Der Dokumentarfilm «Hirschfeld – Unbekannter Bekannter» erzählt vom Leben und Wirken des legendären Theatermannes Kurt Hirschfeld, der das Zürcher Schauspielhaus zwischen 1938 und 1964 zu Weltruhm führte.
Die filmische Spurensicherung seiner Biografie textet gleich zu Beginn: «Kurt Hirschfeld, eine Legende, über die es weder Bücher noch Filme gibt. Bestenfalls ist bekannt, dass er aus Deutschland flüchten musste, als die Nazis an die Macht kamen.» Ein gänzlich Unbekannter ist er nicht und dennoch, wem er als prägender Theatermann des deutschsprachigen Exil- und Nachkriegstheaters noch geläufig ist, verbindet heute nur wenig Genaues mit seinem Namen. Unvergessen dürfte hingegen seine epochale Inszenierung von Max Frischs Drama «Andorra» sein, das er im November 1961 als Direktor und auch Regisseur in «seinem» Zürcher Schauspielhaus zur Uraufführung brachte. Mit klug ausgesuchten Sequenzen einer TV-Aufzeichnung der Zürcher Inszenierung setzt sich die von Stina Werenfels und Samir gestaltete Filmreise durch das Leben Hirschfelds in Bewegung. Mehrere Szenen aus der Aufzeichnung – die das Schicksal eines Menschen zeigen, der durch die Erwartungen der Gesellschaft zu dem wird, was ihm zugeschrieben wird – wirken im Film als prägende Einschübe, die zum Schluss in die Erinnerungen der Tochter des Protagonisten, Ruth Hirschfeld, an die Uraufführung münden: «Es herrschte eine unheimliche Anspannung im Zuschauerraum. Hätte ich eine Nadel fallen lassen, man hätte es gehört. In der Pause strömten alle vor das Theater. Es hatte begonnen, zu schneien. Die Leute rauchten und redeten (...) über den Schnee.» Es ist dies eine ausdrucksstarke Szene im Film, der wie so oft bei späten Spurensuchen mangels Weggefährten und Zeitzeugen wenig Emotionales auszudrücken vermag.
Von Berlin nach Zürich
Ruth Hirschfeld ist es auch zu verdanken, dass heute der gesamte Nachlass in der Kurt Hirschfeld Collection des Leo-Baeck-Institute in New York erhalten wird. Dieses Konvolut wird im Film nur gestreift. Dennoch gewinnt der Film mit der US-Theaterwissenschaftlerin Wendy Arons eine ausserordentlich gut bewanderte und unterhaltsame Chronistin. Sie bringt jenes Leben in den Film, das der streckenweise beleghaften Bebilderung einen erfrischenden Kontrapunkt entgegensetzt.
Für Kurt Hirschfeld, der 1902 im norddeutschen Städtchen Lehrte als Sohn jüdischer Eltern zur Welt kam, war der Weg zum Theater nicht vorgezeichnet. Er hat ihn für sich gefunden. Zunächst im Berlin der zwanziger Jahre, dann als Dramaturg in Darmstadt, und nach seiner im Jahr 1933 erzwungenen Entlassung folgte er einem Ruf an das damals privat geführte Schauspielhaus in Zürich, das er schon 1934 aus nie ganz geklärten Umständen verliess. Diese Jahre seines Werdegangs zeichnet der Film nach, wobei man im Zweifel darüber ist, ob die seit Jahrzehnten kursierenden Bildabfolgen des wilden Berlin, der NS-Machtergreifung, des brüllenden Goebbels, der Bücherverbrennung oder des Judenboykotts den historischen Raum zu füllen vermögen, der den Kommunisten Kurt Hirschfeld zu Emigration und Exil gezwungen hatte. Hirschfelds Jahre von 1934 bis 1938 wirken spärlich dokumentiert. Dennoch gibt es Spuren. Er hatte sich nach Moskau aufgemacht, wo er vielen seiner Theaterkumpel, Genossinnen und Genossen begegnete. So war etwa Brecht, dessen «Mutter Courage und ihre Kinder» (1941), «Der gute Mensch von Sezuan» (1943) und «Leben des Galilei» (1943) Hirschfeld nach seiner Rückkehr an das Schauspielhaus uraufführte, zeitgleich in Moskau. Und auch die wunderbare Brecht-Interpretin Carola Neher war dort. Ihr vermittelte Hirschfeld von Moskau aus sogar ein Engagement nach Zürich, das wegen einer Liebe Nehers nicht zustande kam. Sie wurde ein Opfer der stalinistischen «Säuberungen». Hirschfeld, der damals als Deutscher und Jude ebenso gefährdet war, hatte Moskau rechtzeitig verlassen.
Zweifel und Zwänge
Ab 1938 ist das Wirken Hirschfelds, auch dank der Schauspielhaus-Kennerin Ursula Amrein, konsequent erzählt, wenn auch sein Wesen – wohl oft von Zweifeln und Zwängen bedrängt – kaum sichtbar wird. Erst ganz zum Ende hin gibt Tochter Ruth preis, dass der als sanft und verständig erinnerte Hirschfeld offenbar auch cholerische Züge hatte. Zu den historisch dichtesten und für das lokale Publikum eindrücklichsten Rekonstruktionen im Film gehört die Vergegenwärtigung der Theaternacht, in der die Schweiz im Frühjahr 1940 den Überfall der Wehrmacht auf das Land befürchtete. Die Emigranten schlossen sich einer «geistigen Landesverteidigung» an. Angesichts der Bedrohung rückte man zusammen. Diese eindringlichen Momente verleihen dem Film einen Atem, der erahnen lässt, in welchem Klima der andauernden Bedrohung man auch in der Schweiz lebte und wie Hirschfeld mit seinen Leuten Theater machen musste, um der Zeit einen Sinn zu geben, um sie ertragen zu können.
Späte Geste
Dass an Hirschfelds Eltern, die in Riga ermordet wurden, im Film mit einem Besuch an den Gedenkgräbern gedacht wird, ist eine späte Geste der Tochter. Sie ehrt damit auch den jüdischen Vater, denn Kurt Hirschfeld – selbst wenn er dies kaum zu erkennen gegeben hatte – war zeitlebens seiner jüdischen Identität verbunden. Dies mag in den letzten Lebensjahren auch für ihn wesentlicher geworden sein. Die tiefen und verlässlichen Freundschaften mit Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch mögen neben der Arbeit an den gemeinsamen Erfolgen am Schauspielhaus auch Fragen nach der Beschaffenheit des Menschen bewegt haben. So wird denn der Film zum Leben Kurt Hirschfelds zum Ende hin immer dichter. Auch wenn er in erster Linie eine «vergessene» Lebensleistung dokumentieren soll, befreit er sich nach und nach aus dem Korsett des Faktischen und endet – für alle versöhnlich – mit dem Blick auf den Menschen Kurt Hirschfeld.