Wolf Biermann wird im November 90 Jahre alt, vor 50 Jahren wurde er aus der DDR ausgebürgert, nun erscheinen erstmals seine Tagebücher – ein Gespräch über Zeitgeschichte, die vernichtete jüdische Familie und ein Dichterleben.
tachles: Wolf Biermann, Sie feiern im November Ihren 90. Geburtstag, 50 Jahre nach Ihrer Ausbürgerung aus der Deutschen Demokratischen Republik (DDR).
Wolf Biermann: Wie zögerlich Sie dieses Wort über die Schweizer Lippen kriegen, als würden Sie beim Reden überlegen, wie Kleist in seinem Essay «Über die Verfertigung der Gedanken beim Reden» meinte: Ist das wirklich eine demokratische, ist es eine wirkliche Republik? Und ist sie eigentlich deutsch, wo die Russen in Moskau doch bestimmen, was in Berlin richtig und falsch ist? Sehr schön, wie Sie das ausgesprochen haben.
Sie nennen sich einen deutsch-deutschen Dichter: in Hamburg geboren, freiwillig in den Osten gegangen, unfreiwillig zurückgeschickt. Für viele Ostdeutsche ist 1989 das einschneidende Datum, für Sie 1976. Teilt sich Ihr Leben seither in zwei Leben?
Mein Leben blieb nach der Ausbürgerung in vielen Punkten konstant, ich schrieb weiter Gedichte und Lieder. Und gleichzeitig wurde es ein absolut anderes Leben. Ich kam aus dem Ostblock in die westliche Welt. Und zum ersten Mal leckte ich an der grossen Menschheit, die ich ja gar nicht kannte, und konnte mich frei in der Welt bewegen. 1976 war der zweite entscheidende Bruch meines Lebens. Der erste war, als ich mit 16 auf eigene Faust in die DDR ging, mithilfe meiner Mutter, klar, aber nicht, weil sie es wollte. Vielmehr wollte ich auch ihr entfliehen. In der Pubertät werden die Eltern so schrecklich kompliziert. Und als ich 1953 Bürger der DDR wurde, wunderte ich mich, dass mir so viele Menschen entgegenkamen. Millionen hauten damals ab, die nicht in der Diktatur leben wollten. Aber ich, der kleine Wolf Biermann, hatte auch meine guten Gründe, ich wusste damals ganz genau, warum ich in den Osten gehe.
Sie wollten nicht nur Ihrer lebenden Mutter entfliehen, sondern auch Ihren toten Vater suchen im Kommunismus.
Nebenbei wollte ich meiner Mutter den Gefallen tun, und meinen Vater rächen, wie sie es nannte. Was das konkret heissen sollte, wusste sie selber nicht. Ich sollte den Kommunismus aufbauen und wenigstens die Menschheit retten. So einen kleinen Gefallen kann man seiner Mama doch mal tun! Beim Klassenfeind im Westen konnte ich das nicht lernen. Deshalb musste ich in den kommunistischen Osten.
In Ihrer Biografie «Warte nicht auf bessere Zeiten» beschreiben Sie die Bombennacht in Hamburg, in der Ihre Lebensuhr stehen geblieben ist.
Ich habe nichts vergessen aus dieser einen Nacht, kein Gesicht, kein Wort, keinen Geruch, keine Farbe. Es war ein Inferno, 40 000 Menschen sind verbrannt und erstickt. Wir mussten aus dem Keller, als das Haus über uns niederbrannte, durch einen Mauerdurchbruch auf die Strasse und weiter durchs Feuer. Wir sahen, wie die Menschen vor uns abbrannten, mit Phosphor übergossen. Und mir ist erst später aufgefallen, als ich ein ausgewachsener Mensch war: Kein einziges Kind hat in dieser Nacht geweint. Kein Kind hat «Mama» gerufen. Die Kinder waren absolut stumm. Ich auch. Tja, jetzt wissen Sie, warum ich so gerne erzähle. Kennen Sie das Märchen von den Tönen, die in der Trompete erfroren sind, und erst herauskommen, wenn es wärmer wird? Meine Erzählerei, das könnte ich so hindrehen und das ist keine Lüge, kommt von dieser Nacht, in der mir so viel im Kinderhals stecken geblieben ist.
Heute fliehen wieder Kinder vor Bomben, in Nahost, in der Ukraine. Woran denken Sie?
