MUSIK 15. Mai 2026

«Er konnte auch ein Monster sein»

Walter Yetnikoff und Michael Jackson feiern 1984 auf der Party des «Guinness-Buchs der Rekorde», mit der Michael Jackson für das meistverkaufte Soloalbum der Geschichte geehrt wurde.

Michael-Jackson-Biopic lässt die Legende eines jüdischen Musikmoguls wiederaufleben, der gegen die «Farbbarriere» von MTV kämpfte.

Etwa in der Mitte von «Michael», der neuen Blockbuster-Biografie über Michael Jackson, gibt es eine Szene, in der Jackson (gespielt von seinem Neffen Jafaar) und sein Anwalt John Branca (Miles Teller) mit dem Präsidenten seines Plattenlabels zusammensitzen. Es ist früh in Jacksons «Thriller»-Albumzyklus, da «Billie Jean» gerade als Single veröffentlicht und das «Thriller»-Video gedreht wurde, was die Handlung irgendwann im Jahr 1983 ansiedelt.

Vor mehreren Goldenen Schallplatten sitzend, gratuliert Walter Yetnikoff, der Chef von CBS Records (gespielt von Mike Myers mit starkem Make-up), Jackson zu seinem Durchbruch und fragt, was er für ihn tun könne. Jackson und Branca sagen Yetnikoff, dass sie nur eines wollen: dass Jackson auf MTV zu sehen ist, damals ein brandneuer Sender, der Musikvideos ausstrahlt.

Yetnikoff sagt ihnen, dass dies «nicht möglich» sei, da MTV selten schwarze Künstler spiele. Jackson entgegnet, er sei ein «stolzer schwarzer Künstler», der seine Musik für alle mache, und dass er sich «von MTV oder irgendjemandem nicht in den hinteren Teil eines Busses drängen lassen» werde.

Yetnikoff sagt, er habe es versucht, und Jackson entgegnet: «Bitte versuchen Sie es noch einmal.» Also bittet Yetnikoff seine Sekretärin, den MTV-Gründer und Geschäftsführer Bob Pittman ans Telefon zu holen.

Man hört dann den Manager am Telefon, wie er mit farbenfrohen Schimpfwörtern droht, alle Künstler von CBS aus dem Programm zu nehmen, es sei denn, Pittman stimme zu, «Billie Jean» in den nächsten zehn Minuten zu spielen und das Musikvideo anschliessend in die Heavy Rotation zu nehmen. In der nächsten Szene wird klar, dass die Drohung gewirkt hat. Jackson sollte danach noch viele Jahre lang ein fester Bestandteil von MTV bleiben. Wer war also Walter Yetnikoff? Und liefen die Dinge wirklich so ab, wie «Michael» es schildert?

Schillernde Persönlichkeit
Yetnikoff war eine der schillerndsten Persönlichkeiten der Musikindustrie. 1933 in New York in eine jüdische Familie geboren, wurde Yetnikoff 1975 Präsident und CEO von CBS Records, nachdem er in der ersten Hälfte der 1970er Jahre die internationale Abteilung von CBS geleitet hatte.

Er leitete CBS in einer für die Musikbranche entscheidenden Zeit und betreute Künstler wie Billy Joel, Bruce Springsteen und Gloria Estefan sowie Jackson, mit dem er zu Beginn von dessen Solokarriere Ende der 1970er Jahre zusammenarbeitete. Yetnikoff war nicht dafür bekannt, ein besonders gutes Gehör für Musik zu haben, aber er zeichnete sich durch seine geschäftlichen Fähigkeiten in der Musikindustrie und sein Engagement für seine Künstler aus.

Yetnikoff war Gegenstand zweier bekannter Bücher: Frederic Dannens «Hit Men: Power Brokers and Fast Money Inside the Music», erschienen 1990, und seiner 2004 erschienenen Autobiografie «Howling at the Moon: The True Story of the Mad Genius of the Music World», die er gemeinsam mit David Ritz verfasste. Ausserdem spielte der Schauspieler Rip Torn in dem Film «One Trick Pony» aus dem Jahr 1980, in dem Paul Simon die Hauptrolle spielte, eine fiktionalisierte Version von Yetnikoff namens Walter Fox.

Die «Michael»-Version von Yetnikoff bezeichnet den MTV-Manager als «that schmuck» – ein jiddischer Ausdruck, der genau das widerspiegelt, was beide Bücher über Yetnikoff deutlich machen: Seine jüdische Identität stand im Vordergrund.

