UKRAINE-Krieg 23. Sep 2022

Die nächste Krise wartet schon

Laura Medvediev hält ein Bild mit einer Menora und Granatäpfeln, das sie in Irland gemalt hat, während sie an den Klippen in der Nähe ihres Hauses in Dublin steht.

Nach mehr als einem halben Jahr Krieg steht in der Ukraine der Winter vor der Tür – für jüdische Hilfsorganisationen in Europa bedeutet das grosse Herausforderungen, aber auch viel Ungewissheit.

Was Ilya Daboosh sagt, klingt nach Spätsommer, nach einem Rückblick auf schöne Erlebnisse, nach warmen Wochen und freier Zeit. Und zugleich nach neuen Aufgaben und frischem Mut, sich ihnen zuzuwenden. Beflügelt hat ihn in den zurückliegenden Ferien etwa eine Woche in Bad Sobernheim. Die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, bei der er das Sozialreferat leitet, betreibt dort ein Freizeitheim. 40 ukrainische Geflüchtete aus ganz Deutschland kamen dort zusammen. Harmonische Tage, zur Ruhe kommen, ein stimmungsvoller Schabbat. «Manche Mutter sagte, sie hätte ihre Kinder seit langem wieder lächeln gesehen.»

Nun ist Daboosh zurück am Arbeitsplatz. Zu tun gibt es reichlich. Seit über einem halben Jahr schultern die 19 Mitarbeiter seines Referats alles, was durch den Ukraine-Krieg anfällt – zusätzlich zum Tagesgeschäft. Im Mittelpunkt der Bemühungen steht derzeit die Integration der Geflüchteten. Mehrere Tausend Personen habe man über jüdische Gemeinden im ganzen Land verteilt. Mit den Gemeinden sei man «sehr engmaschig in Kontakt». Nun organisieren sieben geflüchtete Ukrainer im Rahmen ihrer Bundesfreiwilligendienste Seminare. Auch gebe es zwei ebenfalls aus der Ukraine stammende Psychologen, die psychosoziale Therapien anbieten.

Wichtige Formalitäten
Eher im Hintergrund, aber für die weitere Integration nicht weniger wichtig, sind die Formalitäten. So habe man inzwischen geregelt, dass Geflüchtete Zugang zum Sozialsystem bekommen. Für eine Mitgliedschaft in einer jüdischen Gemeinde jedoch, die viele Ukrainer anstreben, muss deren jüdische Identität nachgewiesen werden. «Dabei geht es um Original-Dokumente, man muss sehr akribisch vorgehen. Die Gemeinden leisten diesbezüglich Konsulatsarbeit.»

Im Sozialreferat in Frankfurt gibt es durchaus Momente, in denen all dies bis an die Grenze der Belastbarkeit führt. Zumal, wie Ilya Daboosh erklärt, mehrere Mitglieder seines Teams Familie in der Ukraine haben. Zuversicht allerdings schöpft er aus der Tatsache, dass man inzwischen im Umgang mit brenzligen Situationen sehr erfahren ist: «Corona hat uns gelehrt, auf eine Krise zu reagieren und Gemeinden zu unterstützen. Jetzt steht uns mit der Energiekrise und der Inflation die nächste bevor. In einer solchen Lage kann man nicht immer nur warten, manchmal ist es gut, wenn man schnell zupackt.»

Mit Zupacken ist auch Andrea Märcz in diesen Monaten permanent beschäftigt, tachles traf die Budapesterin zu Beginn des Sommers auf einem Workshop zur Integration von Flüchtlingen in Brüssel. Vor dem rechtspopulistischen Umbau des ungarischen Staates arbeitete sie als Immigrationssachbearbeiterin, später war sie bei der International Organisation for Migration tätig. Heute koordiniert sie in der ungarischen Hauptstadt die Unterstützung von 28 Geflüchteten gemeinsam mit einer anderen Person und umgeben von einem Team aus Freiwilligen aus der jüdischen Gemeinschaft des Landes.

