Im Schatten des eskalierenden Konflikts zwischen Israel, den USA und Iran wächst in Europa die Sorge um die Sicherheit jüdischer und israelischer Institutionen – auch in der Schweiz.
Vorfälle in Belgien, den Niederlanden und Grossbritannien verdeutlichen, dass Synagogen, Schulen und diplomatische Vertretungen zunehmend ins Visier von Anschlägen und Gewaltakten geraten. Im Zentrum steht dabei die Frage nach der aktuellen Sicherheitslage für jüdische und israelische Institutionen, auch mit Blick auf die Schweiz. Zwei Experten erklären im Gespräch mit tachles, woher diese Bedrohung kommt und warum sie heute vielschichtiger ist als früher.
Irans asymmetrischer Krieg
Für den Terrorismusforscher Adrian Hänni ist die Bedrohungslage Teil einer längerfristigen Entwicklung. «Das ist nichts, was erst seit dem jüngsten Angriff auf den Iran entstanden ist», sagt er. Spätestens seit dem Zwölftagekrieg im Juni 2025 hätten iranische Aktivitäten in Europa zugenommen, «häufig über Stellvertreter».
Auffällig sei dabei eine klare Verschiebung der Ziele. «Diese Aktivitäten richteten sich lange vor allem gegen iranische Dissidenten im Exil», erklärt Hänni. Inzwischen aber hätten sie sich «auf jüdische und israelische Ziele ausgeweitet – etwa israelische Botschaften in Stockholm oder Kopenhagen, aber auch Synagogen in Deutschland». Mehrere solcher Operationen seien 2025 aufgedeckt worden, teils bereits kurz vor der Umsetzung.
Für Hänni folgt das einer klaren Logik: Der Iran versuche in einem asymmetrischen Konflikt, «die Kosten für die westlichen Staaten in die Höhe zu treiben». Dazu nutzt er Mittel wie Angriffe auf Energieinfrastruktur im Nahen Osten oder Drohungen rund um die Strasse von Hormus, eine der wichtigsten globalen Öltransportrouten.
Vor diesem Hintergrund erscheinen auch mögliche Angriffe in Europa als Teil derselben Strategie. «Aus Sicht des Irans ist es eine Möglichkeit, zurückzuschlagen, indem man weiche Ziele angreift – vor allem israelische Ziele in Europa», sagt Hänni. Diese sind vergleichsweise leicht zugänglich, entfalten aber eine grosse politische Wirkung, wie jüngste Vorfälle in Belgien, den Niederlanden oder Grossbritannien zeigen.
Proxy-Strategien
Ob hinter den jüngsten Angriffen in Europa tatsächlich iranische Dienste stehen, lässt sich derzeit nicht eindeutig belegen. Dennoch spreche «einiges dafür, dass es über Stellvertreter durchgeführte Operationen waren», sagt Hänni.
Ein Hinweis ist für ihn der Ablauf der Anschläge. In mehreren Fällen hätten sich kurz nach den Taten islamistische Tarngruppen zu den Angriffen bekannt. «Diese Bekennerschreiben wurden teilweise mitten in der Nacht und sehr schnell über verschiedene Kanäle verbreitet», so Hänni. Gleichzeitig seien sie von Milizen im Nahen Osten weiterverbreitet worden. «Das spricht eher gegen die These, dass es einfach frustrierte Einzelpersonen waren, die spontan gehandelt haben».
Stattdessen deutet vieles auf ein bestimmtes Muster hin: Anschläge werden nicht mehr direkt von staatlichen Akteuren ausgeführt, sondern ausgelagert. Hänni spricht von zwei zentralen «Outsourcing»-Strategien, die der Iran verstärkt nutzt.
