Griechenland 17. Apr 2026

Jüdische Geschichte online

Ein neues digitales Archiv zur Geschichte jüdischer Gemeinden in Griechenland wird künftig kostenlos öffentlich zugänglich sein. Das Projekt mit dem Namen «Josephus» vereint erstmals eine grosse Zahl historischer Dokumente zur jüdischen Präsenz im Land und soll Forschung sowie öffentliche Erinnerung erleichtern. Die Plattform umfasst mehr als 212 000 einzigartige Dokumente und über zwei Millionen digitalisierte Datensätze. Sie wurde von der jüdischen Gemeinde von Thessaloniki entwickelt und mit rund vier Millionen Euro aus EU-Mitteln im Rahmen des Programms «NSRF 2021–2027» finanziert. Das Projekt trägt den Namen des antiken jüdischen Historikers Flavius Josephus und dokumentiert über drei Jahrtausende jüdischer Geschichte in Griechenland. Berücksichtigt werden unterschiedliche Traditionen, darunter die Romanioten, die älteste jüdische Bevölkerung des Landes, sowie später hinzugekommene sephardische und aschkenasische Gemeinden. Nach der Aufnahme der aus Spanien vertriebenen Sepharden im Jahr 1492 wurde Thessaloniki zu einem der wichtigsten Zentren jüdischen Lebens im Mittelmeerraum und oft als «Jerusalem des Balkans» bezeichnet. Die Blütezeit endete jedoch im Holocaust: Ab März 1943 deportierten Nationalsozialisten mehr als 50 000 Juden aus der Stadt in Vernichtungslager, von denen nur rund 1950 der geschundenen Menschen überlebten. Ein Teil der historischen Archive der Gemeinde wurde beim Grossbrand von Thessaloniki 1917 zerstört oder später von den Nazis beschlagnahmt und über Europa verstreut. Dokumente gelangten unter anderem in russische Staatsarchive sowie in Institutionen wie das YIVO-Institut und das US-Holocaust-Museum. Im neuen Projekt wurden die Materialien zusammengeführt und digitalisiert. Neben Dokumenten und Fotografien bietet die Plattform auch interaktive Karten, audiovisuelle Materialien und eine 3D-Rekonstruktion des Thessaloniki der Zwischenkriegszeit, um die Geschichte jüdischen Lebens in Griechenland einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Redaktion