ZEITGESCHICHTE 08. Nov 2019

Geschichtskorrektur oder Generalprobe?

Dass Juden vieler Länder sich bei den Interbrigadisten engagierten, kam der nationalsozialistischen Propaganda von der Weltverschwörung zupass.Fotograf Robert Capa im Spanischen Bürgerkrieg im…

Was als innerspanischer Konflikt begann, weitete sich bald zum Schauplatz der Weltpolitik aus – der Spanische Bürgerkrieg und seine russischen Akteure.

 


Russische Emigranten verschiedener Couleur, die in der Folge des Bolschewistischen Putsches von 1917 zu Hunderttausenden in Europa und den USA gestrandet waren, hatten alert auf das Geschehen in Spanien reagiert. 70 Jahre nach dem Sieg der Franquisten beschrieb Alexander Naumow die Motive der bis dahin meist in Apathie verharrenden Exilrussen, sich in Spanien zu engagieren. Wie 1941, als die Wehrmacht die UdSSR überfallen sollte, gab es einerseits die Defätisten, die zur Kooperation mit den Deutschen bereit waren, wenn nur der Bolschewismus besiegt würde, und anderseits die Patrioten, die gegen Angriffe von aussen selbst ein bolschewistisches Vaterland zu verteidigen bereit waren. 1936 engagierte sich das «linke» Segment der Emigration – Sozialrevolutionäre und Menschewiki – für die spanische Volksfront. Das «rechte» – Monarchisten, Anhänger der orthodoxen Kirche – solidarisierte sich mit General Franco, in dem es den spanischen Kornilow sah. Letzterer hatte 1917 gegen die Kerenski-Regierung geputscht und die Bolschewiki bekämpft. Weissgardisten im Exil fanden Gleichgesinnte im von Baron Wrangel gegründeten russischen Allgemeinen Militär-Verband, dem jetzt General Jewgeni Miller vorstand. Man war bereit, der als «jüdisch-bolschewistisch» bezeichneten «Verschwörung» in Spanien einen Schlag zu versetzen, sich militärisch zu trainieren für künftige Abrechnungen mit der UdSSR.

Erst als den spanischen Nationalisten nach Rückschlägen klar war, dass der Bürgerkrieg andauern würde, waren russische Freiwillige willkommen. Exil-General Schatilow wünschte eine gesonderte russische Abteilung innerhalb der Nationalarmee, bekam aber eine Absage. Anfang Januar 1937 liess Miller verlauten, die Mitglieder der zaristischen Exil­armee müssten echte Faschisten sein. Aus vielen Ländern trafen nun staatenlose Russen in Spanien ein, bald über die Pyrenäen, bald über Marokko.



Gegenseitiges Misstrauen
Die hochrangigen spanischen Militärs begegneten diesen Freiwilligen distanziert, sie unter-
schieden nicht zwischen «russisch», «Komintern» und «Kommunismus». Die zaristischen Offiziere ihrerseits, die in den vergangenen 20 Jahren zwei grosse Kriege durchgemacht (wenngleich verloren) hatten, schauten auf die Spanier herab, die schon lange aus der Übung waren. Anfänglich hatte das Franco-Kommando die Exil-Russen ins französische Bataillon «Jeanne d’Arc» integriert. Doch die Weissgardisten weigerten sich, zusammen mit den «gottlosen Franzosen» zu kämpfen. Am Ende landeten sie bei den Carlisten, die als erzkonservative Monarchisten mit ihren Formationen «Requeté» («Rekrut») unterwegs waren. Diese störten sich nicht an den Emblemen eines untergegangenen Imperiums auf Baretten und Uniformen. Das Journal «Tschassowoj» («Der Posten») und dessen Personal versorgte die Russen mit Zigaretten und Kleidung, publizierte Briefe von der Front und schilderte die Schrecken des roten Terrors. Die Baronin Wrangel schuf Mitte 1938 einen Sozialfonds und liess auch orthodoxe Seelsorger ins Feld schicken. Fürst Schachowskoj, einer dieser Geistlichen, wurde später Erzbischof in San Francisco.

Die weissen Russen hatten Probleme. Sold gab es nur bei der Fremdenlegion, in der regulären Armee ging man leer aus. Die Titel der zaristischen Armee galten nichts, selbst Generäle wurden als gemeine Soldaten eingestuft, es gab kein Hochdienen zum Offizier. Dabei waren die wenigen hundert Russen erprobte Militärs. Erst zur Siegesparade am 5. Mai 1939 erschienen sie als gesonderte Formation unter der Flagge des russischen Imperiums.



