Deutschland 30. Okt 2026

Der grosse Austausch als «jüdisches Projekt»

Mehr als 400 000 geleakte E-Mails geben Einblick in den Antisemitismus und antisemitische Verschwörungstheorien im Umfeld der Alternative für Deutschland.

Die geleakten E-Mails der AfD zeigen, wie offen Antisemitismus im Umfeld der Partei geäussert wird – und stellen die Selbstinszenierung der Rechtsextremen als Verteidiger Israels und jüdischer Minderheiten in Frage

Mit folgenden Worten beginnt eine E-Mail, mit der Betreffzeile «AfD-Judentum»: «Nichts, was die AfD an israel- und judenfreundlichen Aussagen tätigt, zeitigt auch nur die Spur einer Anerkennung bei den Zionisten Deutschlands und der Welt. Im Gegenteil: Es scheint, je tiefer sich die AfD gegenüber Israel unterwirft, desto schärfer wird Hass, Verachtung und Ablehnung des globalen Verbandsjudentums gegenüber dieser Partei – dessen (deutsche) Speerspitze sich im Zentralrat der Juden Deutschlands offenbart.»

Das Zitat stammt vom inzwischen verstorbenen rechten Blogger Michael Mannheimer (bürgerlich: Karl-Michael Merkle) aus dem Jahr 2019. Die Mail stammt von einem Absender namens Günter Zemella, Autor geschichtsrevisionistischer Werke wie «Völkermord an den Deutschen. Ein ungesühntes Verbrechen», «Warum mussten Deutschlands Städte sterben?» oder «Ziele und Taten der Zionisten».

Hundertausende geleakte E-Mails
Zemellas Mail ist eine von mehr als 400 000, die zurzeit als «AfD-Leaks» international für ziemliche Schlagzeilen sorgen. Erbeutet wurden sie bei einem im September erfolgten Hackerangriff auf die rechtsextreme Alternative für Deutschland (AfD), die nach mehreren Erfolgen bei ostdeutschen Landtagswahlen inzwischen auch auf Bundesebene die Umfragen deutlich anführt. Seither rumort es in sämtlichen Medien über den in den E-Mails offen zur Schau gestellten Rassismus, das militante Herrenmenschentum, Verschwörungstheorien und, ja, auch Antisemitismus.

All das ist nun grundsätzlich keine allzu grosse Überraschung, wenn man bedenkt, dass die AfD vom deutschen Verfassungsschutz zumindest teilweise als rechtsextrem eingestuft wird, ganz offen von einer «erinnerungspolitischen Wende» träumt und mit einem rabiat völkischen Programm diesen Herbst die Wahlen in Sachsen-Anhalt gewann. Zugleich bedürfen just die antisemitischen Verbalexzesse eines genaueren Blicks. Und zwar gerade deshalb, weil sie ein nuancierteres Bild vom Umfeld einer Partei entwerfen, die sich, wie viele Gesinnungsgenossen in anderen Ländern, gerne demonstrativ als an der Seite Israels und jüdischer Minderheiten in Europa verortet.

Enttäuschung über Israel-Nähe
Just diese Positionierung, ausgesprochen vom damaligen AfD-Bundessprecher Alexander Gauland bei einer Rede 2018 zum 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels, nahm der «deutsche Patriot» Zemella wiederum zum Anlass, seine langjährige Fördermitgliedschaft in der Partei zu beenden. «Die AfD kann sich täglich vor den Juden in den Staub werfen», klagt er in besagter E-Mail. «Es wird ihr nichts helfen – denn die Spitze der AfD hat den unversöhnlichen Charakter des jüdischen Zionismus bislang nicht ansatzweise erkannt». Namentlich greift er «die zahlreichen Hassreden der Zionistin Charlotte Knobloch gegen die AfD – die sich sogar erdreistete, die AfD, deren meisten Mitglieder aus der CDU kommen, mit der NSDAP zu vergleichen», an.

