Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund will künftig mehr über positive Seiten jüdischen Lebens kommunizieren – Präsident Ralph Friedländer erklärt, was dies heisst und wo die Realität im Weg steht.
tachles: Herr Friedländer, der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) hat jahrelang Antisemitismus zum Hauptthema gemacht. An der Delegiertenversammlung in Basel im Juni kündigten Sie an, Strategie und Kommunikation zu ändern. Was heisst das konkret?
Ralph Friedländer: Wir wollen mehr Positives über jüdisches Leben und den Beitrag der jüdischen Bevölkerung zur Gesellschaft nach aussen tragen, mit konkreten Beispielen. Wir klären nun ab, was wir wie und mit welchen Trägern erreichen können.
Da reicht es doch, etwa tachles, die «Jüdische Zeitung» oder «Revue juive» zu lesen. Dort finden positive und kritische Geschichten statt. Was ist nun Ihr Ansatz?
Unsere Aufgabe erschöpft sich nicht im Thema Antisemitismus. Der SIG will ein diskriminierungsfreies, sicheres und prosperierendes Leben in der Schweiz fördern, Vorurteile abbauen und zeigen, wie sehr Schweizer Jüdinnen und Juden zum gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Leben beitragen, auch in Wissenschaft und Kunst. Wir möchten den Kreis der Empfänger vergrössern.
Da ist Selbstkritik zu hören. Hat der SIG selbst zu sehr Negatives kommuniziert und die Realität jüdischen Lebens dadurch verdeckt?
Das war notwendig, Antisemitismus steht leider immer noch im Zentrum. Ich spreche eher von einer Ergänzung, die schon mein Vorgänger, der heutige Vizepräsident angeregt hat. Gebremst hat uns auch der Anstieg antisemitischer Vorfälle nach dem 7. Oktober.
Kampagnen und Berichte zum Antisemitismus gab es lange vor dem 7. Oktober, der SIG hätte längst mit einem anderen Ansatz kommunizieren können.
Ich habe nicht gesagt, dass das die alleinige Ursache ist. Aber es hat die Umsetzung verzögert.
«Positive» Kommunikationsstrategien und Realitäten prallen da ein wenig aufeinander. Beispiel: Eine Parlamentarierin der Schweizerischen Volkspartei plant eine Motion gegen die Einfuhr von geschächtetem Fleisch. Sie sieht darin eine Umgehung des Schächtverbots.
Wir haben aufgezeigt, dass die Argumente nicht stichhaltig sind; viele Mitunterzeichnende ziehen sich zurück. Das Schächten ist ein wichtiger Teil jüdischer Identität; die ausgedachten Alternativen funktionieren nicht. Ich glaube nicht, dass diese Motion angenommen wird.
In der Romandie sind die Herausforderungen im Kampf gegen Antisemitismus grösser, zugleich wird heftig über Antisemitismus gestritten – das Verhältnis zwischen CICAD und SIG ist angespannt, es geht um Deutungshoheit.
Die Lage in der Romandie ist tatsächlich weit angespannter als in der Deutschschweiz – in Medien, Parteien, Verbänden, Universitäten. Wir sind mit unseren Westschweizer Gemeinden Mitglied der CICAD und suchen den Dialog mit der CICAD-Spitze und innerhalb des CICAD-Vorstands, um die Dokumentation und die Bekämpfung des Antisemitismus in der Westschweiz zu optimieren. Wir möchten das Verhältnis mit schriftlichen Vereinbarungen und einer Aufgabenteilung formalisieren, auch für Gespräche mit Behörden auf Anfrage unserer Gemeinden. Wird das Engagement der CICAD gegen den Antisemitismus angegriffen, stehen wir solidarisch an ihrer Seite. Differenzen gibt es auch in der auch Methodik: Wir differenzieren vermutlich mehr und sind in unserer Interpretation und Kommunikation der Daten tendenziell vorsichtiger. Uns geht es letztlich um die höchstmögliche Qualität.
Die rituelle Beschneidung, die Brit Mila, steht erneut in der Kritik: mögliche Beschneidungsverbote in europäischen Ländern, umstrittene Beschneidungspraktiken auch in der Schweiz, die teils justiziabel geworden sind. «Positive» Kommunikation wird da nicht helfen.
