zur lage in israel 01. Apr 2026

Mit der Bombe von der Stange

Ein entscheidender Faktor, der den Iran davon abhielt, die Schwelle zur Atomwaffenfähigkeit zu überschreiten, war offenbar die religiöse Fatwa von Ali Khamenei, die dies verbot. Nach seiner Ermordung lässt sich bereits abschätzen, dass das iranische Regime überleben wird. Die Hindernisse für das Streben nach nuklearer Fähigkeit werden wahrscheinlich verschwinden und das Regime wird wahrscheinlich versuchen, Atomwaffen von aussen zu beschaffen.

Zahlreiche Thriller drehen sich um den Nuklearterror, und in einigen davon spielt Israel eine bedeutende Rolle. In ihrem Roman «Der fünfte Reiter» stellten sich Larry Collins und Dominique Lapierre vor, wie der ehemalige libysche Diktator Muammar Gaddafi eine Bombe nach New York schmuggelt und im Gegenzug für die Abwendung der Zerstörung der Stadt den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten fordert. In Tom Clancys Roman «The Sum of All Fears» dreht sich die Handlung um eine israelische Atombombe, die während des Jom-Kippur-Kriegs 1973 verschwindet und in die Hände einer Terroristengruppe gelangt, die damit den Dritten Weltkrieg auslösen will.

Diese wilden Szenarien wurden mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion in den 1990er Jahren plötzlich realistischer. Die Kombination aus 35 000 Atomwaffen, über die die Aufsicht erheblich nachgelassen hatte, einer zusammenbrechenden Wirtschaft sowie Armeeangehörigen und Wissenschaftlern, die ohne Gehalt dastanden, schuf einen Albtraum – Atomwaffen, die ohne stabile Aufsicht zurückgelassen worden waren, was die Möglichkeit schuf, dass eine solche Waffe in die Hände einer terroristischen Organisation oder einer fanatischen Regierung gelangen könnte.

Erst eine gewaltige diplomatische Initiative unter der Führung der beiden US-Senatoren Samuel Nunn und Richard Lugar führte dazu, dass all diese Waffen in Russland gesammelt und unter strengere Aufsicht gestellt wurden. Dadurch wurde das Risiko verringert, dass sie in die Hände von Kriminellen gelangen. Es lohnt sich, an diese und ähnliche Szenarien zu erinnern, wenn wir über die möglichen Folgen des Krieges mit dem Iran nachdenken, der sich gerade auf seinem Höhepunkt befindet. Das iranische Atomprogramm – das durch das Atomabkommen von 2015 gestoppt, aber wieder aufgenommen wurde, als US-Präsident Donald Trump 2018 einseitig aus dem Abkommen austrat – brachte das Regime der Ayatollahs fast in die Lage, eine Bombe zu besitzen. Ein entscheidender Faktor, der das Überschreiten dieser nuklearen Schwelle verhinderte, scheint die religiöse Fatwa des iranischen Obersten Führers Ali Khamenei gewesen zu sein, die die Entwicklung von Atomwaffen verbot.

Khameneis Ermordung zu Beginn des aktuellen Krieges führte dazu, dass diese Fatwa hinfällig wurde. Ausserdem hat dies eine historische Auseinandersetzung zwischen Israel und dem schiitischen Islam ausgelöst, deren Ende nicht absehbar ist. Der schiitische Islam betrachtet Khamenei als Märtyrer, dessen Tod aus Gründen der historischen Gerechtigkeit gerächt werden muss. Es ist noch zu früh, um die Folgen abzuschätzen, und einige werden vermutlich erst in einigen Jahren deutlich werden. Doch lassen sich bereits drei grundlegende Annahmen treffen, die für die Zukunft wichtig sind.

Die erste ist, dass das iranische Regime entgegen früheren Erwartungen durchaus überleben könnte. Und wenn dem so ist, müssen wir damit rechnen, dass der Krieg den radikalen Flügel des Regimes stärken und die Rache für die Ermordung ihres Führers sowie die Demütigung des Iran zu einem zentralen Antrieb für ihr Handeln in den kommenden Jahren machen wird.

Zweitens werden vermutlich alle Hindernisse verschwinden, die den Iran bisher davon abgehalten haben, eine Atomwaffenfähigkeit zu erlangen. Die klare Lehre aus den Ereignissen der letzten Wochen ist die von Nordkorea: Wer über Atomwaffen verfügt, mit dem legt sich niemand an. Folglich wird der Schwerpunkt des Regimes, sollte es an der Macht bleiben, auf dem Erreichen einer solchen Kapazität liegen.