Ich weiss nur, dass die Tränen aller Mütter, wenn der Sohn als Soldat fällt, sehr salzig sind. Wenn ich an die toten ukrainischen Soldaten denke, die das Land gegen Putins Diktatur verteidigen, denke ich auch an die russischen, die Putin in den Krieg schickt und deren Mütter ebenfalls weinen. Selenskyj, wahrscheinlich ein Jude wie ich, nämlich ohne viel Religion, wird von Putin und Konsorten ein Faschist genannt. Er ist ein tapferer Demokrat, der eine sehr unvollkommene Demokratie verteidigt gegen eine vollkommene Diktatur. Da bin ich auf seiner Seite. Leute wie Sie und mich erschüttert aber noch etwas anderes viel tiefer. Und das sind die Leute, die Netanjahu helfen, an der Macht zu bleiben und nicht wegen Korruption angeklagt zu werden. Smotrich und Ben-Gvir sind jüdische Faschisten. Keine Nationalsozialisten, keine Hitler-Leute, aber Faschisten. Das sind Leute, die sich mit totalitären Machtmitteln die Herrschaft über andere erobern und bestimmen, wie die zu leben haben.
Das Wort Faschismus findet in Deutschland wieder Einlass in die Debatte. Ist das eine falsche Analogie? Haben Sie Angst?
Nein, das ist korrekt. Der neu aufkommende Faschismus weltweit bedroht unsere Demokratien. Und natürlich habe ich Angst. Oder wie Heinrich Heine eleganter sagt: «Nur Narren fürchten nichts.» Die Frage ist dabei immer: Habe ich die Angst, oder hat die Angst mich? Dieser Kampf hat nur einen Sinn, wenn man die Angst hat.
Sie und Ihre Generation haben zwei Diktaturen überlebt und haben die besseren Seismografen.
Die eigenen Erfahrungen schärfen den Sinn, aber sie vernebeln ihn auch. Wer kein Bild von der Vergangenheit hat, erkennt die Gegenwart nicht. Ich sehe die Welt mit meinen Augen, andere habe ich ja nicht. Und ich sehe diesen Silicon-Valley-Faschisten im Weissen Haus, von Machtmilliardären gesponsert. Aber in den USA, wo ich so wunderbare Menschen getroffen habe wie selten, gibt es eben auch diese totalitären Kräfte. Unterdrückung, Lüge, Einschüchterung, Heuchelei. Und die einzige Wahrheit, die ich am Ende meines Lebens mitteilen könnte, die ich endlich begriffen habe, ist: Die Menschheit gerät immer wieder in Phasen, in denen sie den neuen Widrigkeiten nicht gewachsen ist, und herumirrt wie kleine Kinder. Wie in Heines Gedicht «Enfant perdu»: «Verlorener Posten in dem Freiheitskriege, hielt ich seit dreissig Jahren treulich aus.» Heine hat das Wort «Freiheitskrieg» erfunden. Vorher gab es nur den Plural, die «Freiheitskriege» – gegen Napoleon. Aber «der Freiheitskrieg», das kann ich unter Eid aussagen, tobt seit Beginn der Menschheit. Und das scheint das Grundgesetz der menschlichen Gesellschaft zu sein, seitdem wir keine Affen mehr sind. Wir müssen ertragen, dass die Freiheit immer wieder bedroht ist und verteidigt werden muss, dass dieser Kampf wehtut und viel dabei kaputtgeht. Billiger ist das Leben leider nicht zu haben. Ich sage es, obwohl es mich ärgert, mir selber zuzuhören, denn ich wünschte, ich hätte Unrecht.
Sie sprechen vom Dritten Weltkrieg. Welches Szenario meinen Sie konkret?
Wir leben in einer Vorkriegszeit, das ist kein hysterisches Kinderwort von mir. Die Menschheit hat inzwischen die Fähigkeit, sich selber auszurotten, das ist neu. Hätte Hitler 1945 im Führerbunker die «Wunderwaffe» gehabt, von der er immer getönt hat, hätte er sofort den roten Knopf gedrückt und uns alle mitgenommen in seinen Tod. Ich gehe vor allem von Russland aus. Wenn Putin aus irgendwelchen Gründen doch die Atombombe wirft, geht ein Mechanismus los, den keiner mehr stoppen kann. Ausser wir beide hier im Studio natürlich, aber auf uns hört ja keiner (lacht).
Seit 1954 schreiben Sie Tagebuch, rund 250 Bände, über 50 000 Seiten, für niemanden, nicht einmal für sich selbst. Jetzt erscheint der erste Band. Warum haben Sie damit begonnen?