Wir haben gute Argumente, weshalb die Beschneidung als Teil der Religionsfreiheit möglich bleiben muss. Zudem hat der SIG angepasste Empfehlungen für Mohalim formuliert: bessere Aus- und Weiterbildung, Aufklärung der Eltern, das Kindswohl als oberstes Gebot, Hygiene gegen Infektionen. Die Konferenz der europäischen Rabbiner hat ähnliche Empfehlungen gemacht. Als Interessenvertretung arbeiten wir laufend mit Parlament und Parteien und sind zuversichtlich, den Status quo zu halten.
In der Schweiz sind mit dem Memorial und der Breslauer Bibliothek in Zürich zwei Projekte in Planung, die von der öffentlichen Hand gefördert werden, aber bei Weitem nicht zu Ende finanziert sind. Bei beiden soll die jüdische Seite Geld besorgen. Macht es Sinn, die jüdische Gemeinschaft noch weiter mit Millionenprojekten zu belasten?
Das Siegerprojekt des Memorials für jüdische wie nicht jüdische Opfer des Nationalsozialismus finde ich sehr gut; ich war in der Jury. Wir haben es mitangeregt, sind in der Trägerschaft, begleiten den Prozess aktiv und die Realisierung des Projekts ist finanziert.
Unterhalt und Vermittlung aber nicht. Bei beiden Projekten sind zur Endfinanzierung nochmals rund fünf Millionen Franken nötig.
Es braucht dafür sicher auch andere, private Geldquellen.
Zu grossen Teilen jüdische. Ist das nicht absurd?
Es ist zu hoffen, dass die öffentliche Hand auch den Unterhalt finanzieren wird. Dann erwarten wir private Gelder; gegen allfällige jüdische Spenden wehren wir uns nicht, wohl aber gegen einen Automatismus, wonach eine Minderheit von 0,2 Prozent der Bevölkerung alles oder namhaft bezahlt. Das gilt auch für das Erbe des 1854 gegründeten Breslauer Seminars, dessen Bibliothek zu einem Drittel von der US-Armee gerettet wurde. Dem Kanton Zürich danken wir für die Finanzierung von Vorbereitungsaufgaben und Gutachten und hoffen auf die Finanzierung der Renovations- und Digitalisierungskosten.
Zugleich suchen in anderen Städten jüdische Schulen und Institutionen Geld, auch die Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ). Man konkurrenziert sich um private Mittel.
Nicht zwingend. Die Breslauer Bibliothek ist ein Weltkulturerbe, eine Dienstleistung für die Forschung weltweit. Dafür kann es Quellen geben, die anderen Projekten nicht offenstehen – kein Nullsummenspiel. In der noch zu gründenden Stiftung sollen übrigens auch der Jüdische Weltkongress und die Israelische Nationalbibliothek Einsitz haben.
Vorige Woche hat die Expertenkommission für historisch belastetes Kulturerbe unter alt Bundesrätin Simonetta Sommaruga ihre erste Pressekonferenz gegeben. Sie sieht in der beratenden Kommission eine Pionierrolle. Das Gegenteil ist wahr: Die Schweiz ist eines der letzten Länder in diesem Bereich.
Ich habe bei Frau Sommaruga den Willen gespürt, belastete Kulturgüter konkret und mit dem Ziel fairer Lösungen zu behandeln. Schade ist, dass in vielen Fällen die Zustimmung der Eigentümer Voraussetzung bleibt; das schmälert die Wirksamkeit. Selbstkritik wäre angebracht; es kommt sehr, sehr spät – aber lieber spät als nie. Es ist ein echter Fortschritt.
Sie kommen von einer Konferenz der Diasporagemeinden in Jerusalem zurück. Man hat den Eindruck, Israel nehme die Diaspora nicht mehr ernst.
