standpunkt 21. Aug 2026

Reden statt Schweigen

Der Antisemitismus versteckt sich nicht mehr und zeigt sich in all unseren Lebensbereichen. Seit langer Zeit ist es die Strategie vieler in der jüdischen Gemeinschaft, sich bei der Bekämpfung dieses Phänomens auf etablierte Institutionen zu verlassen und selbst nicht aktiv zu werden. Die institutionelle Antwort auf den wachsenden Antisemitismus allerdings reicht nicht. Die Institutionen zählen, mahnen, beraten, vernetzen und intervenieren. Sie tun das meist kompetent und mit zu wenig Mitteln. Nur hat sich unterdessen etwas verschoben, das sich mit Berichten und Stellungnahmen allein nicht aufhalten lässt.

Das Sagbare hat sich in den letzten Jahren verschoben. Israel das Existenzrecht abzusprechen, erlebt ein Mainstreaming. Fundamentale und extreme Haltungen zum 2800 Kilometer entfernten Kleinstaat bestimmen seit dem 7. Oktober 2023 das politische und gesellschaftliche Tagesgeschäft in der Schweiz. In weiten linken und in einzelnen rechten Kreisen gilt Zionismus als anrüchig, als Makel, teilweise als kategorisch abzulehnen. Wer das Wort für sich beansprucht, hat sich zu erklären.

Israel wird dämonisiert, Israelis werden isoliert. Und damit jüdische Menschen. Das läuft selten über eine ausgesprochene Absicht. Es läuft über die ausbleibende Einladung, über das Podium, das plötzlich unmöglich wird, über die Frage nach der Distanzierung, die anderen nicht gestellt wird. Für uns Juden und Jüdinnen ist diese Isolierung fatal. Sie ist aber nicht zwingend. Bereits nach dem Sechstagekrieg gab es eine massive Dämonisierung Israels. Sie führte aber nicht dazu, dass jüdische Menschen langfristig aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen wurden.

Israel ist nicht aus dem Nichts entstanden. Es ist eine Rückkehr nach einer langen Zeit, in der Mehrheitsgesellschaften in der Diaspora Jüdinnen und Juden vertrieben, enteignet und ermordet haben. Diesen Zusammenhang kann man politisch unterschiedlich bewerten. Ausblenden kann man ihn nicht. Für viele jüdische Menschen ist Israel bis heute ein Reduit. Manchmal faktisch, häufiger mental. Es ist der Ort, an den man gehen könnte, falls es nötig würde. Zugleich durchlebt das Land Entwicklungen, die den meisten starke Sorgen bereiten. Dazu kommt das Naheliegende. Sehr viele von uns haben eine Beziehung zu Israel: Verwandte, Freundinnen und Freunde, eigene Wurzeln, manchmal ganze Abschnitte der eigenen Biografie. Der anhaltende Krieg sowie die intensiven Grabenkämpfe um Sicherheit, Staatsform und Territorium schaffen neue Ambiguitäten.

Eine Abkehr von diesem Reduit schafft jedoch keine besseren Voraussetzungen, um Antisemitismus zu bekämpfen. Im Gegenteil. Die jüdische Gemeinschaft hat ein handfestes Interesse daran, etwas gegen die Dämonisierung Israels zu unternehmen. Die Mittel dazu sind unspektakulär und stehen praktisch allen offen. Ob man religiös oder säkular lebt, links oder rechts wählt, konservativ oder liberal denkt, halachisch jüdisch ist oder nicht, ist zweitrangig. Ebenso zweitrangig ist, ob die anderen Jüdinnen und Juden einverstanden sind. Sie werden es nie sein. Das ist kein Mangel, sondern der Normalzustand einer lebendigen Gemeinschaft. Einigkeit ist keine Voraussetzung für Engagement. Das zeigen die Menschen, die sich bereits seit Jahrzehnten leidenschaftlich für das jüdische Leben in der Schweiz einsetzen. Viele mehr müssen sich ihnen anschliessen und sich erstens für Komplexität sensibilisieren: Israel liegt in einer Region, in der es von Gegnern umgeben ist. Es befindet sich in seinem bisher längsten Krieg. Israel entwickelt sich nicht linear und konnte in unwahrscheinlichen Momenten mit unerwarteten Gegnern Frieden schliessen.