Dennoch werden die Zerstörung der iranischen Nuklearanlagen im letzten Jahr, die enge Überwachung durch Geheimdienste, die eine beeindruckende Durchdringung des Landes bewiesen haben, sowie die Bereitschaft der USA und Israels, notfalls Gewalt anzuwenden, es dem Regime vermutlich erschweren, sein Atomprogramm wieder aufzunehmen.

Daraus ergibt sich die dritte Annahme: Die Kombination aus dem Bedarf an einer nuklearen Absicherung und der Blockade seines eigenen Atomprogramms könnte den Iran durchaus dazu veranlassen, zu versuchen, eine fertige Atombombe zu erwerben. Dieses Szenario, das in der Vergangenheit eher in Thrillern und Hollywoodfilmen zu Hause schien, ist heute realistischer geworden – nicht nur wegen der gestiegenen Motivation des Iran, eine Bombe zu erwerben, sondern auch, weil seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine im Jahr 2022 das globale Tabu, das die Verbreitung und den Einsatz von Atomwaffen verhindert hat, geschwächt wurde.

Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Ukraine nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion über einen Bestand an sowjetischen Atomwaffen verfügte, diese jedoch im Rahmen der internationalen Bemühungen, zu verhindern, dass sie in die Hände unverantwortlicher Akteure gelangen, an Russland übergab. Im Gegenzug erhielt sie Sicherheitsgarantien, deren zweifelhafter Wert offensichtlich wurde, als der russische Präsident Wladimir Putin vor vier Jahren einen Krieg gegen sie begann.

Viele Länder haben ihre Lektion gelernt. Und die Skepsis gegenüber dem Wert internationaler Sicherheitsgarantien hat während Trumps zweiter Amtszeit stark zugenommen, angesichts seiner konsequenten Politik, Amerikas traditionelle Sicherheitsverpflichtungen aufzugeben, auf denen die Weltordnung seit 1945 beruhte. Infolgedessen haben mehrere Länder, darunter Japan und Deutschland, die bis vor wenigen Jahren nicht einmal über nukleare Waffen diskutierten, begonnen, diese Debatte zu führen. Saudi-Arabien, das den Aufbau einer zivilen nuklearen Infrastruktur anstrebt und darauf besteht, Urananreicherungskapazitäten auf eigenem Boden zu errichten – trotz der Gerüchte über mögliche Zugänge zu Atomwaffen durch die Zusammenarbeit mit Pakistan –, ist für Israel von besonderem Interesse. Es ist absehbar, dass eine Verwirklichung des saudischen Atomprojekts die nukleare Nichtverbreitung untergraben und Länder wie Ägypten und die Türkei dazu veranlassen könnte, diesem Beispiel zu folgen.

Gleichzeitig laufen Abkommen zur Begrenzung der nuklearen Proliferation aus. Das letzte Abkommen zur Begrenzung des Wettrüstens der Supermächte lief im Februar aus, und Russland, China und Amerika bemühen sich nun alle, ihre nuklearen Fähigkeiten auszubauen und zu verbessern. Trump und Putin haben zudem gezeigt, dass sie viel schneller als in der Vergangenheit dazu bereit sind, mit dem Einsatz von Atomwaffen zu drohen. Auch das hat Konsequenzen. Die Schwächung des Kontrollregimes, der mögliche Beginn eines regionalen nuklearen Wettrüstens, die Beschleunigung des Wettrüstens der Supermächte und die Aufstockung der Atomwaffenarsenale der Länder dürften es einfacher machen, an solche Waffen zu gelangen. Diese neue Realität, verbunden mit dem Bedürfnis Irans nach einer nuklearen Absicherung und einem Rachewunsch, der durch die Ermordung Khameneis noch verstärkt wurde, stellt eine grosse Bedrohung für Israel dar. Die israelischen Geheimdienste müssen diese Bedrohung ganz oben auf ihre Agenda setzen.

Uri Bar-Joseph ist emeritierter Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Haifa. Sein neuestes Buch trägt den Titel «Beyond the Iron Wall: What Is Missing in Israel’s Security Doctrine».

Uri Bar-Joseph