Der «grosse Austausch»
Im Folgenden zieht Zemella einige sehr unzweideutige Register. Er bescheinigt der Partei ein «fast unterwürfiges Verhältnis zu einer Religion, die fraglos die Speerspitze dessen ist, was die AfD bekämpft: den Genozid am deutschen Volk, bekannt auch als ‹Der grosse Austausch›». Mit Letzterem verweist er auf eines der beliebtesten Narrative in rechtspopulistischen bis extremistischen Kreisen: die vermeintlich geplante Ersetzung der eingesessenen europäischen Bevölkerung durch Immigranten. Diese Komplotttheorie existiert mit oder ohne Juden als vermeintliche Strippenzieher dieses Plans. Bisweilen erscheinen auch als «globalistisch» gebrandmarkte «Eliten» in dieser Rolle.

Zemella ist zweifellos ein Anhänger der ersten Variante. «Dass der Grosse Austausch ein jüdisches Projekt ist, weiss jeder, der sich ernsthaft mit dieser Frage befasst hat», hält er fest. Auch zitiert er den Publizisten Richard Coudenhove-Kalergi, der 1925 in seinem Buch «Praktischer Idealismus» die Schaffung einer zukünftigen «eurasisch-negroiden Mischrasse» vorausgesagt habe, welche wiederum von einer jüdischen «Adelsrasse» regiert würde.

Für eine deutliche verschwörungstheoretische Positionierung Zemellas spricht auch, dass er beklagt, die proisraelischen Bekundungen der AfD lösten bei den «NWO-Medien» nichts als «Spott und Verachtung allenthalben» aus. Damit spielt er auf die antiglobalistische Verschwörungstheorie einer «neuen Weltordnung» («New World Order») an, die man etwa zu Pandemiezeiten auf zahlreichen Querdenker-Kundgebungen antreffen konnte.

Kein Einzelfall
Zemella ist kein Einzelfall. Ein Autor namens Manfred Ritter schwadroniert über «das Weltjudentum», das «Allen Deutschen den Krieg erklärt» hätte, und folgert: «Daher war es legitim, Juden im Deutschen Verwaltungsbereich zu internieren. Die Amis taten gleiches mit allen Japanern in ihrem Verwaltungsbereich! Auch Briten samt ihrer Verbündeten internierten alle Deutsche. Aber von Internierungslagern nur für Deutsche in Brasilien, Canada und Süd-Afrika, darf politisch korrekt nicht mehr geredet werden!»

In einer Mail mit dem Titel «Judenmacht in Europa», gerichtet an die heutige Bundessprecherin Alice Weidel, heisst es: «Der Jude Ilja Ehrenburg war der Einpeitscher der bolschewistischen Horden, die 1944 in die deutschen Lande einbrachen mit Anweisungen wie: ‹Töte jeden Tag einen Deutschen. Wenn du einen getötet hast, töte noch einen.›» Auch lamentiert der Absender: «Dann sollen wir sechs Millionen dieser Rasse aus Hass und Arroganz in Gaskammern getötet haben. Dies zu bestreiten wird bis zum heutigen Tage wie ein Verbrechen verfolgt.» Weiter nennt er die «Gaskammern-Saga» einen «Auswuchs jüdischer Propaganda, die das Ziel hat, uns Deutsche zu einem Leben in Schimpf und Schande zu zwingen und sich selbst dabei als unschuldiges Opfer darzustellen».

Welche Funktion der Verfasser hat und ob er Mitglied, Wähler oder Sympathisant der AfD ist, ist in diesem Fall nicht ersichtlich. Wohl geben entsprechende Formulierungen, die sich in den geleakten Mails in grosser Zahl finden, einen Eindruck vom Resonanzraum, in den etwa der thüringische AfD-Chef Björn Höcke hineinspricht, wenn er eine «erinnerungspolitische Wende um 180 Grad» fordert oder das Berliner Holocaust-Mahnmal als «Denkmal der Schande» verteufelt.

