«Welt, man hat die kleinen Kinder wie Schmetterlinge, flügelschlagend in die Flamme geworfen.»
Nelly Sachs
Der Herbst kommt. Schon wieder, und wer sich daran freut, ist kaum zu verstehen, und wer sich freut, noch zu leben, und den Herbst nicht mag, der verdient ein Gedicht.
Ein Gedicht
Es ist ein Sonntag im September, der Tee ist kalt, wir trinken nicht. Du räusperst dich und fragst sehr heiser: Von wo kommt nur das blaue Licht?
Der Durst ist nicht mit Tee zu stillen, wir sitzen fern, dazwischen leer. Da könnte man nicht drüber schwimmen, wir sind uns keine Insel mehr.
20 Jahre wie vergessen, geschmolzen jetzt an diesem Tag im stummen Starren in die Tassen, du sagst, du weisst, dass ich dich mag.
Ich weiss, ich habe dich auch sehr gerne, nur langt es nicht, es reicht nicht aus, um einfach deine Hand zu halten. Mach, wenn du gehst, das Licht nicht aus.
Der blaue Abend im September, das Licht durch diesen Baum am Haus. Da nahmst du diesen grauen Koffer. Da zogst du aus dem Leben aus.
Der blaue Abend im September, vielleicht war da noch etwas Licht. Die Welt war still und sie sagte leise: Vergiss nur deine Jacke nicht.
Wir haben stundenlang geredet, an diesem Tisch an jener Wand, dem Tisch, den ich auf einem Speicher, in Frankreich in den Ferien fand.
Du hast gesagt, dass du mir fern bist und deine Finger zuckten dann. Ich habe gesagt das ich dich gern hab, doch das mir das lang nicht mehr langt.
Dann tropfte draussen nicht mal Regen und drinnen stand die Welt sehr still. Du sagst: Ich pack dann mal zusammen, ich brauch ja erst mal nicht so viel.
Der Tee ist kalt, du gehst nach oben, die Treppe stöhnt, ach dein Gewicht. Ich sitz am Tisch und ich sag leise: Vergiss nur deine Jacke nicht.
Der blaue Abend im September, das Licht durch diesen Baum am Haus. Da nahmst du diesen grauen Koffer. Da zogst du aus dem Leben aus.
Der blaue Abend im September, vielleicht war da noch etwas Licht. Die Welt war still und sie sagte leise: Vergiss nur deine Jacke nicht.
Das Foto an der Wand da drüben, da lachen wir noch Hand in Hand. Da hat es wirklich unsre Liebe, nun weggespült, wie jenen Sand.
Nach 1000 Mal zusammen schlafen, nach Grippe und nach Streitereien, da ist die Liebe wohl verschwunden, was wippst du so mit deinem Bein.
Du sagst: Dann werde ich also gehen. Ich sag, mach’s gut, dann bist du weg. Ich starre dann noch Stunden später, auf diesen, von dir leeren, Fleck. Und wasch die Tassen, spül die Teller, ich creme mich, der Schrank ist leer.
Da steh ich nun die nächsten Jahre, bewegen kann ich mich nicht mehr.
Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.
die literarische Kolumne
09. Okt 2026
Ein Gedicht
Sibylle Berg