat; so wie wir das Beispiel hiervon in Ihnen sehen. Diese meine geäusserte wahre Gesinnung wird Sie versichern, dass ich mir Jederzeit eine Ehre draus machen werde, mich nennen zu können, Madam, Ihr ergebener Diener, Joel Brill.»
Die Haggada beginnt mit einer Einleitung, die sich an «geneigte Leserinnen» richtet und den Exodus als das herausragende Ereignis der jüdischen Geschichte erwähnt. Damit wird auf den Exodus der Frauen angespielt. Inhaltlich scheint die Haggada zunächst nicht ungewöhnlich zu sein, bis man auf einige kleine Unterschiede zwischen dem hebräischen Original und der deutschen Übersetzung stösst. Obwohl der hebräische Originaltext nicht verändert werden durfte, gab es bei der Übersetzung etwas mehr Spielraum (insbesondere bei der Verwendung des deutschen Neutrums, das es im Hebräischen nicht gibt). So wird zum Beispiel im hebräischen Original der Sohn aufgefordert, «Ma nischtana» («und der Sohn fragt») zu fragen. In der deutschen Übersetzung ist es die viel schwächere Umschreibung «Jüngste der Gesellschaft» (ohne explizite Nennung des Geschlechts). Auch der folgende Absatz, in dem es auf Hebräisch heisst: «Wenn Gott unsere Väter nicht aus Ägypten herausgeführt hätte, wären wir und unsere Söhne und die Söhne unserer Söhne immer noch Sklaven des Pharao in Ägypten», wird in der Übersetzung in das neutrale «Vorfahren» anstelle der männlichen «Väter» und in «Kinder» anstelle der männlichen «Söhne» umgewandelt.
Anachronistische Interpretation
Man könnte sagen, dass dies eine etwas übertriebene und anachronistische Interpretation ist. Das folgende Beispiel scheint jedoch noch radikaler zu sein: Die bekannte Passage «Gegenüber vier Söhnen [«banim»] hat die Thora gesprochen» kann nur in der männlichen Form gelesen werden und wurde auch immer so übersetzt. Hier wird jedoch das neutrale «vier Kinder» verwendet, das sowohl Jungen als auch Mädchen einschliesst.
Obwohl sie in hebräischen Buchstaben geschrieben ist, gilt dies als die erste deutsche Übersetzung der Pessach-Haggada. Um ihr mehr Prestige zu verleihen, wurde in späteren Ausgaben der Name des Übersetzers Brill durch den von Moses Mendelssohn ersetzt. In diesen Ausgaben verschwanden jedoch auch alle Hinweise darauf, dass diese Haggada ursprünglich für Frauen bestimmt war. Bereits 1797 trug eine Ausgabe der Haggada den Namen Moses Mendelssohns als Übersetzer. Schon am Anfang wird die Anrede «geneigter Leser» verwendet, anstelle der im oben erwähnten Original verwendeten Anrede «geneigte Leserinnen».