Die damalige Parteisprecherin Frauke Petry bekam 2017 Post mit dem Betreff «Warum die Juden heute in unserem Geld- und Bankensystem führend sind». Der Absender trägt den gleichen Namen wie ein früherer brandenburgischer Lokalpolitiker, der die AfD zu diesem Zeitpunkt aber schon verlassen hatte. Eine andere Zuschrift trägt den Titel «Ich mag Juden und Muslime nicht». Ihr Autor räumt ein, dies sei «in der Tat eine provozierende, ich weiss, ‹politisch unkorrekte› Überschrift», doch jemanden zu mögen oder nicht müsse erlaubt sein. In seinem Fall gehe es um «Menschen die hier kulturfremd eingewandert sind – oder auch Juden und Muslime». Den Muslimen hält er «machohaftes Verhalten gegenüber den Frauen» vor, den Juden, dass sie sich als «Auserwählte» sähen. Was beide gemäss dem Schreiber verbindet: sie «vermitteln gerne das Bild allein, ganz allein, Nabel der Welt zu sein».

Zwei Anmerkungen sind wichtig: Zum einen belasten die entsprechenden Dokumente in der Regel eher Personen aus dem Umfeld der Partei als (Spitzen-)Funktionäre. Gerade damit allerdings skizzieren sie ein Bild der politischen Kultur, der Inhalte und Ideologien, die dort präsent sind. Zum anderen zeugen zahlreiche E-Mails davon, wie sich die AfD an der Seite der jüdischen Bevölkerung oder Israels verortet. Sie tragen Betreffzeilen wie «AfD gegen Antisemitismus», «Judenfeindliche Bundeskanzlerin», «Judenfeidlicher Bundestag» oder auch, in recht durchsichtiger Absicht, «millionenfach importierter Antisemitismus wirkt schon».

Linker und rechter Antisemitismus
Unter dem Strich ändert es freilich nichts daran, dass Analysen wie die von Ron Prosor, israelischer Botschafters in Deutschland, in einem anderen Licht erscheinen. «Der linke Antisemitismus ist das Gefährlichste» sagte er kürzlich der «Bild»-Zeitung, und bestätigte damit dem von einem heiligen Zorn gegen alles Linke getriebenen Boulevardblatt, was es ohnehin schon weiss. Prosors Begründung, linker Antisemitismus sei «geschickter» als rechter, ergibt womöglich Sinn, wenn man sie auf die tumben und brachialen Stereotype bezieht, wie sie in den AfD-Leaks zuhauf präsent sind, denn ungeschickter, platter und dümmer kann eine Argumentation schwerlich sein.

Anstatt dem rechten Antisemitismus politisch tendenziös und inhaltlich hanebüchen mildernde Umstände auszustellen, wäre es angebracht, einer offensichtlichen Parallele ins Auge zu sehen: der obsessiven Verwendung der Bezeichnung «Zionisten» als stereotype Feindbilder, denen alles erdenklich Niederträchtige zugeschrieben wird. Genau hier liegt ein überdeutlicher Anknüpfungspunkt zwischen der politischen Kultur im AfD-Umfeld und dem antizionistisch verbrämten Judenhass, der sich aktuell vielfach als links geriert.

Eine ambivalente Grauzone
Was die AfD und zahlreiche ihr inhaltlich nahestehende Parteien betrifft, so bleibt als analytisches Fazit die Diskrepanz zwischen demonstrativer Israel-Nähe und vollmundiger Selbsterklärung als eine Art Schutzmacht europäischer Jüdinnen und Juden und dem Fortdauern eklatanter antisemitischer Stereotype und Verschwörungstheorien im Umfeld. Das Ergebnis ist eine ambivalente Grauzone, in der etwa die Bundesvereinigung Juden in der AfD agiert, die ihr Grundsatzprogramm mit der abenteuerlichen Feststellung beginnt: «Einem gerade in der Bundesrepublik verbreiteten Irrglauben zufolge haben Juden links zu sein.»

Es ist die gleiche Grauzone, in der der israelische Diaspora-Minister Amichai Chikli die versammelte Prominenz des europäischen Rechtspopulismus als Stargäste seiner Antisemitismus-Konferenzen empfängt und in der Parteien wie der rechtsextreme belgische Vlaams Belang von manchen Antwerpener Juden nach jahrelangem Werben als potenzieller Verbündeter gegen Islamismus anerkannt werden. Und in der, als Folge der bekannten linken Versäumnisse und Fauxpas, wenn es um Antisemitismus geht, in schablonenhafter Reduzierung komplexer Realitäten «rechts» nun als Lösung gilt.
 

Tobias Müller