Auch in diesem Fall handelt es sich um ein Engagement auf verschiedenen Ebenen. «Wir versuchen jeden Aspekt der Integration zu unterstützen. Der temporäre Schutzstatus ist inzwischen geregelt, und die Kinder gehen jetzt an verschiedene jüdische Schulen in Ungarn, zu denen unterhalte ich eine sehr intensive Verbindung. Die Unterbringung wird von Joint organisiert und finanziert. Dafür haben wir ein komplett ausgerüstetes Apartment-Haus, wo sie alle zusammen sind, aber trotzdem jeder seinen eigenen Platz hat, und wo es drei Mahlzeiten am Tag gibt.»

Einen detaillierteren Blick auf die Bedürfnisse dieser 28 Menschen bekommt man, wenn Andrea Märcz über die Zusammensetzung der Gruppe spricht: Die Hälfte seien Senioren und jenseits der 60, viele von ihnen mit Gesundheitsproblemen. Von sieben Frauen im Berufsalter hätten sechs inzwischen eine Arbeit, Männer im Berufsalter gebe es natürlich keine darunter. Der Rest sind Kinder. Ein Drittel der Gruppe stamme aus Kiew, einige aus Mykolajiw, Pawlograd oder Charkiw, «also vor allem aus problematischen Regionen». Die Hälfte von ihnen beabsichtige nicht zurückzukehren.

Posttraumatischer Stress
Ein anderes Detail ist Andrea Märcz zufolge zentral: Einige der Geflüchteten sind «hyperverletzbar». Das Dasein als Kriegsflüchtling habe eine eigene Dynamik, erklärt sie. Erst komme man irgendwo in einem sicheren Hafen an. Erst später dann wende man sich dem zu, was die Erfahrung Flucht mit einem gemacht habe. «Posttraumatische Stresssymptome und mentale Probleme zeigen sich nicht direkt. Erst jetzt stehen viele Menschen ihren Problemen gegenüber.»

600 Kilometer weiter nördlich, in Warschau, existiert ein anderes Modell der Unterstützung. In der Hauptstadt des Landes, in dem sich im Sommer mit anderthalb bis zwei Millionen Personen mit Abstand die meisten ukrainischen Geflüchteten aufhielten, erfüllt das Jewish Community Center JCC Warszawa eine wichtige Funktion. Derzeit organisiert man Kinderbetreuung, lädt Geflüchtete gratis zu koscheren Brunchs ein oder zum Schabbat-Dinner und bemüht sich, sie in das Programm einzubeziehen. Die Integrationskraft des JCC ergibt sich aus seiner Scharnierfunktion: Aktivitäten organisiert man in Zusammenarbeit mit orthodoxen wie auch progressiven Gemeinden.

Um den Kriegsflüchtlingen den Zugang zur Gemeinschaft zu erleichtern, werde seit Kriegsbeginn auch offiziell zusätzlich Ukrainisch und Russisch gesprochen – «auch beim Schabbat-Dinner», so Marta Saracyn, die Interimsdirektorin. Eine Strategie, die sich auszahlt: «Wir kamen kürzlich erst von einem Familien-Camp zurück, das wir seit Jahren organisieren. Dieses Mal waren Flüchtlingsfamilien dabei. Die Hälfte der Teilnehmenden kam aus der Ukraine. Wenn jetzt unsere regulären Schuljahr-Programme starten, sehen wir, dass die Kontakte aus dem Sommer-Camp weiterbestehen.» Seit September beschäftigt das JCC nun eine zusätzliche Person, welche speziell die Angebote für Geflüchtete koordiniert.

Engagiert und ertragreich
In Brüssel, im Europa-Büro der Hebrew Immigrant Aid Society (HIAS), blickt man derweil zurück auf einen Sommer, der so engagiert wie ertragreich war. Was zum einen an den «Welcome Circles» liegt, ein aus Nordamerika stammendes Modell, bei dem innerhalb jüdischer Gemeinden jeweils fünf bis acht Mitglieder einer geflüchteten Familie zur Seite stehen. 209 Personen werden inzwischen auf diese Weise unterstützt, in Irland, Ungarn, Polen, Belgien, Moldawien, Portugal und Italien. «Das ist mehr, als wir dachten leisten zu können», berichtet Katharine Woolrych, im Büro als Advocacy Officer tätig. Auch in Tschechien sowie Griechenland sollen in Kürze entsprechende Kreise aktiv werden.