Ich fing damit an, lange bevor ich auf die verrückte Idee kam, Gedichte oder Lieder zu schreiben. Ich war siebzehn, im ersten Jahr in der DDR, im Internat. Ich habe nie durchdacht, warum ich anfing. Vielleicht wollte ich mich nicht im Kreis drehen, sondern fixieren, was ich denke und fühle, um einen Schritt weiterzugehen. Das Tagebuchschreiben wurde dann wie Luft holen, wie vegetatives Nervensystem – man denkt ja auch nicht bei jedem Atemzug nach, ob man noch einmal Atem holt. Am Anfang waren die Bücher im DIN-A4-Format, ein Kontorbuch, viel zu gross für die Tasche. Und als mein Leben komplizierter wurde und ich verboten wurde, ging ich zunächst auf A5-Format über. Aber 1968, nach der blutigen Niederschlagung des Prager Frühlings, der all unsere Hoffnung gewesen war, nahm ich nur noch A6-Formate, denn so ein Buch passt in die Jackentasche. Ich habe nie abends ein Resümee des Tages notiert, sondern, egal wann, das, was ich nicht vergessen wollte: einen Namen, eine Formulierung, einen Witz, einen Ärger über irgendwas.
Schlagen Sie selbst darin nach und verändert sich das Werk, wenn es öffentlich wird?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe keine Lust, in meinen eigenen Eingeweiden zu lesen. Pamela hat darin gelesen für unsere Arbeit, es sind bereits Aufzeichnungen vieler Jahre transkribiert. Und als ich in meiner Autobiografie etwas schrieb, sagte sie manchmal: «Wolf, so stimmt das nicht. In deinem Tagebuch steht es leider anders …» Daran sieht man mal, dass Zeitzeugengespräche viele Jahre später mit Historikern sehr problematisch sein können. Und ja, das Tagebuch-Werk entfernt sich von mir und beginnt ein Eigenleben, auf das ich so viel und so wenig Einfluss habe wie auf eines meiner Kinder. Herausgegeben wird dieser Band von dem Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der mit seinem Team die Auswahl getroffen hat.
Was gilt für Sie mehr, wenn Sie sich selbst erzählen: die Geschichte, wie Sie sie im Gedächtnis haben, oder die Fakten im Tagebuch?
Ich habe den fast hysterischen Ehrgeiz, die Wahrheit zu schreiben. Ich weiss auch, warum: Weil ich in der stalinistischen Lügengesellschaft gelebt habe. Und das hat mich so tief erschüttert, gekränkt, angestachelt, dass ich einen übertriebenen Wunsch zur Wahrheit habe. Ich sehe auch kleine Lügen nicht so lax, wie man sie sehen sollte. Das ist eine Schiefheit meines Charakters, mit der ich leben muss. Und heute, in der digitalen Welt, ist der Kampf um die Wahrheit erneut brutal entfacht.
Wissend um die Gefahr, in der Sie in der DDR gelebt haben: Haben Sie im Tagebuch Dinge verheimlicht, die Ihnen oder anderen gefährlich hätten werden können?
Ich habe im Tagebuch, wie in den Gedichten und Liedern, immer genau das geschrieben, was ich denke und fühle. Die Staatssicherheit sollte von mir ruhig alles wissen, meine Ängste, meine Zweifel, meine Wut. Aber ob ich mich mit dem oder jenem getroffen habe, um ein Manuskript irgendwohin zu schmuggeln oder eine Tonaufnahme zu verstecken, solche Sachen habe ich niemals notiert. Was ich denke, kann jeder wissen. Was ich tue, geht keinen was an.
In den Tagebüchern beginnt Ihre Auseinandersetzung mit dem Judentum und Ihrer Familie viel früher, als man es vom öffentlichen Biermann kennt.
Darüber habe ich nie nachgedacht, aber es stimmt. Ich war jüdischer als mein jüdischer Vater. Der war Kommunist und fast froh, den ganzen Judenkram von seiner Familie los zu sein. Aber ich in der nächsten Generation lebe wieder in einer anderen Konstruktion der Weltgeschichte. Nicht nur mein Vater wurde ermordet, sondern seine Eltern, seine Geschwister, meine Cousins und Cousinen, weil sie Juden waren. Diese Hamburger Juden wurden 1941 nach Minsk deportiert und dort ohne eine einzige Ausnahme in die Grube geschossen. Ich bin der Einzige von ihnen, der überlebt hat. Das hat mich im allerbesten Sinne verjudet, ohne lieben Gott, ohne Religion. Ich sah mich immer als Jude und bin in gewissem Sinne noch jüdischer geworden durch meine Einsamkeit im Kampf gegen die Diktatur. Ich fühlte mich einsam und fragte mich, wohin ich gehöre, wenn ich mit den stalinistischen Kommunisten in der Parteiführung in einen Streit auf Leben und Tod gerate.