Der erste Weg führt über kriminelle Netzwerke in Europa. «Man hat mit solchen Gruppen zusammengearbeitet, etwa mit Foxtrot oder Rumba in Schweden», sagt Hänni. Deren Anführer erhalten im Iran Schutz vor Strafverfolgung, im Gegenzug führen sie Aufträge aus. «Der Anschlag auf die israelische Botschaft in Stockholm wurde mutmasslich über ein solches Netzwerk organisiert.» Auch in Deutschland seien Verbindungen bekannt geworden: «Ein Mitglied der Hells Angels hat Anschläge auf Synagogen vorbereitet, im Auftrag des Irans.»
Der zweite Weg läuft über sogenannte «Wegwerfagenten», die meist online rekrutiert werden. «Das funktioniert wie eine Art Gig-Economy», erklärt Hänni. «Über Plattformen wie Telegram werden Aufträge ausgeschrieben, und junge Menschen übernehmen gegen Bezahlung einzelne Aufgaben.» Oft handelt es sich dabei um Personen in prekären Lebenssituationen, die für vergleichsweise geringe Summen bereit sind, Sabotageakte oder Brandanschläge auszuführen. Die Kommunikation bleibt anonym, persönliche Kontakte gibt es nicht. «Sie schicken ein Video, dass es brennt – und erhalten dafür postwendend Geld, meist in Kryptowährungen», so Hänni.
Gerade diese Kombination aus Auslagerung, Anonymität und einfacher Rekrutierung erschwere die Arbeit der Sicherheitsbehörden. Die Täter vor Ort erscheinen als Einzeltäter, doch die Struktur dahinter bleibt oft im Verborgenen. Für Hänni ist deshalb entscheidend, genau hinzusehen: «Wenn man den Modus Operandi anschaut, spricht einiges dafür, dass es sich um koordinierte Proxy-Aktionen handelt.»
Terrorziel Schweiz
Hinweise auf vergleichbare Proxy-Strukturen in der Schweiz gibt es derzeit nicht, dennoch sieht Adrian Hänni keine Entwarnung. Die Schweiz sei «keine Insel der Glückseligkeit», sondern Teil Europas und damit grundsätzlich auch Teil dieser Strategien.
Dass das Risiko hierzulande geringer eingeschätzt wird, hat strukturelle Gründe: Es fehlen stark vernetzte kriminelle Milieus wie in Skandinavien. Auch die Rekrutierung von «Wegwerfagenten» ist schwieriger. «Die Schweiz ist ein wohlhabendes Land mit einem funktionierenden sozialen Sicherungssystem», so Hänni. «Es gibt hier weniger junge Menschen, die man für geringe Beträge für solche Aktionen gewinnen kann.» Entsprechend sei die Wahrscheinlichkeit von Anschlägen in anderen europäischen Ländern derzeit höher, «aber natürlich kann auch in der Schweiz etwas passieren».
Die Sicherheitsbehörden nähmen die Lage ernst. Der Schweizer Nachrichtendienst habe nach Beginn des aktuellen Konflikts selbst darauf hingewiesen, dass iranische Aktionen auch hierzulande möglich seien. «Das spricht dafür, dass man es als reale Bedrohung wahrnimmt», sagt er. Zudem gebe es einen Austausch mit europäischen Partnern.
Einzeltäter und Dynamiken
Die teils staatlich beeinflussten Strukturen sind nur ein Teil der aktuellen Sicherheitslage. Eine zweite Dimension liegt in der Gewalt, die von Einzelpersonen ausgeht. Der forensische Psychologe Jérôme Endrass richtet den Blick auf Individuen, die nicht Teil klassischer Netzwerke sind, sondern eigenständig handeln, oft impulsiv, mit einfachen Mitteln und getrieben von dem, was sie in ihrem Umfeld wahrnehmen.
Aus forensischer Sicht stehe dabei weniger die Organisation im Zentrum als vielmehr das Verhalten einzelner Personen. «Das sind nicht unbedingt klassische Extremisten, sondern oft ganz normale Social-Media-Konsumenten», erklärt Endrass. Menschen, die die Ereignisse verfolgen, sich emotionalisieren lassen und sich «berufen fühlen, gewalttätig in Erscheinung zu treten». Diese Dynamik zeigt sich auch in der Schweiz, etwa bei den antisemitischen Vorfällen in Zürich und Winterthur. «Das sind im Moment die grosse Mehrheit der Fälle», sagt er.
