Venedig 06. Mai 2026

Demos gegen die russische Präsenz an Eröffnung

Ein Aktivistin vor dem russischen Pavillon. 

Demonstration vor dem russischen Pavillon, Rücktritt der Jury, Boykott durch den Kulturminister: Die 61. Ausgabe der Kunstbiennale von Venedig öffnete am Mittwoch mit einer Vorabpräsentation für die Presse - und in einer Atmosphäre, die durch die Präsenz Russlands besonders angespannt war.

Mit rosa Sturmhauben, rosa Rauchbomben und die Brüste entblössend, führten das ukrainische Feministinnenkollektiv Femen und die russische Gruppe Pussy Riot am Mittwochmorgen ihre erste gemeinsame Aktion vor dem russischen Pavillon durch. Anlass war der Beginn der für die Presse reservierten Besichtigungen.
«Wir sind hier, um daran zu erinnern, dass die einzige russische Kultur, die einzige russische Kunst heute, das Blut ist», erklärte Inna Shevchenko, Aktivistin von Femen, gegenüber den Journalisten. «Dieser Pavillon steht auf ukrainischen Massengräbern», fügte sie hinzu. 
Russland war seit 2022, dem Beginn des Angriffskriegs gegen die Ukraine, nicht mehr an der Biennale vertreten. Somit ist es nun das erste Mal, dass Moskau ein Kunstprojekt im Rahmen der weltweit grössten Ausstellung für zeitgenössische Kunst präsentiert.
Seit der Ankündigung Anfang März sorgt die Teilnahme Russlands für Aufruhr, insbesondere innerhalb der italienischen Regierung und der Europäischen Union. Letztere hat damit gedroht, der Biennale Subventionen in Höhe von zwei Millionen Euro zu streichen.
Am vergangenen Donnerstag war die Jury der Biennale geschlossen zurückgetreten, nachdem sie angekündigt hatte, Russland und Israel von der Preisverleihung auszuschliessen. Dies, weil der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) Haftbefehle wegen Kriegsverbrechen gegen deren Staatschefs erlassen hatte.
Der russische Pavillon bleibt während der Biennale vom 9. Mai bis zum 22. November für die Öffentlichkeit geschlossen. Für eine Öffnung wäre eine Genehmigung erforderlich. Aber während der Pressetage, die als private Veranstaltung gelten, und bis zum Ende der Biennale werden aufgezeichnete Musikdarbietungen auf Grossbildschirmen im Aussenbereich übertragen.
Unter dem Titel «The tree is rooted in the sky» (dt.: "Der Baum ist im Himmel verwurzelt", Anm. d. Red.) präsentiert die russische Ausstellung rund dreissig "junge Musiker, Philosophen und Dichter", die überwiegend aus Russland stammen, aber auch aus Mexiko, Mali oder Brasilien kommen. "Ich möchte der Biennale dafür danken, dass sie die Idee unterstützt hat, dass alle Länder hier vertreten sind", erklärte die Kuratorin der Ausstellung, Anastasia Karneeva, in einem am Montag auf Instagram geposteten Video.
Im Jahr 2022, kurz nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, hatten sich die Künstler und Kuratoren des russischen Pavillons aus Protest von der Biennale zurückgezogen. Im Jahr 2024 war Russland nicht eingeladen worden. Doch nun, nachdem bekannt wurde, dass Russland wieder dabei sein würde, schlugen die Wellen hoch. 
In einem Anfang März an den Präsidenten der Biennale, Pietrangelo Buttafuoco, gerichteten Brief forderten 22 europäische Kultur- und Aussenminister ihn auf, "die Teilnahme der Russischen Föderation zu überdenken"; sie werde unter den "gegenwärtigen Umständen als inakzeptabel" angesehen.
"Kulturelle Veranstaltungen, die mit europäischen Steuergeldern finanziert werden, müssen demokratische Werte wahren, einen offenen Dialog, Vielfalt und Meinungsfreiheit fördern - Werte, die im heutigen Russland nicht geachtet werden", hat die Europäische Kommission Mitte April argumentiert, als sie ihre Absicht ankündigte, Fördermittel einzufrieren oder sogar zu streichen.
Letzte Woche wandte sich die EU erneut schriftlich an die italienische Regierung, um Klarheit über die Bedingungen für den Empfang der russischen Delegation zu erhalten. Sie fürchtet einen Verstoss gegen die europäischen Sanktionen gegen Moskau.
Laut Unterlagen einer Inspektion, die das italienische Kulturministerium letzte Woche durchgeführt hat, argumentieren die Organisatoren der Biennale, dass Russland Eigentümer seines Pavillons sei und man das Land nicht daran hindern könne, diesen zu nutzen.
Als Folge des Rücktritts der Jury und des "aussergewöhnlichen Charakters der aktuellen internationalen geopolitischen Lage" haben die Organisatoren der Biennale die Preisverleihung vom 9. Mai auf den 22. November verschoben.
Zwei Preise werden dann von den Besucherinnen und Besuchern vergeben, von denen einer von jedem der teilnehmenden Länder, darunter auch Russland, gewonnen werden kann. "Die Biennale versteht sich als Ort des Waffenstillstands im Namen der Kunst, der Kultur und der künstlerischen Freiheit und bekräftigt dies", argumentieren die Organisatoren auf der Website der Biennale.
Eine Linie, von der Präsident Buttafuoco, der sein Amt im März 2024 antrat, trotz des Drucks nicht abgewichen ist. "Die Kunst hat eine viel grössere Macht als jede Form der Unterdrückung", erklärte er am Montag bei einer ersten Ausstellungseröffnung.