«Das Herzstück von Yetnikoffs Persönlichkeit war sein Brooklyn-Jüdischsein. Eine überproportional grosse Zahl von Plattenbossen waren Juden aus Brooklyn, aber Walter trug seine ethnische Zugehörigkeit wie einen Gabardine-Mantel», schrieb Dannen in «Hit Men».

Später, so schrieb Dannen, «blieb er bis spät in die Nacht auf, hämmerte auf das Telefon ein und schrie auf Jiddisch. Er zerschlug Glaswaren, spuckte eine Mischung aus Jiddisch und vulgären Schimpfwörtern aus und liess Leute gewaltsam aus dem Gebäude werfen.»

Ein Porträt im «New York Magazine» aus dem Jahr 1990, nachdem Yetnikoff in der Musikwelt in Ungnade gefallen war und das exzessive Trinken aufgegeben hatte, das ihm zu Hause und bei der Arbeit Probleme bereitet hatte, führte eine Reihe jüdischer Vorfahren an, um ein Bild von ihm zu zeichnen. «Um in der lauten und schmutzigen Rockwelt eine angemessene Figur abzugeben, schuf sich der schüchterne Jude aus Brooklyn eine unvergessliche Karikatur – den Discounter aus der Orchard Street als Superman des Musikgeschäfts, ein bisschen Mel Brooks gemischt mit viel Jackie Mason und einem Schuss Meir Kahane und Captain Lou Albano», hiess es in dem Porträt von Eric Pooley. «Er konnte ein Mensch sein – warmherzig, fürsorglich, grosszügig –, aber er konnte auch ein Monster sein.» Hat Yetnikoff also wirklich mit dieser berühmten Wut die Rassenbarriere bei MTV durchbrochen? Und ist es so passiert, wie es der Film «Michael» darstellt?

Nach Yetnikoffs eigener Darstellung lautet die Antwort ja.

Zeter und Mordio
In «Howling at the Moon» schrieb Yetnikoff: «Ich habe Zeter und Mordio geschrien, als MTV sich weigerte, Michael Jacksons Videos zu senden. Sie argumentierten, dass ihr Format, weisser Rock, Michaels Musik ausschloss. Ich argumentierte, sie seien rassistische Arschlöcher – und ich würde es in die Welt hinausposaunen, wenn sie nicht nachgeben würden.» Er fährt fort: «Unter dem zusätzlichen Druck von Quincy Jones gaben sie nach, und damit brach die Rassenschranke bei MTV zusammen.» «Ich weiss nicht wirklich, ob Walter geprahlt hat oder ob es stimmt», sagte David Ritz, sein Co-Autor bei «Howling at the Moon», gegenüber tachles. «Ich habe das Gefühl, dass er die Wahrheit sagte, aber ich kann es nicht beweisen.»

Es ist klar, dass die Jackson-Familie und der Nachlass Yetnikoff die Ehre zuschreiben, Jacksons Musik auf MTV gebracht zu haben. «Es ist heute schwer vorstellbar, wie stark die kulturelle Apartheid bei den Musikkanälen 1983 war, als MTV sich weigerte, Michael Jacksons Kurzfilm ‹Billie Jean› zu spielen. Aber Yetnikoff setzte sich unerbittlich für Michael ein und zögerte nicht, sich mit dem mächtigen Musiksender ein Kräftemessen zu liefern», erklärte Michael Jacksons Nachlassverwaltung in einer Medienerklärung nach Yetnikoffs Tod im Alter von 87 Jahren im Jahr 2021.

«In kurzer Zeit wurde ‹Billie Jean› in die Heavy Rotation von MTV aufgenommen, was die Schleusen für Michaels aussergewöhnlichen Erfolg und auch für eine ganze Generation schwarzer Künstler öffnete. Walter hat das erzwungen, und mit dieser Entscheidung brach die Mauer zusammen.»

Die Familie und Jacksons Nachlassverwaltung waren stark an der Produktion des Films beteiligt. Doch es scheint kaum Belege für die genauen Umstände der Szene im Film zu geben – Yetnikoff, der diesen Anruf bei MTV tätigt, während Jackson und Branca in seinem Büro in New York sitzen.