Diese Form des «modernen Extremismus» ist weniger planbar und oft unmittelbarer. Die Täter seien häufig labil, teilweise psychisch krank, aber nicht zwingend. Entscheidend sei dabei vielmehr die Dynamik im Umfeld. «Je intensiver berichtet wird und je stärker das Ganze auch auf der Strasse rezipiert wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass jemand die Schwelle zur Gewalt überschreitet», so Endrass.
Die Zielwahl überschneidet sich dabei häufig mit den von Hänni beschriebenen Mustern: Häufig handelt es sich um weiche Ziele, bei denen mit relativ wenig Aufwand grosser Schaden angerichtet werden kann, sagt Endrass, und verweist etwa auf das Attentat am Bondi Beach im Dezember 2025.
Diese Entwicklung sei nicht neu, habe sich aber seit dem Gaza-Krieg deutlich verstärkt. Zwar mobilisiere der aktuelle Konflikt mit dem Iran weniger stark, «aber die Grundspannung ist nicht verschwunden».
Zwischen Parolen und Prävention
Eine grundsätzliche Unterschätzung der Lage sieht Endrass in der Schweiz nicht. «Das wird ernst genommen», sagt er. Gerade in Kantonen wie Zürich bestehe ein enger Austausch zwischen Behörden und jüdischen Gemeinden.
Sorge bereitet ihm jedoch die Dynamik im öffentlichen Raum. «Dort, wo sehr emotionalisiert und unbedacht reagiert wird, bahnt sich etwas an.» Besonders sichtbar sei das bei Demonstrationen: «Da beginnt es mit ‹From the river to the sea› und endet bei ‹Kill your local zio›.» Solche Entwicklungen würden oft relativiert. Dabei sei Sprache zentral: Wenn sich Feindbilder verfestigen, «werden jüdische oder israelische Objekte zunehmend als legitime Ziele wahrgenommen».
Prävention setzt deshalb früh an. Im Bedrohungsmanagement werden Hinweise gesammelt und Personen eingeschätzt, oft lange vor einer Tat. Entscheidend sei, gefährdete Individuen früh zu erkennen und aufzufangen. «Wenn man davon ausgeht, dass es vulnerable Individuen gibt, braucht es entsprechende Netzwerke, die reagieren können.»
Zugleich werde Extremismus zunehmend schwerer einzuordnen. Ein gemeinsamer Nenner bleibe jedoch häufig bestehen: «Es gibt relativ wenige Extremisten, die nicht antisemitisch sind.»
Eine Entwicklung mit Verzögerung
Wie sich die Bedrohungslage langfristig entwickelt, lässt sich laut Endrass noch nicht abschliessend beurteilen. «Bis man da mit der Forschung nachkommt, dauert es eine Zeit», sagt er. Der Gaza-Krieg habe jedoch bereits gezeigt, wie stark solche Konflikte gesellschaftlich wirken können.
«Da gab es vieles, was man so nicht erwartet hatte.» Eine offenere Form von Antisemitismus sei wieder sichtbar geworden – auch an Hochschulen. Endrass verweist auf eine Schmiererei an der Universität Konstanz, die besagte: «Die Juden sind unser Unglück». «Vor zehn Jahren wäre ich weniger auf die Idee gekommen, eine Vorlesung zum Thema Antisemitismus anzubieten», sagt er. Heute sei das notwendig.
Die aktuelle Bedrohung für jüdische und israelische Institutionen lässt sich damit nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Sie entsteht im Zusammenspiel geopolitischer Strategien und gesellschaftlicher Dynamiken, zwischen staatlich beeinflussten Operationen und individuell motivierter Gewalt, zwischen internationalen Konflikten und lokalen Entwicklungen.