Wachsender Einfluss Moskaus
In den Reihen der Volksfront gewann die Komintern und damit Stalin zunehmend an Einfluss. So wurde etwa mit Hilfe des sowjetischen Geheimdienstes der monarchistische General Miller 1938 von einem Überläufer aus den eigenen Reihen gekidnappt. An den Sitzungen des Politbüros war die «spanische Frage» zwischen 1933 und 1938 nicht weniger als 84 Mal traktandiert. Im Privatarchiv des Sowjetführers finden sich umfangreiche Dokumente zum Thema, wie der Historiker Andrej Sorokin weiss. Die Geschichte der Interbrigaden gehöre zu den bestgehüteten Geheimnissen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die umfangreichsten Archive – bis vor kurzem gesperrt – hätten die Russen. Betroffen seien über 40 Länder.

Die weissen Russen wurden im Spanienkrieg auch eingesetzt für die Propaganda, die per Funk in den von den Republikanern verteidigten Gebieten verbreitet wurde. Die Monarchisten nahmen an, dort seien viele Sowjetsoldaten im Einsatz. Tatsächlich im Einsatz waren von Anfang an die Interbrigadisten, unter die sich auch sozialistisch gesinnte russische Flüchtlinge einreihten. Es gab in Paris einen Verein der Rückkehrwilligen, aus dem Stimmen verlauteten wie: «Wir schlies­sen uns den Antifaschisten an, weil wir uns im Kampf mit dem gemeinsamen Feind das Recht verdienen wollen, uns Sowjetbürger zu nennen und in die Heimat unserer Vorfahren zurückzukehren.» Oder: «Ich folge dem Ruf des Herzens, um für die Republik zu kämpfen und so ein wenig Sühne zu tun für meine Schuld gegenüber Russland.»

Die aus der ganzen Welt angereisten Inter­brigadisten einte die schockierende Erkenntnis, dass der Faschismus um sich griff, ohne dass ihm bisher wirklich Widerstand erwuchs. Persönlich erfahren hatten das die vielen Bürger Italiens und Deutschlands, darunter zahlreiche Juden, die inzwischen im Exil lebten und sich jetzt mit den weltweit Alarmierten in Spanien engagierten. Melden konnte man sich bei den in Paris und in weiteren Städten eingerichteten Rekrutierungsstellen, eine militä-
rische Ausbildung gab es im Feld. Dass Schriftsteller und Künstler so zahlreich waren, hängt auch mit Gegenveranstaltungen zur NS-Unkultur zusammen. Bereits im Juni 1935 hatte in Paris der erste internationale Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur stattgefunden, organisiert von André Malraux
und Ilja Ehrenburg und mitfinanziert von Moskau. Von den 250 Teilnehmern aus 38 Ländern blieben einige in Paris – auch Frankreich sollte bald seine Volksfrontregierung unter Léon Blum haben. Viele waren beim Nachfolgekongress im Juli 1937 in Valencia (wo nun das republikanische Parlament Spaniens tagte) dabei und beschlossen mitzukämpfen. Zulauf erfuhr die Volksfront auch, nachdem in Spanien 1936 eine Gegenolympiade zu Berlin organisiert worden war, die dann nicht stattfinden konnte, weil am Eröffnungstag, dem 18. Juli, die Generäle putschten. Gegen 
6000 Sportler waren angemeldet, viele reihten sich bei den Inter­brigadisten ein.



Waffen für die Republik
Seit September 1936 tagte ein Nichteinmischungskomitee in London, in dem unter anderem Frankreich, Grossbritannien und die Sowjetunion vertreten waren. Doch angesichts der Unterstützung Francos durch die Achsenmächte lieferten die Russen ab dem 22. Oktober den Republikanern Kriegsmaterial, begleitet von Instruktoren, Militärkadern, Diplomaten und Sicherheitsleuten. Bald waren das gegen 300 000 Personen. Die UdSSR blieb neben Mexiko mit seinem bescheidenen Beitrag der einzige Staat, der die Republik unterstützte. Mexiko beherbergte nach 1939 eine republikanische Exilregierung, die erst 1967 aufgab, in dem Jahr, als der in abgelegenen Regionen Spaniens wirkende Untergrund seine Aktivität einstellte.