Dannen sagte in einem Interview mit tachles, dass ihm die Geschichte, wie sie im Film erzählt wird, «falsch vorkommt», obwohl er sich an einen Vorfall erinnerte – der in «Howling at the Moon» vorkommt –, als Yetnikoff «Jann Wenner dazu zwingen musste, Jackson auf das Cover» des «Rolling Stone» zu setzen, einer weiteren Institution der Musikindustrie, die schwarzen Künstlern nicht immer den ihnen gebührenden Stellenwert eingeräumt hatte.

Einige aufseiten von MTV haben diese Darstellung bestritten. «Das ist nie passiert», sagte Les Garland, damals ein MTV-Manager, laut der «New York Times». Der «Superfreak»-Sänger Rick James hatte sich für Videos von schwarzen Künstlern eingesetzt und erklärte in einem Interview Anfang der 1980er Jahre: «MTV spielt keinen Rick James, sie spielen keinen Michael Jackson, sie spielen keine Commodores, sie spielen kein Earth, Wind & Fire, sie spielen keinen Stevie Wonder», und verwendete dabei sogar dieselbe «hinten im Bus»-Metapher, die Jackson im Film benutzt hatte.

David Bowie kritisierte MTV bekanntlich bereits 1983 live auf Sendung wegen desselben Themas, worauf Mark Goodman, ein jüdischer Videojockey, mit einer wenig überzeugenden Antwort reagierte: Der Sender versuche, «das zu tun, was unserer Meinung nach nicht nur New York oder Los Angeles zu schätzen wissen, sondern auch Poughkeepsie oder irgendeine Stadt im Mittleren Westen, die sich zu Tode erschrecken würde bei Prince, den wir spielen, oder einer Reihe anderer schwarzer Gesichter und schwarzer Musik. Wir müssen die Musik spielen, von der wir glauben, dass sie dem ganzen Land gefallen wird.»

Jüdisches Engagement gegen Rassismus
Die Kunst- und Kulturbranche ist voll von historischen Beispielen jüdischer Führungskräfte und Musikern, die sich für die Einbeziehung von Schwarzen einsetzten. George Gershwin beispielsweise bestand darauf, dass die Figuren in «Porgy and Bess» von schwarzen Schauspielern gespielt werden sollten und nicht von weissen Schauspielern mit Blackface, während der jüdische Sitcom-Schöpfer Norman Lear für eine der ersten Serien verantwortlich war, die sich auf eine schwarze Familie konzentrierte: «The Jeffersons». Beide Männer verbanden ihr Engagement mit ihren Erfahrungen und Werten als Juden. Sollte Yetnikoff durch seine jüdische Identität oder sein Gerechtigkeitsgefühl dazu motiviert gewesen sein, sich für Jackson einzusetzen, so geht dies aus den Büchern über ihn, einschliesslich seines eigenen, nicht hervor. Dannen merkte an, dass Yetnikoff sich nachdrücklich für alle seine Künstler einsetzte, einschliesslich Jackson.

Antisemitismus?
Jackson arbeitete im Laufe seiner Karriere auch mit anderen jüdischen Produzenten und Führungskräften zusammen. Er trat 1993 während der «Dangerous»-Tour in Israel auf, besuchte eine israelische Militärbasis und zog sogar eine IDF-Uniform an. 1995 zog er Vorwürfe des Antisemitismus auf sich, nachdem er den Song «They Don’t Care About Us» veröffentlicht hatte, der die Zeilen «Jew me, sue me, everybody do me/Kick me, kike me, don’t you black or white me» enthielt. Unter Beschuss bestritt er jeglichen Antisemitismus und erklärte sich bereit, den Text zu ändern. Er schloss sich auch dem Trend der frühen 2000er Jahre an, bei dem nicht jüdische Prominente die Kabbala für sich entdeckten, und trug während seines Strafprozesses 2005 sogar ein rotes Band. Auch Yetnikoff hatte eine spirituelle Seite. In seiner Biografie schrieb er häufig über Gott, den er als «Heshie» bezeichnete. Warum?

«Ich bin mir nicht ganz sicher, warum. Vielleicht, weil Heshie ein vertrauter jüdischer Name ist, den ich leicht aussprechen konnte», schrieb er. «Als ein Rabbiner mich darauf hinwies, dass ich vielleicht Hashem sagen wollte, fragte ich mich, ob mein Unterbewusstsein Spielchen mit mir trieb. So oder so, ich versuchte, eine Verbindung herzustellen.» 

Stephen Silver