Die Beteiligung an der dritten J50-Konferenz mit dem Aussenministerium war sehr gut. Die Diaspora hat ihre Frustration klargemacht, zu wenig gehört zu werden. Aussenminister Gideon Saar zeigte Verständnis, aber Israel stehe an der Frontlinie und bekomme die Raketen ab. Gefunden haben wir uns in einer Deklaration: Wir stehen zum Existenzrecht Israels als Recht auf Selbstbestimmung, Israel darf nicht dämonisiert und mit anderen Ellen gemessen werden, Zionismus ist eine nationale Bewegung. Gemäss der Definition der International Holocaust Rememberance Alliance können Delegitimierung Israels oder doppelte Standards Antisemitismus bedeuten – bewusst als Kann-Formulierung.
Die Kernfragen sind andere: Wer ist jüdisch, welcher Übertritt wird akzeptiert? Der Graben zwischen Israel und der Diaspora, gerade in Amerika, ist massiv grösser geworden. Viele Jüdinnen und Juden haben Probleme mit Kriegsverbrechen Israels und wenden sich ab.
Es gibt auch viele, die bezweifeln, dass es Verbrechen waren. Deshalb sind Gefässe wie J50 wichtig. Wir haben betont, dass Aussagen israelischer Minister und Politiker von den hiesigen Medien übernommen werden und Folgen für Jüdinnen und Juden in der Diaspora haben.
In Israel stehen Wahlen an. In Europa kritisiert der SIG autokratische, rechtsextreme Kräfte. Zu Israels rechtsextremer Regierung wird geschwiegen. Unterscheiden Sie zwischen jüdischen und nicht jüdischen Rechtsextremen?
Wir qualifizieren die Regierung nicht und sind in der Beurteilung israelischer Politik sehr zurückhaltend, wünschen aber die Einhaltung demokratischer Prinzipien. Bei der Justizreform haben wir interveniert: Gewaltentrennung und demokratischer Diskurs müssen bleiben. Ich hoffe, dass die Wahlen sauber ablaufen.
Diese Hoffnung ist dahin, wenn Palästinenser im Westjordanland vertrieben oder arabische Parteien nicht zugelassen werden.
Auch das wurde von einer höheren Instanz rückgängig gemacht. Das ist ein innerisraelischer Diskurs. Wir sind mit Israel verbunden, aber unser Einfluss ist praktisch null, und wir sind nicht verantwortlich für das, was dort geschieht.
Die grösste Mitgliedsgemeinde, die ICZ, will zwei Millionen sparen, anderen Gemeinden geht es noch schlechter, Familien leiden unter dem teuren jüdischen Leben, wie kürzlich Noemi van Gelder, Präsidentin des Verbands Schweizerischer jüdischer Fürsorgen, konstatierte. Ist das ein Thema für Sie?
Natürlich. In einem neuen Online-Austausch der SIG-Gemeindepräsidien ging es darum, wie man spart und das Gemeindeleben trotzdem aufrechterhält. Aber ich korrigiere das Bild: Was Beteiligung und Gemeinschaftsleben betrifft, geht es unseren Gemeinden gut. Finanziell gibt es zum Teil Schwierigkeiten.
Die grossen Gemeinden tragen die Infrastruktur; es stehen grosse Kosten an in Bezug auf die Instandstellung von Synagogen, Friedhöfen und anderer Infrastruktur. Gleichzeitig fordert der SIG höhere Mitgliedsbeiträge der Gemeinden, statt selbst mehr zu sparen.
Wir sparen mit Erfolg: Das jahrzehntelange Defizit tendiert dank einem gezielten Sparprogramm und Drittmittelbeschaffung gegen null. Dank dem Engagement des SIG …
… und vor allem dem lokalen Engagement der Mitgliedsgemeinden …
… wurden die Beiträge von Bund, Kantonen und Städten für die Sicherheit massgeblich erhöht – eine Entlastung. Die aktuellen Mitgliederbeiträge unserer Gemeinden an den SIG halte ich für folgerichtig, weil die gesamtschweizerischen Aufgaben zunehmen: ein aktiveres Parlament, aufwendigere Kontakte zu Behörden und Parteien, die Strategie gegen Antisemitismus. Ein Aktionsplan auf der Grundlage der Strategie gegen Rassismus und Antisemitismus des Bundes mit richtiger Finanzierung würde den SIG und die Gemeinden weiter entlasten, darauf hoffen wir.