Der sowjetische Aussenminister Litwinow hatte in den 1930er Jahren lange um eine breitere Koalition gegen Hitler geworben – umsonst. Isaac Deutscher zeichnet in seiner Stalin-Biografie von 1966 das lange Abwägen nach und kommentiert: «Sicher ist, wenn die Westmächte die Absicht gehabt hätten, Stalin in Hitlers Arme zu treiben, sie dies nicht besser hätten tun können.» Unmittelbar vor dem schliesslich mit Hitler geschlossenen Pakt ersetzte Stalin den jüdischen Minister (die nationalsozialistische Presse nannte ihn Litwinow-Finkelstein) durch Molotow, der dann Ende August 1939 den Vertrag und das unheilvolle Zusatzprotokoll mit dem deutschen Aussenminister Ribbentrop unterzeichnen sollte. Am 1. September erfolgte der Einmarsch der Wehrmacht in Polen. Für Stalin war der Zweite Weltkrieg bereits 1935 ausgebrochen, mit dem Überfall Italiens auf Abessinien, Japans auf China und mit der deutsch-italienischen Intervention im Spanischen Bürgerkrieg.



Abruptes Ende der Interbrigaden
Stalin liess in Spanien in erster Linie einen Krieg gegen nicht sowjetkonforme Linke führen. Das lief parallel zu den Schauprozessen in Moskau. Im Mai 1937 wurden spanische Anarchisten, unter ihnen Andreu Nin, ermordet. Die marxistische Arbeiterpartei POUM, die weltweit Sympathie genoss (und bei der auch George Orwell sich engagierte), wurde als trotzkistisch diffamiert, ja als fünfte Kolonne Francos, die gegen die Sache der spanischen Demokratie agiere. Trotzkis Schrift «Verratene Revolution», 1936 zunächst in Frankreich erschienen, war für den Sowjetführer bedrohlicher als Hitlers «Mein Kampf» von 1925. Sein Interesse an Spanien endete mit der im Oktober 1938 erlassenen Anweisung des Völkerbundes, dem seit 1934 auch die UdSSR angehörte, die Interbrigadisten hätten Spanien zu verlassen – für viele der Enthusiasten eine Katastrophe. Juan Negrin, der die Enteignung von Grossgrundbesitzern ablehnte und von seinem Vorgänger Caballero bereits durchgeführte Schritte mit militärischem Einsatz rückgängig machen liess, war der Komintern genehm. Denn Moskau wollte in Spanien um jeden Preis eine Revolution verhindern, die Erfolg haben und in Russland zum Vorbild werden könnte. Die KP in Spanien wuchs, während die anderen Parteien der Volksfront entmachtet wurden. Negrin liess nun einen Grossteil des spanischen Goldschatzes nach Moskau verschiffen als Zahlung und Vorauszahlung für Kriegsmaterial.

In seiner Rückschau von 1971 schrieb der damals für die spanische Flotte zuständige Admiral Kusnezow, nach dem Regierungswechsel von Caballero zu Negrin sei die sowjetische Vertretung in Madrid aus dem bescheidenen Hotel Alfonso in das noble Palace umgezogen. Auf den Strassen herrsche jetzt Ordnung, seien weniger Flaneure und mehr Bewaffnete der Volksmiliz zu sehen. Das hiess: Sieg Moskaus an der inneren Front. Jegliche anarchistischen Züge – für Orwell dem spanischen Naturell näher als kommunistische – waren ausgeschaltet. Passagierschiffe retteten von Cartagena aus spanische Kinder in die UdSSR. Propagandistische Wochenschauen zeigten auch Evakuierungen mittels Luftschiffen. Dass der sowjetische Botschafter Marcel Rosenberg, mit dem der Militärberater Kusnezow nach Madrid gekommen war, bald nach Moskau zurückberufen und im Gulag ermordet wurde, ist 1971 kein Thema im Erinnerungsbuch des Admirals. Rosenbergs Vergehen: Er hatte nach Moskau gemeldet, die spanischen Anarchisten seien eine Massenorganisation, die es zu unterstützen gelte.

Bilder über den Bürgerkrieg lieferten Reporter wie Robert Capa oder Roman Karmen, der dann auch den Zweiten Weltkrieg für die sowjetische Wochenschau begleiten sollte. Die Journalisten Ilja Ehrenburg und Michail Kolzow (als Fridland in Kiew geboren) belieferten die Presse in Moskau. Orwell porträtiert Kolzow in seinem Bericht «Mein Katalonien». Und Hemingway lässt ihn in «Wem die Stunde schlägt» als Karkow auftreten. Es war zunächst ein verschworenes Milieu, doch viele Engagierte fühlten sich wegen der Geheimdienstmethoden zur Eliminierung ideologischer Abweichler bald abgestossen vom einstigen kommunistischen Vorzeigeland, das den Sozialismus verraten hatte. Das schlug sich etwa in Orwells Dystopie «1984» oder in Arthur Köstlers «Sonnenfinsternis» nieder.



