Viele jüdische Menschen mit lateinamerikanischen Wurzeln fühlen sich in den USA weder in jüdischen noch in Latino-Gemeinschaften ganz angenommen – die Organisation Jewtina y Co. schafft Raum für ihre vielfältigen Identitäten.
Ziggy Valdez ist jüdisch, hat mexikanische Wurzeln, ist nicht binär und absolviert eine Rabbinatsausbildung. Als Kind eines bei der US-Marine beschäftigten Vaters zog Valdez häufig um und besuchte bis zum Highschool-Abschluss zehn Schulen. Die Familie gehörte stets einer Reformgemeinde an und pflegte aschkenasische Traditionen. Mexikanische Kultur spielte dagegen kaum eine Rolle.
«Die anderen Kinder aus mexikanischen Familien waren nicht jüdisch. Manche sagten mir, ich sei gar nicht wirklich mexikanisch, weil ich jüdisch und nicht katholisch war», erzählte Valdez der Jewish Telegraphic Agency. «Manchmal hatte ich das Gefühl, dass meine mexikanische Identität für meine Familie ein Grund war, sich zu schämen.»
Nach dem Umzug nach Los Angeles vor zwei Jahren fand Valdez Anschluss bei Jewtina y Co., einem landesweiten Netzwerk jüdischer Latinos, und nahm an dessen Nachwuchsführungsprogramm Puentes teil. «Wir konnten über die Einsamkeit sprechen, mit der wir als jüdische Latinos aufgewachsen waren, und waren dankbar, durch Jewtina nicht mehr allein zu sein.»
Ganze Identität leben
Gegründet wurde Jewtina y Co. 2019 von der peruanischen Jüdin Analucía Lopezrevoredo während des Monats des lateinamerikanischen Kulturerbes, der vom 15. September bis zum 15. Oktober dauert. Die Soziologin kam als Fünfjährige nach Kalifornien und wuchs in lateinamerikanischen und jüdischen Gemeinschaften auf.
«Am Anfang stand eine Frage, die mich seit meiner Kindheit begleitet hatte: Wo können Menschen wie ich mit ihrer ganzen Identität dazugehören?», sagte sie.
Zum Netzwerk gehören Kinder aus gemischten Partnerschaften, zum Judentum konvertierte Einwanderer und Menschen aus Lateinamerika, die von amerikanischen Familien adoptiert wurden. Sie erleben mitunter Ausgrenzung sowohl in den stark katholisch geprägten Latino-Gemeinschaften als auch in jüdischen Kreisen.
«Es gibt nicht die eine jüdisch-lateinamerikanische Erfahrung, genauso wenig wie die eine jüdische Erfahrung», sagte Lopezrevoredo. «Aber eines hören wir immer wieder: das Gefühl, sich erklären zu müssen.»
Kaum erforscht
Keine landesweite Studie hat bislang die Grösse und Zusammensetzung der jüdischen Latino-Gemeinschaft in den USA erfasst, sagt David McCarty-Caplan, Forschungsleiter von Jewtina y Co. Ein Bericht der Brandeis University von 2021 schätzt, dass sich rund sechs Prozent der erwachsenen Juden in den USA als hispanisch bezeichnen. McCarty-Caplan entwickelt mit Einrichtungen der Brandeis University und der Universidad Hebraica in Mexiko nun eine landesweite Studie. Sie soll die Gemeinschaft sichtbarer machen und ihre Erfahrungen dokumentieren.
Er selbst wurde in Bogotá geboren und als drei Monate altes Baby von einer amerikanischen jüdischen Familie adoptiert. Lange fühlte er sich seinen lateinamerikanischen Wurzeln entfremdet und in einem überwiegend «weissen» jüdischen Umfeld fehl am Platz. Durch Jewtina habe er sich erstmals «als Latino, als Jude und als Adoptierter gleichzeitig vollständig gesehen und wertgeschätzt» gefühlt.
Auch Bildungsleiterin Kimberly Dueñas kennt diesen Konflikt. Ihre Mutter ist eine aschkenasische Jüdin aus Los Angeles, ihr Vater stammt aus El Salvador. Über ihn hat sie sephardische Converso-Vorfahren und indigene mesoamerikanische Wurzeln. «Ich weiss, wie es sich anfühlt, entscheiden zu müssen, welche Identität man in den Vordergrund stellt.»
Abschiebungsangst
2025 führte Jewtina y Co. 58 Programme mit 2367 Teilnehmenden durch. Doch das Umfeld ist schwieriger geworden. Laut McCarty-Caplan ging die Unterstützung für Organisationen wie Jewtina seit dem 7. Oktober 2023 und dem anschliessenden Krieg zurück. Seit Beginn von Donald Trumps zweiter Amtszeit habe sie weiter nachgelassen.
«Viele jüdische Latinos sind in einem Umfeld auf Antisemitismus gestossen, in dem sie sich zuvor kulturell oder politisch verbunden gefühlt hatten», sagte Lopezrevoredo. Gleichzeitig könnten Gespräche über Hautfarbe, Einwanderung und jüdische Vielfalt in jüdischen Kreisen eingeschränkt sein. Dueñas beschreibt eine doppelte Belastung aus Angst vor ICE-Razzien und Abschiebungen in den Latino-Gemeinschaften sowie Antisemitismus und die Auswirkungen des Krieges in den jüdischen Gemeinschaften. Jewtina bietet deshalb Austausch, spirituelle Begleitung, psychologische Hilfen und Informationen über die eigenen Rechte.
Eine Familie könne Erinnerungen an Polen, Syrien oder Marokko bewahren, über Generationen mexikanisch oder argentinisch werden und später in den USA zur Latino-Gemeinschaft gehören, sagt Lopezrevoredo. «Keine dieser Ebenen hebt die anderen auf.»