Ich staunte beim Lesen, wie früh das in den Tagebüchern schon auftaucht.
Ich staune über beides: Es kommt öfter vor, als mir bewusst war, und später seltener, als es eigentlich sein sollte. Ich habe diese Jüdischkeit lange mit kommunistischem Hochmut beiseitegedrängt, das war eine Pose, die wir fast alle hatten. Mein Freund Jurek Becker, der aus dem polnischen Ghetto nach Deutschland kam, blaffte mich an, wenn ich mit ihm über Jüdischsein reden wollte: Ich bin kein Jude, ich bin Kommunist! Ich fragte ihn einmal, warum er nach dem Holocaust, nach dem Mord an seiner ganzen Familie, ausgerechnet nach Deutschland gegangen ist, in die DDR. Da sagte er, sein Vater habe gesagt: Mein Junge, es gibt nur ein Land in ganz Europa, wo die Antisemiten wirklich verloren haben, und das ist Deutschland. In Polen doch nicht!
Die Tagebücher heissen «Ihr löscht das Feuer mit Benzin». Warum dieser Titel der Stasi-Ballade?
Pamela hat diesen Titel aus einem meiner Spottgedichte auf die Bonzen der Partei rausgefischt. Er ist ein wunderbares Beispiel für praktische Dialektik: Durch das Total-Verbot haben mich die Bonzen so bekannt gemacht, dass ich sehr, in ihrem Sinne: zu populär wurde. Sie wollten mich einsperren, nach Bautzen, das hatten sie sich somit verbaut. 1976 beschlossen die Herrschenden im Politbüro dann, mit zwei Stimmen Mehrheit, dass es billiger wird, mich auszusperren statt einzusperren. Denn ein populärer Dichter in der Zelle singt noch lauter, durch Tonbandgeräte, Kopien, Abschriften. Also haben sie mich entsorgt in den Westen. Aber auch das ging für sie nach hinten los.
Was erwartet uns bei den kommenden Konzerten?
Es wird sehr verschiedene Konzerte geben, wir haben Freunde eingeladen und auf sie freue ich mich. Und ein Solo-Konzert findet im Berliner Ensemble statt, dem Ort, wo ich von 1957 bis 1959 Regieassistent war. Dort bin ich überhaupt erst auf die Idee gekommen, dass ich Gedichte und Lieder schreiben könnte. Ich hoffe, dass ich mich nicht blamiere als alter Sack von 90 Jahren auf der Bühne. Ich werde künstlerisch immer besser, aber auch immer klappriger, die Finger auf der Gitarre, die Stimme. «Kein Mensch hält ewig», hat Brecht geschrieben, «einige halten etwas länger.» Ich singe Lieder aus der DDR-Zeit und zeige, wie gut es war, dass ich ausgebürgert wurde, obwohl ich es damals erlitten habe wie einen Mord. Dazu neue Lieder von meinem neuen Album, auch über den Konflikt Israels mit seinen Nachbarn. Und ein Spottlied über die Liebespaare der Weltgeschichte: Romeo und Julia, Hitler und Stalin, Trump und Putin, aber auch Pamela und Wolf Biermann.
Viele sagen, Ihre Lieder und Gedichte seien der erste Riss in der Mauer.
Als die Mauer fiel, hatte ich sehr gemischte Gefühle: erschüttert, begeistert, erschreckt, beleidigt und neidisch, weil ich nicht in der DDR sein konnte. Ich wusste immer ganz genau, dass die DDR länger hält als ich, dass die Mauer noch mindestens 50 oder 100 Jahre steht. Als sie zusammenbrach, war ich überrumpelt, froh, dass ich mich so wunderbar geirrt hatte, auch stolz auf meinen kleinen Anteil daran. Die Leute haben meine Lieder gesungen und verbreitet und sind dafür ins Gefängnis gekommen. Es wäre schäbig gegenüber solchen Leuten, zu vergessen, dass man mit dem, was man getan und vorgelebt hat, etwas bewirkt hat.
Sie werden 90 und haben es zur Tradition gemacht: Seit ihrem 30. Geburtstag schreiben Sie zur Dekade eine Ballade mit einer Konklusion.
Das stimmt! Diesmal ist es ein «Selbstporträt im 90. Jahr». Und da heisst es: «Fremd liege ich meinem Heil-Hitler-Volk bei / West-Ost bin ich westwärts geritten / Geboren vorm Weltkrieg Nummer Zwei / Und sterbe nun kurz vor dem Dritten.»
Ich hoffe, ich irre mich.