die literarische Kolumne 21. Aug 2026

Die Sonnenbrille abnehmen

«Alles beginnt mit Sehnsucht.»
Nelly Sachs


Die Sehnsucht beginnt, wenn ein kleiner Mensch sich im Spiegel erkennt. Davor ist er Gemüse, wenn auch niedlich. Wenn es eine normale Kindheit ist, mit lieben Eltern, sehnt sich das Kind danach, gross zu werden, lange aufzubleiben, nach Kuchen und dauerndem Urlaub im Zelt. Ist die Lotterie der Geburt ungünstig ausgefallen, sehnt sich das Kind nach allem, was normal scheint: Eltern, die freundlich sind und immer da, einer sauberen Wohnung, einem Pferd, einem Spielzeug, immer Sommer. Ich berichte von dem, was ich kenne. Von Europa, denn ich habe keine Ahnung von Menschen auf anderen Kontinenten. Ich kann sie nur theoretisch mitdenken, denn das muss ja heute sein. Das Elend eines europäischen Menschen wiegt immer weniger als ein Elend, was anderswo stattfindet. Die Sehnsucht geht weiter, begleitet uns ein Leben lang, und kaum eines sehnt sich nach Weltfrieden oder dem Absturz aller Starlink-Raketen. Man sehnt sich nach besserem Wetter, einem Auto, Urlaub, einer Wohnung, Reichtum, einem Chef, der ein juckendes Ekzem hat, einem Kind, einem Partner, einer Liebe, einem Garten und Gesundheit. Theoretisch. Denn kein Gesunder kann sich vorstellen, wie es ist, mit einer Krankheit zu sein. Man sieht sie auch nicht, die Kranken, Beeinträchtigten. Sie treiben auf Inseln, zu Hause, in Rehas, in Spitälern, in Pflegeheimen. Sie sehen, wie das Leben an ihnen vorbeirennt und niemand sie wahrnimmt. Gar keiner. Das ist doch erstaunlich, wie unmenschlich unsere Zeit ist, bei einer gleichzeitig immer sensibleren, umarmenden Sprache, um die gestritten wird. Es gibt kaum Platz für Menschen, die nicht sehen können, nicht laufen können, die langsam sind und voller Schmerzen. Menschen, die alt sind. Sie finden in unseren Innenstädten nicht statt. Man möchte sich wohl an ihrem Handicap nicht anstecken, nicht sehen, was passieren kann, oder was unweigerlich passieren wird. Und das ist doch der grösste Verlust in unserer Zeit der Verluste. Heute, wo alles durchgetaktet scheint, die Wohnungen blöde Glasbalkons haben, die Plätze und Strassen versiegelt, der Urlaub reglementiert, der Kapitalismus vorgibt, was wir essen und tragen und denken, und kaum Orte der Langeweile, der Langsamkeit oder des Mitgefühls da sind.

Um es zu empfinden, müsste man wieder lernen, was das ist, sich in andere zu versetzen, und dazu müsste man die Sonnenbrille abnehmen, das Smartphone weglegen, die Noise-Cancelling-Ohrstöpsel wegschmeissen, um zu begreifen, dass es Menschen ausser einem selbst gibt, die einem ähneln, denn die meisten haben doch so eine grosse Sehnsucht nach einer Heimat in der Gesellschaft. Nach Gesprächen sehnen sie sich, nach warmen Worten und Gesten, und auch wenn ich nicht glaube, dass sich unter den Lesern und Leserinnen hier viele Menschen mit Handysucht und Ohrhörern befinden, versuchen Sie es: Sehen Sie die Menschen an, lächeln Sie sie an und machen Sie Komplimente. Erzählen Sie mir dann gerne, wie es Ihnen damit ging.

Sibylle Berg ist deutsch-schweizerische Schriftstellerin und Dramatikerin. Sie lebt in Zürich.

Sibylle Berg