Dramatische Schicksale
Von den rund 40 000 Freiwilligen aus der ganzen Welt, die in Spanien die Republik verteidigten, waren gegen 5000 jüdisch. 1937 formierten sie eine eigene Einheit, die Botwin-Kompanie, deren Mitglieder zur Hauptsache polnische Kommunisten waren, die im französischen Exil lebten. Lebensgeschichten von jüdischen Spanienkämpfern hat Arno Lustiger rekonstruiert. Im Anschluss an einen Madrider Ehemaligen-Kongress, an dem er 1986 viele von ihnen kennengelernt hatte, führte er zahlreiche Gespräche. Im seinem Buch «Schalom Libertad!» setzte er nicht nur den russischsprachigen unter ihnen ein Denkmal. Ihre dramatischen Schicksale, die ja mit dem Ende des Spanienkrieges erst ihren Anfang nahmen, wurden damit dem Vergessen entrissen.

Der Befehl zur Auflösung der Interbrigaden Ende Oktober 1938 war nicht nur das Signal, dass die Sache der Republik aufgegeben wurde. Viele der Kämpfer – die Hälfte war im Feld gefallen – hatten auch keine Heimat mehr, in die sie hätten repatriiert werden können. Vor allem für die Juden wurde die Lage prekär. Der Antisemitismus war gewachsen. Hitler war in Österreich einmarschiert, hatte sich dank des Münchner Abkommens vom 30. September 1938 einen Teil der Tschechoslowakei genommen. Er zählte auf das Abnicken der Westmächte. Bald sollte Chamberlain, ein Hauptakteur der Appeasement-Politik, das Franco-Regime vorauseilend schon nach dem Fall Barcelonas am 26. Februar 1939 anerkennen, gut einen Monat vor dem Sieg des Diktators. Die Konferenz von Evian hatte die verbreiteten Vorbehalte gegen die Juden offengelegt. In Spanien selbst folgte jetzt eine lange Phase der Abrechnungen. Frankreich nahm Demobilisierte und Flüchtlinge aus Spanien zwar auf, steckte sie aber in Lager. Nach der Besetzung des Landes durch die Wehrmacht wurden viele deportiert, wer konnte, engagierte sich in der Résistance.



Innerrussische Kontroversen bis heute
Für Heimkehrer und Flüchtlinge in die UdSSR war die Perspektive besonders düster. Spanien­erfahrung hiess Kontakt mit Ausländern, was beim NKWD den Verdacht auf mangelnde Loyalität weckte. Die Sache und das Land, in deren Dienst man eben noch aus Überzeugung gekämpft hatte, waren unsicheres Terrain geworden. Ein Schock war der Hitler-Stalin-Pakt. Starreporter Kolzow wurde, wie viele andere Sowjetbürger – jüdische und andere Internationalisten –, nach der Heimkehr brutal eliminiert. Die geretteten Spanienkinder wuchsen in gesonderten Internaten auf, waren dann nützlich als Lehrer und Übersetzer und in der Entwicklungshilfe im Bruderland Kuba.

Bis heute wird auch in Russland mit Spanienkämpfern bisweilen abgerechnet. Die eingängig vertonte Ballade «Grenada, Grenada, Grenada moja» über einen sterbenden Krieger und seine exotische Geliebte, die Michail Swetlow bereits 1926 verfasst hatte, wurde zum Lieblingslied der sowjetischen Spanienkämpfer, auch nach der Heimkehr. Eine Filmcollage von Roman Karmen von 1967 trägt denselben Titel. Das passt nicht allen. Ein russischer Historiker bezichtigte unlängst den Dichter dieser «trotzkistischen Hymne», er habe zur Tarnung seinen jüdischen Namen Scheink­man hinter einem russischen versteckt. Die innerrussischen Kontroversen aus den Jahren des Spanischen Bürgerkrieges wirken weiter. Auch die Angst der Regierenden vor einer Revolution hat überlebt.

https://deutsch.rt.com/europa/93446-spanische-regierung-exhumierung-fra…-
oktober/
 

 

Regula Heusser-Markun