Die schärfste Opposition gegen seine Regierung findet im Land selbst statt, Woche für Woche, in den Institutionen, auf der Strasse und vor Gericht. Wer das erzählt, immunisiert Israel nicht gegen Kritik. Kritik an der israelischen Regierung ist nötig, legitim, und sie wird nirgends lauter geübt als in Israel. Es geht um etwas anderes, nämlich darum, nicht auf Vereinfachungen hereinzufallen, die ihre Wucht aus antisemitischen Mustern beziehen. All dies steht in keinem Widerspruch dazu, das Leid der palästinensischen Zivilbevölkerung und anderer Kriegsbetroffener anzuerkennen. Dazu müssen wir zuerst selbst lernen, mit diesen Ambiguitäten umzugehen.

Zweitens etwas für Israel tun: Für die Politik einer Regierung, die wir nicht wählen, sind wir nicht verantwortlich. Die Zumutung, uns dafür zu rechtfertigen, weisen wir zurück. Einflusslos sind wir deswegen aber nicht. Israel ist kein fertiges Land. Es wird laufend gemacht, auch von aussen, und die Diaspora hatte daran immer einen Anteil. Wer israelische Menschenrechtsorganisationen oder Bildungsprojekte unterstützt, trägt dazu bei. Wer die Sicherheit, Gemeinden, Schulen, Kliniken oder Sozialwerke in Israel unterstützt, ebenso.

Drittens jüdisches Leben stärken: Wir müssen jüdisches Leben und jüdische Kultur in der Schweiz stärken – auch dort, wo es unbequem wird, also auch im Zusammenhang mit Zionismus und Israel. Eine reine Abwehrschlacht gegen Antisemitismus verlieren wir. Wer etwas verteidigen will, muss etwas haben, das der Verteidigung wert ist. Und dieser Wert entsteht nicht von selbst. Junge Menschen bleiben nicht bei etwas, das sich vorwiegend über Bedrohung definiert. Sie bleiben, wenn es etwas gibt, das sie anzieht: Gemeindeanlässe, Konzerte, Filme, Vorträge, Küche, Musik, Streit über all das. Eine Gemeinschaft, die in der Öffentlichkeit fast nur noch als Sicherheitsfrage vorkommt, verliert ihre nächste Generation.

Sich viertens für die Inklusion jüdischer und israelischer Personen in Kultur, Bildung und Gesellschaft einsetzen. Das ist selten heroisch. Es heisst nachfragen, wenn eine israelische Künstlerin ausgeladen wird. Es heisst intervenieren, wenn an einer Hochschule Studierende allein gelassen werden. Es heisst, bei Fördergesuchen, Programmen und Gremien präsent zu sein, bevor entschieden ist. Es heisst auch, in den entscheidenden Organisationen überhaupt aktiv zu sein; Begegnung zu organisieren, Bündnisse zu pflegen, Präsenz in den sozialen Netzwerken und in den Medien, nicht nur den jüdischen, zu markieren. Wer ausschliesslich intern spricht, wird ausschliesslich intern gehört.

Institutionen können dokumentieren, informieren, organisieren und intervenieren. Empathie können sie nicht herstellen. Empathie hat man mit Menschen, nicht mit Organisationen. Dafür braucht es mehr Sichtbarkeit jüdischer Menschen. Die aktuelle Lage setzt viel Courage voraus, sich zu exponieren, öffentlich zu äussern und für die Sache einzusetzen, auch wenn Reaktionen folgen. Diese Courage ist nötig und sie lohnt sich.

Nach dem 7. Oktober haben viele reklamiert, welche nicht jüdischen Menschen und Organisationen geschwiegen hätten. Heute ist es die jüdische Gemeinschaft selbst, die zu still ist. Bei allen Spannungen und Meinungsverschiedenheiten in der jüdischen Gesellschaft bleibt eine Tatsache: Wir sind eine Gemeinschaft, und Antisemitismus betrifft uns alle. Unsere Konflikte, insbesondere über unsere individuellen Beziehungen zum Staat Israel, sind kein Antagonismus, sie sind ein Agonismus. Stehen wir dazu und stärken wir das jüdische Leben in der Schweiz. Dafür braucht es uns alle.

Philip Bessermann ist Geschäftsleiter der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus.

Philip Bessermann