Nach vier Jahren Krieg haben sich die Juden in der Ukraine an ein Lebenim Ausnahmezustand mit Versorgungsengpässen und Unsicherheit gewöhnt – und sie kämpfen für Frieden.
Die Schüler von Viktoria Maksimovich an der jüdischen Tagesschule Shaalavim rennen nicht mehr in Schutzräume, wenn die Luftschutzsirenen heulen. «Sie wollen die Alarmsignale nicht hören. Die Schüsse und Bomben interessieren sie nicht. Das ist ihnen egal. Das ist derzeit das grösste Problem, weil sie keinen Schutzraum suchen», sagte sie in einem virtuellen Interview gegenüber der Jewish Telegraphic Agency aus ihrer Schule in Charkiw, Ukraine. «Für sie ist das ganz normales Leben, und viele von ihnen sind während des Krieges so aufgewachsen und können sich an kein anderes Leben erinnern.»
Tatsächlich hat die russische Invasion, die am Dienstag ihr viertes Jubiläum feierte, das Leben der ukrainischen Juden völlig verändert, von grossen Entscheidungen wie «bleiben oder fliehen» bis hin zu scheinbar banalen Entscheidungen wie der Wahl zwischen Aufzug und Treppe innerhalb von Hochhäusern. Da russische Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur fast täglich vorkommen, bedeutet die Benutzung des Aufzugs das Risiko, bei einem Stromausfall stundenlang eingeschlossen zu sein.
Jung hilft Alt
In Anbetracht der Tatsache, dass dieses Dilemma ältere Juden in ihren Häusern gefangen hält, organisierten Maksimovich und ihre Kollegen kürzlich einen speziellen Tag für ihre Schüler, an dem sie Challot backten und viele Treppenstufen hinaufstiegen, um sie mitsamt Kerzen für den Schabbat älteren Juden in Charkiw zu bringen. «Sie (…) waren so glücklich darüber, weil sie diese alten Menschen getroffen haben und in ihren Augen deren Dankbarkeit gesehen haben», erinnert sich Maksimovich. «Es war unglaublich.»
Am vierten Jahrestag der russischen Invasion befinden sich die russische und die ukrainische Armee in einem blutigen Patt und die Unterstützung durch die Vereinigten Staaten und Europa ist zunehmend ungewiss. Ukrainische Städte werden regelmässig mit Drohnen und Raketen bombardiert, was nicht nur eine verheerende Zahl von Todesopfern und Verletzten unter der Zivilbevölkerung fordert, sondern es den ukrainischen Zivilisten auch zunehmend erschwert, ihr Leben zu führen.
Düsteres Jubiläum
Die letzten vier Monate waren aufgrund von Strom- und Wasserausfällen, die die Ukrainer in Kälte und Dunkelheit zurückliessen, besonders schwierig. Während in den ersten drei Kriegsjahren, insbesondere im Ballungszentrum Kiew, das Leben trotz der Angriffe weitgehend normal weiterging, prägen jetzt mobile «Resilienzzentren», die Wärme und elektrische Lademöglichkeiten bieten, das Stadtbild. Das Geräusch von Generatoren ist ohrenbetäubend.
Für die Juden in der Ukraine bedeutet diese Situation, dass sich Kinder in Luftschutzbunkern versammeln, um die Schabbatkerzen anzuzünden, dass ältere Menschen auf sporadische Hilfslieferungen angewiesen sind und dass sich alle auf den schlimmsten Winter seit Kriegsbeginn vorbereiten. «Als die Invasion begann, dachte ich nicht, dass sie zwei Wochen dauern würde, doch nun stehen wir hier», sagte Julia Goldenberg, Gründerin eines ukrainischen Hilfsfonds und Partnerin von World Jewish Relief. «Und ich glaube immer noch nicht, dass der Krieg noch in diesem Jahr vorbei sein wird.»
Keine Normalität
Vor Beginn der gross angelegten Invasion Russlands lebten laut Angaben des Institute for Jewish Policy Research rund 40 000 Juden in der Ukraine. Seitdem sind jedoch Tausende nach Israel und Europa geflohen, wodurch sich die Zentren des jüdischen Lebens im Land verändert haben. Angesichts der sich verschlechternden Lage, selbst weit entfernt von der Front, rechnet Goldenberg mit weiteren Abwanderungen.
Viele werden Sicherheit für ihre Kinder suchen, deren Schulbildung und Leben schon vor dem Krieg von Traumata und Unterbrechungen geprägt waren. Der Präsenzunterricht war nach einer einjährigen Covid-Pause erst ein Semester vor Ausbruch des Krieges wieder aufgenommen worden. «Eltern erzählen uns von Kindern, die nachts nicht schlafen können, von Kindern, die auf alle möglichen Geräusche intensiv reagieren. Es ist eine Herausforderung, mit ihnen zu arbeiten», sagte Rabbinerin Irina Gritsevskaya, die in Tel Aviv lebt und regelmässig in die Ukraine reist, um Masorti Kyiv zu leiten, eine der wenigen konservativen Gemeinden des Landes.