Das zweite Thema, das HIAS in Brüssel beschäftigt, dreht sich ebenfalls um längerfristige Integration und nennt sich «Relocation». Es geht um Ukrainer, die nach einer ersten Aufnahme in Osteuropa nun in meist westeuropäischen Ländern ein neues Leben beginnen können. 81 Personen assistierte man bisher beim Weg in ein neues Leben, die Zielländer sind Irland, Portugal, Italien, Deutschland, Schottland, Belgien, das Vereinigte Königreich, Norwegen, Kanada.

Dazu unterhält HIAS inzwischen Büros in Polen, Rumänien und Moldawien. Dort widmet man sich ausdrücklich auch Aspekten wie genderspezifischer Gewalt, sexuellen Übergriffen, mentaler Gesundheit sowie der Unterstützung nicht ukrainischer Geflüchteter. Besondere Aufmerksamkeit kommt angesichts der Gaskrise und des bevorstehenden Winters der Bargeld-Unterstützung zu. Was die Arbeit im Kriegsgebiet betrifft, setzt HIAS weiter auf die ukrainische Partner-Organisation Right to Protection (R2P). «Lokale Akteure können mit finanzieller und logistischer Unterstützung von aussen effizienter sein als internationale Organisationen, die in die Ukraine kommen», so Katharine Woolrych.

Was dies betrifft, stimmt Sascha Galkin ihr zu. «Wir hoffen dieses Modell in der Zukunft noch weiter zu entwickeln», sagt der Direktor von R2P, der inzwischen zurück in Kiew ist. Vor sechs Wochen wurde dort das Hauptquartier wieder eröffnet. Inzwischen betreibt man 18 Büros über die Ukraine verteilt, wo 900 feste Kräfte beschäftigt sind – Freiwillige nicht mitgerechnet. Von den einst fast vier Millionen Bewohnern der Hauptstadt seien inzwischen über zwei Millionen wieder da, verglichen mit 800 000 Ende März. «Manchmal gibt es sogar schon wieder Stau, seit das Schuljahr begonnen hat.»

Galkin selbst reist von Kiew aus regelmässig durch das Land – in Absprache mit dem eigenen Sicherheitsteam, das jeweils die Risiken analysiert. Im Fokus von R2P stehen vor allem Gemeinschaftsunterkünfte für Vertriebene. «Die Kommunen machen sich darüber grosse Sorgen. Wenn es bald Winter wird, sind diese Menschen am meisten gefährdet. Viele von ihnen kommen aus Charkiw. Es soll aber demnächst eine neue Welle an Vertriebenen geben, aus Donezk, Luhansk, und auch wieder der Region Charkiw. Die Regierung erwartet eine halbe Million Menschen.»

Sascha Galkin ist selbst in Donezk geboren und zum Teil dort aufgewachsen. Die harschen Winter im eisigen Kontinentalklima des Ostens sind ihm bestens bekannt. «Das grösste Problem ist, dass die Infrastruktur in den Regionen Donezk und Luhansk zerstört ist. Darum wollte die Regierung so viele Bewohner wie möglich evakuieren. Sie würden diesen Winter nicht überstehen, denn es gibt keine Heizung, kein Gas, nichts! Eine Reparatur vor dem Winter wäre nicht möglich. Viele sind dort zurückgeblieben, ältere Leute oder Menschen mit Behinderungen. Wie viele es sind, ist schwer zu sagen, aber es könnte sich um Hunderttausende handeln. Besonders gefährdet seien in der kommenden Zeit aber auch die gerade erst befreiten Gebiete im Süden. Auch dort ist der Winter sehr hart.»

Vorläufig wird man bei R2P einen Schritt nach dem nächsten setzen: akute Notlinderung in Form von Bargeld-Unterstützung, Heizkörpern, Brennstoff, warmer Kleidung und energiereichen Nahrungsmitteln. «Initial crisis assistance», wie es in der Sprache der Hilfsorganisationen heisst. Viele solcher Schritte werden nötig sein, um den Winter zu überstehen.

Tobias Müller