Mit dem Zählen ist es im Judentum so eine Sache. Wenn man beispielsweise zum Gebet einen Minjan, ein halachisches Quorum bestehend aus zehn erwachsenen Männern, zusammenzählt, so sollte man nicht auf die Individuen zeigen und sie einzeln anhand von Zahlen aufzählen. Stattdessen wird ein Bibelvers verwendet, der zehn Wörter umfasst. Oft wird dabei der hebräische Wortlaut des Psalmenverses 28:9, der aus zehn Wörtern besteht und mit «hoschia et amecha» («rette dein Volk») beginnt, verwendet. Andere haben den Brauch, den Segensspruch für Brot, bekannt als «hamotzi», für das Zählen zu benutzen, der auch aus genau zehn Wörtern besteht. Einmal sah ich sogar, wie ein Witzbold die zehn Männer anhand der zehn Plagen aufzählte. Jedenfalls besteht eine traditionelle jüdische Hemmung, Menschen anhand von Zahlen zu zählen. Dies geht sogar so weit, dass manche Juden bei der Frage, wie viele Kinder sie haben, ins Stottern geraten. Was hat es mit dieser inneren jüdischen Zählungsblockade auf sich?
Diese Widerwilligkeit zu zählen, wurzelt wohl in der Zählung des halben Schekels: «Wenn du die Zahl der Kinder Israel ermittelst, so soll ein jeder dem Ewigen ein Lösegeld für seine Seele geben, wenn man sie zählt; damit ihnen nicht eine Plage widerfahre, wenn sie gezählt werden» (2. B.M. 30:12). Raschi erklärt hierzu: «Wenn du die Summe ihrer Zahl aufnehmen willst, um zu wissen, wie viele sie sind, so zähle sie nicht nach Köpfen, sondern jeder Einzelne gebe einen halben Schekel und zähle die Schekel, um ihre Zahl zu wissen.» Das «indirekte» Zählen durch Münzen, welche wiederum Menschen substituieren, ist also erlaubt. Aber welche Gefahr bestünde denn bei einem direkten Zählen? Raschi erläutert: «Damit kein Sterben unter ihnen entstehe; denn auf die Zahl hat der böse Blick Einfluss, und die Pest könnte über sie kommen.» Raschi bezieht sich hier also auf das mystische Konzept von «ajin hara» («des bösen Blicks»). Die Angst vor dem bösen Blick beschränkt sich nicht auf das Judentum. In vielen antiken Kulturen ist dieses Konzept vorhanden und wird je nach Tradition verschieden gehandhabt. Über die islamische Kultur sickerte beispielsweise die «Hamsa», das schützende Handsymbol, in das orientalisch-jüdische Brauchtum. Aschkenasische Juden beschränken sich derweil auf die Redewendung «kein ajin hore» («ohne bösen Blick»), wenn sie über jemand Gutes erzählen, damit ihm ja nichts Böses widerfahre.
Der oben zitierte Kommentar von Raschi bezieht sich auf eine Begebenheit, die sich am Ende des Bibelbuches Samuel abspielt, als König David sich entschliesst, sein Volk zu zählen: «Und der König sprach zu Joav, seinem Feldhauptmann, der bei ihm war: ‹Durchziehe doch alle Stämme Israels, von Dan bis Beersheva, und mustere das Volk, damit ich ihre Zahl erfahre!› Joav sprach zum König: ‹(...) aber warum verlangt mein Herr und König so etwas?› Doch des Königs Wort blieb fest (…); so zogen Joav und die Heerführer vor dem König aus, um das Volk Israel zu zählen» (2 Sam 24:2–4). Trotz des Zögerns von Joav und der Heerführer lässt sich König David nicht beirren. Er will die genaue Zahl seines Volkes wissen. Nachdem ihm jedoch Joav die genauen Daten übermittelt, überkommt David plötzlich eine tiefe Reue: «Aber nachdem David das Volk hatte zählen lassen, schlug ihm das Herz. Und David sprach zum Ewigen: ‹Ich habe mich schwer versündigt mit dem, was ich getan habe! Nun aber, o Gott, vergib doch die Missetat deines Knechtes; denn ich habe sehr töricht gehandelt!›» (24:10). Die Strafe Gottes für Davids Missetat lässt nicht lange auf sich warten: «Und Gott liess die Pest über Israel ausbrechen, vom Morgen an bis zur bestimmten Zeit, und von dem Volk, von Dan bis Beersheva, starben 70 000 Mann» (24:15).
Nachdem wir nun deutlich verstehen, wie gefährlich gemäss der Heiligen Schrift eine «direkte Volkszählung» ist, überrascht es umso mehr, dass Gott zu Beginn unseres Wochenabschnitts genau eine solche Musterung zu gebieten scheint: «Ermittelt die Zahl der ganzen Gemeinde der Kinder Israel, nach ihren Geschlechtern und ihren Vaterhäusern, nach der Zahl der Namen (...)» (4. B.M. 1:2). Noch mehr überrascht die Tatsache, dass Raschi in dieser Forderung Gottes einen Ausdruck der Liebe erkennt: «Weil sie von ihm geliebt sind, zählt er sie.» Als Gleichnis stelle man sich ein Kind vor, welches mit Liebe sein erstes Taschengeld zählt – noch einmal und noch einmal.
Es besteht hier eine offensichtliche Diskrepanz zwischen dem Zählverbot im Judentum und den Volkszählungen im vierten Buch Mose, Bamidbar. Wie lässt sich diese erklären? Erstens gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen der von Gott angeordneten Zählung und jener von König David: Bei der Letzteren war die Hauptmotivation nicht rein, sie rührte wahrscheinlich vom Stolz. Mosche jedoch zählt in der Wüste das Volk im Auftrag Gottes für die Ordnung des Lagers, in dessen Zentrum sich die heilige Lade befand, und als Ausdruck göttlicher Liebe. Hier geht es um höhere Ziele als um die Feststellung der Zahl selbst.
Zweitens ist ein weiterer Unterschied zwischen dem Buche Bamidbar und dem Buche Samuel ersichtlich: Das einfache und direkte «Zählen» eines Menschen ist verpönt. Den Menschen zu einer blossen statistischen Nummer zu degradieren, reduziert seine von Gott bestimmte Bedeutung. Ein Mensch ist ein Individuum mit unendlichem Wert. Er ist viel mehr als eine Zahl. Deshalb betont Gott in seinem Musterungsbefehl in unserer Sidra, dass die Gemeinde Israels anhand ihrer «Namen» gezählt werden soll. Jedes Individuum, jeder Stamm hat seinen Namen, seine besondere Identität. Vielleicht wirft diese Botschaft weiteres Licht auf den jüdischen Brauch, Menschen nicht direkt zu zählen und so zu einer «Zahl» herabzustufen.
Insofern bricht das Buch Bamidbar das Zählverbot nicht, vielmehr definiert es die Bedingungen, unter denen eine Zählung erlaubt ist: Sie soll einem erhabenen Zwecke dienen und die Würde des Einzelnen bewahren.
Sidra Bamidbar
15. Mai 2026
Zwischen Zählverbot und Zählgebot
Emanuel Cohn