Jüdische Schulen haben viele Beeinträchtigungen erfahren. Ariel Markovitch, Direktor der Organisation Jewish Community Center Kiew, berichtete, wie eine russische Rakete im Oktober 2024 die Perlina-Schule und den Kindergarten in Kiew traf, wo Flüchtlinge, die vor den Kämpfen an der Front im Osten der Ukraine geflohen waren, geschlafen hatten. «Der Krieg hat unsere Gemeinschaft zerbrochen», sagte er. «Ich bin in erster Linie eine jüdische Mutter und wollte für die Kinder da sein, aber das war nicht möglich, da sie über ganz Europa verstreut waren.»
Mindestens einer der Absolventen der Schule, Igor Tish, wurde an der Front schwer verletzt, während die israelischen Lehrer, die Hebräisch und andere Fächer unterrichteten, seit ihrer Evakuierung in den Tagen vor der russischen Invasion nicht zurückgekehrt sind. Der Unterricht sei jetzt rudimentärer, sagte Inna Federova, Leiterin der ältesten jüdischen Tagesschule Orach Chaim.
«Wir haben einen Sportlehrer, der mit den Kindern im Schutzraum Übungen macht, weil es für sie sehr schwer ist, so lange stillzusitzen, ohne sich zu bewegen», sagte sie und fügte hinzu: «Sie haben Bombardierungen, Evakuierungen und ständige Angst erlebt. Unsere Lehrer wurden von Psychologen, darunter auch israelischen Spezialisten, speziell darin geschult, wie man Kinder in Kriegszeiten emotional unterstützt.»
Hilfe von aussen
Weitere Unterstützung für Juden in der Ukraine kommt vom Joint Distribution Committee, das die Katastrophenhilfe für jüdische Gemeinden in Konfliktgebieten auf der ganzen Welt leitet, von Chabad, dem globalen jüdischen Netzwerk, dessen Gesandte an vorderster Front des jüdischen Lebens in vielen kleineren Gemeinden stehen, und von Goldenbergs Gruppe, die sich für die Erhaltung des jüdischen Lebens und Wohlergehens in der Ukraine einsetzt.
Unterstützt von einem Netzwerk globaler Spender hat der Ukrainian Charitable Fund älteren jüdischen Ukrainern geholfen, ihre Häuser nach russischen Luftangriffen zu reparieren. Goldenberg erinnert sich an eine Frau, mit der sie zusammengearbeitet hat: «Sie hatte keine Fenster mehr. Diese wurden alle bei einem russischen Angriff zerschlagen, sie hatte aber nicht die Mittel, sie zu reparieren.»
Während der Ausbruch des Krieges in Israel im Jahr 2023 Bedenken darüber aufkommen liess, ob jüdische Spender weiterhin Unterstützung in die Ukraine schicken würden, sagte Gritsevskaya, dass die Hilfe von innen und aussen einen Unterschied gemacht habe.
«Ich glaube, in der jüdischen Gemeinschaft herrscht ein starkes Gefühl der Verbundenheit», sagte sie und fügte hinzu: «Die Ukraine ist ein beeindruckendes Beispiel für die Fähigkeit der Juden, sich zu vereinen und anderen in unglaublichen Situationen zu helfen. Generell glaube ich, dass Menschen, die mit jüdischen Gemeinschaften verbunden sind, besser in der Lage sind, schwierige Zeiten zu überstehen, weil sie die grössere jüdische Welt hinter sich haben.»
Die Verbindung zu der Gemeinschaft
Auch wenn sie sich auf einen möglichen Krieg in Israel vorbereitet, plant Gritsevskaya, diesen Sommer in die Ukraine zurückzukehren, um an einer weiteren Runde des Camps Ramah Ukraine teilzunehmen, das bereits mit ukrainischen jüdischen Teenagern gefüllt ist, die sich nach einer Atempause von den Herausforderungen des Krieges sehnen. «Ich möchte lieber nicht an meine Ängste denken», sagte sie. «Sie sind so überwältigend, dass wir uns auf das konzentrieren müssen, was getan werden muss.»
Auch Federova sagte, dass sie sich weiterhin auf das Positive konzentriert, während sie und ihre Schüler in das fünfte Kriegsjahr starten. «Wir haben Kinder mit unterschiedlichem Hintergrund, einige aus gläubigen Familien, andere, die gerade erst ihre Wurzeln entdecken, und die Schule gibt ihnen diese Verbindung», sagte Federova über Orach Chaim. «Selbst in den schwierigsten Zeiten, wenn der Alarm losgeht und wir nicht wissen, was morgen sein wird, schaue ich die Kinder an und denke: ‹Wenn wir ihnen Wissen und Glauben vermitteln können, dann haben wir etwas Wichtiges erreicht.›»