zur lage in israel 16. Okt 2026

7. Oktober vs. Netanyahu

Zwei Wochen vor der israelischen Wahl erheben frühere Vertraute schwere Vorwürfe gegen Binyamin Netanyahu. Es geht um ignorierte Warnungen, angeblich manipulierte Protokolle und politische Eingriffe in die Geiselverhandlungen. Eine unabhängige Untersuchung bleibt aus.

Kurz vor der Wahl am 27. Oktober beschäftigt Israel eine aussergewöhnliche Konfrontation zwischen Ministerpräsident Binyamin Netanyahu und früheren engen Mitarbeitern. Im Zentrum steht die Frage, was Netanyahu vor dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 wusste, wie er darauf reagierte und ob sein Büro anschliessend versuchte, die dokumentierten Abläufe umzuschreiben.

Auslöser war ein Fernsehinterview mit Generalmajor der Reserve Avi Gil, Netanyahus damaligem Militärsekretär. Gil hatte drei Jahre weitgehend geschwiegen, weil er seine Erkenntnisse einer staatlichen Untersuchungskommission vorlegen wollte. Weil Netanyahu deren Einsetzung blockiert, ging er nun an die Öffentlichkeit.

Seine Vorwürfe reichen über die bekannten Versäumnisse von Geheimdiensten und Militär hinaus. Gil beschuldigt Netanyahus Büro, ein offizielles Protokoll vom Morgen des Angriffs manipuliert haben zu wollen. Er widerspricht der Darstellung des Regierungschefs zu frühen Warnungen und bestätigt, dass dieser Empfehlungen für präventive Militäroperationen gegen die Hamas zurückgewiesen habe.

Gils Aussagen stellen ein 55-seitiges Dokument infrage, das Netanyahu im Februar dem staatlichen Rechnungskontrolleur vorlegte. Darin präsentiert sich der Ministerpräsident als Befürworter eines härteren Vorgehens gegen die Hamas, während Sicherheitsverantwortliche die Gefahr unterschätzt hätten.

Gil, der an den entscheidenden Beratungen teilnahm und seine Erfahrungen in 16 Notizbüchern festhielt, bezeichnet die Darstellung als unvollständig und irreführend. Sie enthalte Lügen und Halbwahrheiten. Eine Recherche von «Yediot Ahronot», die Netanyahus Darstellung mit ursprünglichen Beratungsprotokollen verglich, berichtete ebenfalls über erhebliche Auslassungen und Verzerrungen.

Besonders brisant ist Gils Vorwurf gegen Netanyahus damaligen Stabschef Tzachi Braverman. Dieser soll versucht haben, die protokollierte Uhrzeit eines Telefonats am 7. Oktober von 6.40 auf 6.29 Uhr vorzuverlegen. Das hätte den Eindruck erwecken können, Netanyahu habe bereits zu Beginn des Angriffs Anweisungen erteilt. Eine Stenografin habe ihn über die verlangte Änderung informiert, sagte Gil. Daraufhin habe er die Generalstaatsanwältin eingeschaltet.

Auch bei den Geiselverhandlungen hätten politische Erwägungen eine Rolle gespielt, erklärte Gil. Manche Geiseln hätten früher zurückkehren können. Koalitionspolitische Überlegungen hätten Entscheidungen beeinflusst, die ihre Gefangenschaft verlängerten.

Nitzan Alon, der frühere Leiter der staatlichen Bemühungen zur Geiselbefreiung, sagte ebenfalls, es sei möglich gewesen, «den Krieg ein Jahr früher zu beenden» und zahlreiche Geiseln zu retten, die später in Gefangenschaft starben.

Weitere Kritik kommt von Yoav Horowitz, einem früheren Stabschef Netanyahus und Generaldirektor seines Büros. Er sagte dem Radiosender Reshet Bet, er sei allmählich zur Erkenntnis gelangt, dass Netanyahus Entscheidungen vor allem dem persönlichen politischen Überleben dienten. «Zu viel Zeit an der Macht korrumpiert.»

Horowitz arbeitet inzwischen für den führenden Oppositionspolitiker Gadi Eisenkot und bereitet dessen erste 100 Regierungstage vor. Seine Kritik stammt damit von einem früheren Vertrauten, der zum aktiven politischen Gegner geworden ist.

Der ehemalige Schin-Bet-Chef Ronen Bar kündigte Ende September eine Verleumdungsklage gegen Netanyahu an. Er wirft ihm eine Kampagne falscher Anschuldigungen vor und verlangt die Offenlegung ursprünglicher Beratungsprotokolle, Warnungen und Mitteilungen.

Berichte über Warnungen aus Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten kurz vor dem Angriff verleihen diesen Forderungen zusätzliches Gewicht. Netanyahu bestreitet kategorisch, solche Warnungen erhalten zu haben. Auch Gils Vorwürfe weist er zurück; der Likud bezeichnet sie als politisch motivierte Propaganda.

Der Wunsch nach einer Untersuchung ist breit abgestützt: Im September 2025 befürworteten laut dem Israel Democracy Institute 74 Prozent der Israelis eine staatliche Untersuchungskommission, darunter 68 Prozent der jüdischen Befragten, die sich politisch rechts verorten.

Ohne eine solche Kommission führen Journalisten, frühere Amtsträger und Angehörige der Opfer ihre eigene öffentliche Untersuchung. Dokumente werden selektiv veröffentlicht, Erinnerungen widersprechen sich. Vorwürfe, die unter Eid und anhand vertraulicher Unterlagen geprüft werden könnten, werden zu Waffen im Wahlkampf. Israel geht damit unter dem Eindruck ungelöster Fragen und wachsender Wut an die Urnen.

Dan Perry ist ehemaliger Chefredakteur der «Associated Press» in Europa, Afrika und dem Nahen Osten, ehemaliger Vorsitzender der Foreign Press Association in Jerusalem.

Dan Perry