standpunkt 12. Jun 2026

Ohne Plan gegen Judenhass

Im Nachgang zur Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) kritisiert tachles die unentschlossene Haltung des Verbands gegenüber Israel (vgl. tachles 24/2026). Ich gehe mit der Kritik einig, dass sich der SIG vor allem durch viel Unentschlossenheit hervortut. Hingegen ist es meines Erachtens nicht Aufgabe des SIG, als schweizerischer Verein die Politik des Staates Israel öffentlich zu kommentieren, zu rechtfertigen oder mit Resolutionen von Bern, Basel oder Zürich aus dem moralischen Zeigefinger zu erheben. Da wir als Diaspora-Juden ohne israelischen Pass keine Form der politischen Mitbestimmung in Israel haben, sind solche Debatten und Resolutionen wirkungslos und letztlich verpuffte Energie für gar nichts.

Was der unentschlossene SIG hingegen zu wenig tut: klar Stellung beziehen zu den Gerüchten, Legenden und Projektionen über den jüdischen Staat, die seit Jahrzehnten auch den Hass gegen uns Juden und Jüdinnen in der Schweiz schüren. Diese Gerüchte sind älter als der aktuelle Krieg. Sie sind älter als Netanyahu. Sie sind als «Gerüchte über die Juden» (Adorno) teilweise auch älter als der Staat Israel selbst.

Antizionismus ist der Judenhass der postkolonialen Linken und Islamisten – mit Wurzeln im Nationalsozialismus. Das Nazi-Blatt «Der Stürmer» schrieb bereits 1936, zur Zeit des arabischen Aufstands in Palästina, erstmals von einem «Völkermord». Hitler unterstützte die Führung des Aufstands. Unter der Flagge des Antikolonialismus stiess das antizionistische Gerücht über die Juden und den jüdischen Staat auch nach 1948 im globalen Süden und in der UNO auf fruchtbaren Boden.

Gewisse Gruppen bewirtschaften mit dem Antizionismus etwa das Gerücht über Israel als «Unterdrückerstaat», manche berufen sich gar auf die «Protokolle der Weisen von Zion», andere propagieren an Universitäten die Vernichtung Israels als «Widerstand» und Erlösung für angeblich oder real unterdrückte Menschen in Palästina. Hier geht es nicht um Kritik am Judenstaat. Hier geht es um dessen Auslöschung. Und implizit um die Haltung, Jüdinnen und Juden hätten kein Recht auf Selbstbestimmung. Nirgends.

Das ist keine Meinung. Das ist eine Drohung, die seit bald 1000 Tagen den öffentlichen Raum in grösseren Schweizer Städten dominiert und sich in Städten wie Genf und Bern auch schon mit «Apartheid Free Zones» etabliert hat. Seit dem 7. Oktober 2023 ist Unsagbares wieder sagbar geworden bis weit in die Mitte der Schweizer Gesellschaft. Die öffentliche Hand toleriert diese teils impliziten, teils expliziten Mordaufrufe gegen Juden als Meinungsfreiheit. Wer sich öffentlich dagegen stellt, muss mit Gewalt oder Boykott und Ausschluss rechnen. Allein in der Kulturstadt Bern sind Dutzende Beispiele dokumentiert.

Es ist bereits ein Skandal, dass die linksgrün dominierten Städte diese Romantisierung des Terrors dulden und gar antizionistisch agierende, PFLP-nahe Kulturbetriebe mit öffentlichen Geldern unterstützen. Es ist aber ebenso ein Skandal, wenn der SIG diese intolerable Toleranz des Totalitären abnickt. In seinem letzten Antisemitismus-Bericht für 2025 hat er «aus definitorischen Gründen» solche Vorfälle weitgehend ignoriert. Das heisst: Weil es da irgendwie um Israel geht, der Verband aber irgendwie dazu verschiedene Meinungen hat und er ja irgendwie auch nichts zu Israel sagen soll, bleibt die ganze israelbezogene Judenhetze im öffentlichen Raum mit dem Schweigen des SIG salonfähig. Ein fatales Zeichen.

Antizionismus hat mit der israelischen Realpolitik etwa gleich viele Berührungspunkte wie die «Protokolle der Weisen von Zion» und der rassistisch motivierte Antisemitismus mit dem realen Judentum: Man findet immer irgendein Beispiel, das gerade ins Narrativ passt, doch das Ganze bleibt eine von Hass und Ausgrenzung motivierte Ideologie, die zur Radikalisierung führen und zur Gefahr für die öffentliche Sicherheit werden kann. Mitten in Zürich, Basel, Bern, Lausanne oder Genf.

Hier gilt es für den jüdischen Dachverband – und auf lokaler Ebene auch für die jüdischen Gemeinden – klare Kante zu zeigen. Zum ureigenen Schutz. Und als frühe Warner für die öffentliche Hand: Städte und Kantone, Universitäten und Schulen, Kirchen und Parteien müssen verstehen, dass dieses sich rasch verbreitende Gift des Antizionismus heute ebenso eine Gefahr für die Demokratie darstellt wie der rassistisch motivierte Judenhass vor 100 Jahren.

Hannah Einhaus ist Journalistin und berichtet für tachles aus Bern.

Hannah Einhaus