Das Foto von «Idit der Polizistin» wurde am Ortseingang von Halhul im Westjordanland aufgenommen. Es entstand während einer Aktion von Bnei Avraham, einer Gruppe junger jüdischer religiöser Aktivisten, die im Westjordanland Palästinenser schützen und im vergangenen Jahr weitere Initiativen ergriffen haben, um die Beziehungen zu den dortigen palästinensischen Gemeinschaften zu stärken. Dazu gehören die Übergabe von «mishloach manot», traditionellen Purim-Geschenkpaketen, und vor allem ein Wanderzirkus für Kinder, den sie einmal im Monat an abgelegene und schwer erreichbare Orte im gesamten Westjordanland bringen. An dem Tag, an dem das Foto aufgenommen wurde, versuchte eine kleine Gruppe von Aktivisten, einen palästinensischen Freund in Halhul zu treffen, um ihm ein Purim-Paket zu überreichen. Sie wurden von acht maskierten Soldaten aufgehalten, die ihnen mitteilten, das Gebiet sei zu einer Militärzone erklärt worden und gesperrt. Ihr palästinensischer Freund wartete 30 Meter hinter den Soldaten auf sie, doch es wurde ihnen nicht gestattet, zu ihm zu gelangen. Währenddessen schlenderte Idit zwischen den Soldaten umher und klebte kleine herzförmige Aufkleber auf ihre Uniformen. Die meisten von ihnen kannten sie. Selbst unter den schwierigsten Umständen gelingt es ihr meist, Leuten ein Lächeln zu entlocken. Doch diesmal nicht. Schon gar nicht bei den Soldaten, die versuchten, sie am Kontrollpunkt vor Halhul aufzuhalten. Schliesslich traf ein höherrangiger Offizier mit einem Dokument ein, das beweise, dass die Strasse eine gesperrte Militärzone sei. Die Tinte war praktisch noch feucht, und es war für alle Anwesenden offensichtlich, dass es sich um einen erfundenen Befehl handelte, der drei Minuten zuvor von dem jüngeren Offizier ausgedruckt worden war. Einzig und allein zu dem Zweck, die vier Aktivisten daran zu hindern, das Purim-Paket an ihren palästinensischen Freund zu übergeben, der genau 30 Meter entfernt stand. Der Streit schien fast endlos. Dann fiel Roi Kleitman, dem Leiter von Bnei Avraham, auf, dass der Offizier an derselben Jeschiwa in Jerusalem studiert hatte wie er. Sie begannen, sich an ihre gemeinsame Zeit dort zu erinnern, und der Offizier hob wie durch ein Wunder den Befehl auf. Die vier Aktivisten liefen die 30 Meter zu ihrem palästinensischen Freund und umarmten ihn. Er bat mich, seinen Namen nicht preiszugeben. Sie verbrachten ein paar Minuten mit ihm und setzten ihren Weg fort. Ihr nächster Halt war Tarqumija, eine palästinensische Stadt in Gebiet A. Dort stand Idit mitten auf einem belebten Platz und verteilte Herzchen an kleine Kinder. Als jemand, der seit einem Jahr zweimal pro Woche durch das Westjordanland reist, um einen Dokumentarfilm zu drehen, fühlte sogar ich mich unwohl, mitten in Tarqumija in Gebiet A zu stehen – an einem Ort, an dem wir eigentlich nicht sein sollten. Aber die Kinder liebten sie. Autos hielten an und hupten fröhlich. Palästinensische Kinder posierten mit ihr für Fotos. Und eine halbe Stunde lang, an der belebten Kreuzung, wurde Idit die Polizistin, zu einer Attraktion, die Israelis und Palästinenser ein wenig näher zusammenbrachte. Eine winzige Geste der Nähe. Sicherlich ein ganz kleiner Schritt, aber dennoch ein Schritt – vielleicht hin zu einer Form des gemeinsamen Lebens in einer sehr fernen Zukunft und, in der näheren Zukunft, hin zur Wiederherstellung eines Masses an Würde und des Rechts auf ein freies Leben für Palästinenser im Westjordanland, im Gazastreifen und, ja, auch innerhalb des Staates Israel selbst.
Ziviles Engagement
04. Sep 2026
Das andere Israel
Ari Folman